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| 17:25 Uhr

Lehrerin für ein Jahr in Dahme

Jelena Trivic und Marcus Ullrich, der vom Sitzungsgeld als Stadtverordneter den Ankauf des Bildes unterstützte.
Jelena Trivic und Marcus Ullrich, der vom Sitzungsgeld als Stadtverordneter den Ankauf des Bildes unterstützte. FOTO: be
Luckau. Ein Wandmosaik aus Kinderporträts schmückt das Foyer der Dahmer Grundschule. Die Jungen und Mädchen auf den Zeichnungen sind vertieft in eine Aufgabe. Carmen Berg

Es ist fast greifbar, wie die Köpfe rauchen. Kunstlehrerin Jelena Trivic hat Viertklässler während der Hausaufgabenzeit beobachtet und in zarten Strichen festgehalten. Der Schulalltag ist ihr häufigstes Motiv, seit die Künstlerin aus Berlin vor fast einem Jahr als Seiteneinsteigerin Lehrerin in Dahme wurde.

Aufgewachsen ist die 37-Jährige in Oggersheim. "Als Kind bin ich oft an den Mauern des Bungalows von Helmut Kohl vorbeigekommen", erzählt sie. Nach dem Kunststudium zog sie als Freiberuflerin nach Berlin. Immer offen für neue Erfahrungen, hörte sie 2016 durch Zufall, dass in Brandenburg Seiteneinsteiger als Lehrer gesucht werden. "Es waren schon Ferien, das neue Schuljahr stand kurz bevor", erinnert sie sich. Sie bewarb sich und bekam den Job in Dahme, wo gerade eine Kunstlehrerin fehlte.

Von dem 3000-Seelen-Städtchen hatte sie noch nie gehört, und der erste Gedanke, täglich von Berlin zu pendeln, erledigte sich angesichts der Entfernung schnell. Im Nachhinein sehe sie das als Glücksfall, sagt Jelena Trivic. Denn auf diese Weise habe sie viele neue Bekanntschaften geschlossen und Erfahrungen gemacht. "Die Menschen sind unglaublich herzlich, ob die Verkäuferin am Backstand oder mein Nachbar um die Ecke."

Vor allem aber schwärmt die Neu-Lehrerin von den Kollegen, die ihr geholfen haben. "Sie ließen mich nie spüren, dass ich keine studierte Pädagogin bin", sagt Jelena Trivic. Als Lehrer zu arbeiten, sei aber schwieriger als gedacht, räumt sie ein. Ihr kam zugute, dass Kunst ein Fach sei, in dem sich Kinder freier ausleben können als in Mathematik. Jungen und Mädchen, die sonst Schwierigkeiten haben, hätten im Kunstunterricht Erstaunliches geleistet, erzählt die 37-Jährige.

Kollegen gaben ihr auch den Tipp zu einem Besuch mit den Kindern in der Galerie "Kunstpause", die von Künstlern an der Dahmer Hauptstraße betrieben wird. Die Macher sehen die Galerie als Stätte, in der Kunst in ganzer Bandbreite eine Heimat haben soll. So luden sie auch Jelena Trivic ein, ihre Arbeiten in einer Ausstellung zu zeigen. Im vergangenen April war es soweit. Zur Vernissage kamen viele Pädagogen zur Verstärkung mit. Zu sehen waren beispielsweise ein Bild, das Jelena Trivic mit Siebentklässlern geschaffen hat, sowie eine Installation aus Zeichnungen und anderen kleinen Dingen, die Schüler ihr schenkten. Und zudem verschiedene Porträts der Kinder. Das brachte Lehrer auf die Idee, eine der Arbeiten für ihre Schule anzukaufen. Sie sammelten im Kollegenkreis. Die Hälfte des Betrages steuerte Stadtverordneter Marcus Ullrich (SPD) von seinem Sitzungsgeld bei. "Mir gefallen die Bilder, und ich finde es wichtig, dass Kinder frühzeitig mit Kunst in Berührung kommen", sagt er.

Das Anbringen des Bildes im Schulfoyer ist zugleich ein Abschiedsgeschenk an Jelena Trivic, die zum Schuljahresende Dahme wieder verlässt. Es sei das bisher spannendste Jahr ihres Lebens gewesen, sagt sie. Doch künftig wolle sie in Berlin wieder als Künstlerin tätig sein und sich neuen Projekten widmen. So hat sie mit einer Freundin einen Verlag gegründet und gibt dort eine Kunst- und Literaturzeitschrift heraus.

"Es ist schade, dass Jelena geht", bedauert die stellvertretende Schulleiterin Lydia Lehmann. Auch Direktorin Elke Thier lobt: "Sie hat ihre Sache gut gemacht." Das laufe mit den Seiteneinsteigern nicht immer so. Mancher sei in seinem Fachgebiet hoch qualifiziert. Doch im Umgang mit einer heterogenen Schülerschaft scheitere es dann am Pädagogischen. Die Direktorin wünscht sich, dass das Land mehr für die Ausbildung von Lehrern tut. Rund 250 Schüler hat die Grundschule, wobei die Zahl der Abc-Schützen wieder leicht ansteigt. "Aber der Bestand an Lehrern für das neue Schuljahr ist noch nicht gedeckt", sagt Elke Thier.