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| 13:58 Uhr

„Reflexion des eigenen Lebens“
Omas bewegende Geschichte

Ingrid Hirte hat aus ihrem Buch „Unsere Großmütter“ vorgelesen. Etwa 40 Besucher kamen am Freitagabend in die Freimaurerloge in Loge.
Ingrid Hirte hat aus ihrem Buch „Unsere Großmütter“ vorgelesen. Etwa 40 Besucher kamen am Freitagabend in die Freimaurerloge in Loge. FOTO: Andreas Staindl
Luckau. Lesung mit der Luckauer Autorin Ingrid Hirte zieht die Gäste in ihren Bann. Von Andreas Staindl

Ingrid Hirte hat ein Buch über ihre beiden Großmütter – Grete und Ella – geschrieben. Sie las daraus am Freitagabend in der Freimaurerloge „Zum Leoparden“ in Luckau.

Die Autorin stammt aus der Berstestadt, arbeitet inzwischen als Psychologin in der Charité in Berlin. Das Buch versteht sie auch als „Reflexion des eigenen Lebens“. Ingrid Hirte taucht ein in eine Welt, von der nachfolgende Generationen wenig wissen. Zu groß waren offenbar Angst und Scham, um über schlimme Erlebnisse zu reden. Auch Oma Grete (1907-1984) hatte Einiges verschwiegen, wie die Autorin sagt. Als sie von ihrer Tante erschütternde Dinge zu hören bekam, beschloss sie, das Leben ihrer Großmütter in einem Buch festzuhalten.

Aus der Geschichte von Oma Grete las sie am Freitagabend vor. Die Autorin hat kurze und knackige Sätze gewählt, hält so die Aufmerksamkeit hoch und nimmt die Zuhörer mit auf die bewegende Zeitreise. Ingrid Hirte schildert aus der Sicht der Großmutter, wie diese trotz traumatischer Erfahrungen ihren Lebensmut nicht verloren hatte.

Grete, die das Deutsche Kaiserreich, zwei Weltkriege und den Wiederaufbau nach 1945 erlebt hat, führte ein beschwerliches Leben – so wie viele Frauen ihrer Zeit. Vom Stall aufs Feld, vom Feld zur Familie – ein anstrengender Spagat. Den ersten Mann hatte sie frühzeitig verloren, auch vier ihrer fünf Kinder starben vor ihr. Und zunehmend griff der Staat in ihr Leben ein.

Anfang der 60er-Jahre musste Oma Grete ihren Hof an die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft (LPG) für wenig Geld verkaufen. Sie war dort nur noch geduldet. Nicht der einzige Schicksalsschlag. Die Großmutter musste auch damit klarkommen, dass eine ihrer Töchter von einem russischen Soldaten vergewaltigt wurde, sie selbst sich deshalb aufhängen wollte. Gesprochen hat sie darüber nie.

„Als Psychologin weiß ich, dass Schweigen nicht gut ist“, sagt Ingrid Hirte. Doch Oma Grete lebte dieses Leben, sie hatte wahrscheinlich auch keine andere Wahl. 1907 geboren, wächst sie als eines von fünf Kindern auf, verliert frühzeitig ihre Mutter. Sie erlebt die beiden Weltkriege, das unendliche Leid, spürt am eigenen Leib was es heißt, hungern zu müssen. Und doch blickt sie zufrieden auf ein erfülltes Leben zurück. Ihre Kinder und Enkel waren für sie das Beste und gaben ihr offenbar immer die Kraft, die vielen Herausforderungen des Alltags zu meistern.

Ingrid Hirte hat Respekt davor wie sie sagt. Zuhörer in Luckau honorierten, dass sie die Lebensgeschichten ihrer Großmütter aufgeschrieben und so für die Nachwelt festgehalten hat. Erich Herms von der Loge wünscht sich „mehr solcher Geschichten. Einfach aufschreiben, es muss ja kein Buch daraus werden.“ Er kündigt zudem weitere Lesungen im Haus der Freimaurer in Luckau an.

„Unsere Großmütter“ ist 2018 im Beggerow-Verlag erschienen.