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| 02:44 Uhr

Leid, das nicht aus dem Kopf geht

Mit einer Gedenkveranstaltung wird heute um 14 Uhr im Museum in Lieberose an den Todesmarsch der Häftlinge erinnert. Der Luckauer Reinhard Knuth wurde als Zehnjähriger Augenzeuge dieses Leids.
Mit einer Gedenkveranstaltung wird heute um 14 Uhr im Museum in Lieberose an den Todesmarsch der Häftlinge erinnert. Der Luckauer Reinhard Knuth wurde als Zehnjähriger Augenzeuge dieses Leids. FOTO: be
Luckau/Lieberose. Heute vor 72 Jahren, am 2. Februar 1945, mussten bei der Auflösung des KZ-Nebenlagers Lieberose fast 2000 Häftlinge den Marsch nach Sachsenhausen antreten. Carmen Berg

Viele fanden dabei den Tod, zum Teil von Wachmannschaften erschossen. Der Luckauer Reinhard Knuth ist als Zehnjähriger Augenzeuge dieses Leids geworden. Er habe nie darüber gesprochen. "Nach dem Krieg wollte keiner solche Geschichten hören. Jeder hatte mit sich zu tun", sagt er. "Doch die Bilder bekomme ich nicht aus dem Kopf". Eine Veröffentlichung in der RUNDSCHAU regte ihn nun an, das Schweigen zu brechen. "Denn die Jungen heute sollten wissen, was Nationalsozialismus und Krieg tatsächlich bedeuten. Und es wird bald niemanden mehr geben, der davon erzählen kann", sagt Reinhard Knuth.

Er lebte in Schwiebus im heutigen Polen, unweit von Guben, als für das Dorf am 31. Januar 1945 der Räumungsbefehl kam. Mit sechs Fuhrwerken gingen die Leute auf den Treck. "Meine 75-jährige Großmutter und ich saßen auf em Wagen, die Mutter lief nebenher im knietiefen Schnee", erzählt er. Über Guben-Lieberose-Lübben sollte es nach Waltersdorf bei Luckau gehen, wo man sich eine Unterkunft erhoffte. "Luftlinie waren das 250 Kilometer", hat Reinhard Knuth anhand einer Karte ausgerechnet.

Sie waren schon geraume Zeit unterwegs, als die Pferde vormittags vor einem Dorf nicht mehr weiterkonnten. Ob es Lieberose oder ein Nachbarort gewesen ist, weiß Reinhard Knuth nicht mehr genau. Wohl aber hat sich ein Bild in seinem Gedächtnis festgehakt, das er nie vergessen werde. Dem Treck näherte sich eine Kolonne von 50 oder mehr Frauen. "In Lumpen, zu Fuß, schlichen und stolperten sie von hinten an uns vorbei", erzählt er. "Neben uns flüsterte es: Frau, ein Stückel Brot". Doch die Großmutter habe leise gesagt: "Nichts geben, sonst nehmen sie uns gleich mit." So wäre es wohl auch gekommen, glaubt Reinhard Knuth. "Im Gehen langten die Elendsgestalten in die Haferkrippen, die wir für die Pferde auf den Wagendeichseln hatten und steckten sich Hafer in den Mund", beschreibt er die große Not. "Hier und da blieb jemand am Straßengraben liegen. Dann ging ein deutscher Soldat zurück, und wir hörten die Schüsse aus dem Karabiner", erinnert er sich. "Die Leute blieben erschossen liegen. Mit den zerlumpten Decken, die sie über Kopf und Schultern trugen, sahen sie aus wie schwarze Flecken im Schnee", so hat das Kind von damals die Bilder im Gedächtnis behalten. Den Treck aus seinem Dorf hatten zwei Volkssturm-Männer geführt. Nach der Ankunft in Waltersdorf meldeten sie sich am 7. Februar in Luckau beim Wehrkreiskommando und kamen zum Einsatz. "Der Vater meines Schulkameraden musste als Wachmann nach Lieberose. Er wurde nie wieder gesehen", sagt Reinhard Knuth.

Noch in der alten Heimat in der Schule habe ein Lehrer die Konzentrationslager einmal beiläufig erwähnt. Er habe von "Konzertlagern" gesprochen und sich lustig gemacht. Als der Junge zu Hause näher nachfragte, habe er keine Antwort bekommen. "Was dort passierte, wussten meine Mutter und die Großmutter sicher nicht", sagt er. Wenn er heute Zehnjährige sehe, dann werde ihm bewusst, "was für ein kleiner Knopf ich damals war". Kein Kind sollte soviel Leid, Grauen und Angst je wieder erleben müssen, sagt der Luckauer.