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| 17:16 Uhr

„Herzensmenschen“
Gutes denken, Gutes sprechen, Gutes tun

 Ein engagierter Luckauer mit bewegender Geschichte: Hamed Asrami auf der heimischen Couch.
Ein engagierter Luckauer mit bewegender Geschichte: Hamed Asrami auf der heimischen Couch. FOTO: LR / Liesa Hellmann
Luckau. 2015 muss sich der Luckauer Hamed Asrami fragen: „Bleiben oder gehen?“ Eine Entscheidung, die er nicht leichtfertig treffen kann. Denn der Weg in die Freiheit kostet ihn beinahe das Leben.

Ein bärtiges Gesicht, die Hände gefaltet erhoben, zwei mächtige ausgebreitete Flügel, die aus einem menschlichen Körper hervorgehen, der in Schwanzfedern endet. Halb Mensch, halb Vogel ist das persische Symbol Faravahar. Heute ist das Symbol für viele Perser nicht mehr an eine Religion gekoppelt, sondern Ausdruck einer Lebenseinstellung. So auch für Hamed Asrami.

Die drei Federreihen der Flügel stehen dafür, „Gutes zu denken, Gutes zu sprechen und Gutes zu tun“, erklärt der 31-jährige Luckauer. Das Symbol Faravahar begleitet ihn überall hin – an einer Kette trägt er es um den Hals, in seiner Wohnung steht eine Statue der Figur.

Gutes sprechen und Gutes zu tun fällt Hamed Asrami augenscheinlich nicht schwer: Seine Freundlichkeit und Aufgeschlossenheit ist ansteckend, er engagiert sich bei der Kirche, in einem christlichen Verein und bei „Mensch Luckau“. Auch in Stücken der Theaterloge hat er bereits mitgespielt. Dass es ihm auch gelingt, positiv zu denken, grenzt angesichts der Geschichte, die Hamed Asrami erlebt hat, beinahe an ein Wunder.

Im Iran drohen Hamed Asrami Gefängnis oder gar der Tod

Sie beginnt im Spätherbst 2015. Hamed Asrami steht vor einem Wohnblock in Maschhad, einer Stadt im Nordosten des Iran. Gerade macht der Gebetskreis, an dem er teilnimmt, eine kurze Pause. Warum er für die Unterbrechung die Wohnung verlassen hat, weiß er nicht mehr. Es rettet ihm vermutlich das Leben.

Denn Hamed Asrami tut etwas, was im Iran für ihn lebensgefährlich ist. Er interessiert sich für das Christentum, beginnt mit Freunden über den Glauben zu sprechen, zu beten. Zwar ist das Christentum, ebenso wie das Judentum, im Iran als religiöse Minderheit anerkannt, was den Gläubigen staatlichen Schutz und Sitze im Parlament zusichert. Das gilt jedoch nicht für Muslime, die den Glauben wechseln. Ihnen droht im Iran lebenslange Haft bis hin zur Todesstrafe.

 Herzensmenschen
Herzensmenschen FOTO: LR / Schubert, Sebastian

Hamed Asrami kommt aus einer Familie, in der der muslimische Glaube einen hohen Stellenwert hat. Mit seinem Vater habe er deshalb oft gestritten, erzählt er. Dass er sich als Christ begreift, weiß seine Familie 2015 noch nicht. „Wir konnten uns nicht einfach öffentlich zum Beten treffen“, berichtet Asrami. „Wir mussten das immer heimlich tun.“ Zum Beispiel in einer Wohnung irgendwo in der Millionenstadt Maschhad.

Als Hamed Asrami auf der Straße vor dem Wohngebäude steht, nähern sich zwei Autos. Anhand der Nummernschilder habe er erkannt, dass es sich um die iranische Geheimpolizei handle, berichtet er. Die Mitglieder der Gebetsgruppe, die noch in der Wohnung sind, werden festgenommen.

Eine Entscheidung, die sein Leben verändern wird

Angst ergreift Hamed Asrami, er weiß nicht, was er tun soll. In die Wohnung kann er nicht mehr zurückkehren, doch dort steht eine Tasche, in der auch Papiere von ihm sind. Für Asrami steht fest, dass er nun in großer Gefahr ist.

„Niemand meiner Familie wusste von den Treffen. Aber als die Polizei kam, war ich so aufgeregt, dass ich sofort meinen Bruder angerufen und ihm erzählt habe, was passiert ist“, erinnert er sich. Dann nimmt er den Bus nach Isfahan, eine Großstadt in der Landesmitte. Dort kann er bei einem Freund für eine Weile unterkommen.

Es ist eine schwere, folgenreiche Entscheidung, die Hamed Asrami treffen muss. Wagt er die Flucht, muss er Familie und Freunde zurücklassen. Der Weg nach Europa ist voller Gefahren – laut den Vereinten Nationen ertranken allein im Jahr 2015 3771 Menschen auf der Flucht im Mittelmeer. Doch für Hamed Asrami steht fest, dass er seinen Glauben frei ausleben will. Er entschließt sich zur Flucht. Diese Entscheidung kostet ihn beinahe das Leben.

Schiffbruch auf dem Mittelmeer

In der Türkei besteigt Hamed Asrami gemeinsam mit etwa 80 weiteren Menschen ein Schlauchboot, mit dem sie über das Mittelmeer nach Griechenland übersetzen wollen. Nachts legen sie ab. „Wir haben gedacht, dass noch jemand von den Schleusern kommt, um das Boot sicher zu steuern“, berichtet Hamed Asrami. Doch dazu kommt es nicht, die Schleuser schicken die Männer, Frauen und Kinder allein auf die See. Mitten auf dem Meer kommt es zur Katastrophe. Der Motor gibt den Geist auf, Wasser dringt in das Boot ein, Panik bricht aus.

  Das Symbol Faravahar steht für Hamed Asramis’ Lebenseinstellung: Gutes denken, Gutes sprechen, Gutes tun.
Das Symbol Faravahar steht für Hamed Asramis’ Lebenseinstellung: Gutes denken, Gutes sprechen, Gutes tun. FOTO: Kambiz Pourghanad/shutterstock.com

Wenn Hamed Asrami nun, fast dreieinhalb Jahre nach dem Ereignis, in seiner Luckauer Wohnung von der schicksalhaften Nacht erzählt, kann er nicht ruhig sitzen bleiben. „Jede Sekunde dieser Nacht ist eine große Geschichte.“ Er springt auf, zeigt, wie er in dem Boot gesessen, wie hoch das Wasser gestanden habe. Erzählt von einem Mädchen, dass zu seiner Mutter gesagt habe, dass es noch nicht sterben wolle. „Wir haben gedacht, dass wir gleich tot sein werden“, erinnert er sich. „Aber wir haben alle zusammengehalten.“

Die Gruppe hat Glück im Unglück. Mit seinem Handy sei es ihm gelungen, Rettungskräfte zu erreichen, erzählt Hamed Asrami. Schließlich wird die ganze Gruppe von einem Schiff der Küstenwache gerettet und nach Griechenland gebracht. „Es war Gott, der das wollte“, ist sich Hamed Asrami sicher.

Hamed Asrami: „In Deutschland kann ich frei leben und frei denken.“

Noch heute verfolgen ihn die Erinnerungen in Albträumen: „Manchmal träume ich, dass ich noch auf der Flucht bin. Wenn ich dann aufwache, lache ich.“ Vor Freude, weil er sicher in Luckau ist.

Seine Entscheidung hat er nie bereut: „In Deutschland kann ich frei denken und frei leben.“ Nur seine Familie und besonders seine Schwester fehlen ihm sehr. In Luckau hat sich Hamed Asrami gut eingelebt. Er hat sich taufen lassen und viele Freunde gefunden. Sonntags geht er in die Kirche, einmal in der Woche trifft er sich mit einer christlichen Gruppe. Seit Langem engagiert er sich bei „Mensch Luckau e.V.“. „Mir wurde in Deutschland sehr viel geholfen“, sagt Hamed Asrami. „Jetzt kann ich anderen helfen, und das ist ein gutes Gefühl.“ Gutes denken, Gutes sprechen, Gutes tun – für Hamed Asrami ist das nicht nur ein frommer Wunsch, sondern sein Lebensweg.

In einer neuen Serie stellt die RUNDSCHAU jede Woche Herzensmenschen vor. Es geht um Männer und Frauen, die mit Leidenschaft und großem Engagement ihre Sache verfolgen – oder in ihrem Leben eine Herzensentscheidung treffen mussten, die nicht ohne Risiko war und vieles verändert hat.

Wenn Sie Vorschläge haben, wer im Rahmen dieser Serie vorgestellt werden sollte, wenden Sie sich gern an die LR, am besten per E-Mail an red.spreewald@lr-online.de.