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| 17:37 Uhr

Ausstellung
Koppe und Co. im Luckauer Rathaussaal

Herbert Schirmer (l.) weckte bei den Besuchern der Vernissage Neugier auf die Schau und Diskussionslust.
Herbert Schirmer (l.) weckte bei den Besuchern der Vernissage Neugier auf die Schau und Diskussionslust. FOTO: LR / Carmen Berg
Luckau. Spannendes Spektrale-Teilprojekt befasst sich mit den Reformen in der Landwirtschaft einst und heute. Von Carmen Berg

Passanten bleiben beim Stadtbummel neugierig stehen. Zwischen Kulturkirche und den Rasenflächen an der Stadtmauer bauen zehn Künstlerinnen und Künstler aus dem Landkreis und der Region Berlin-Brandenburg zeitgenössische Kunstobjekte auf, die überraschen, die Blicke auf sich ziehen. Die Arbeiten gehören zur 8. Spektrale des Landkreises Dahme-Spreewald, die unter dem Kulturland-Thema 2018 „Wir erben. Europa in Brandenburg – Brandenburg in Europa“ steht. Die Schau ist das Herzstück des Kunstfestivals, das am Sonntag offiziell eröffnet wird. Nicht minder interessant aber ist ein Spektrale-Teilobjekt im Rathaussaal zu den preußischen Agrarreformern des 19. Jahrhunderts.

Auslöser, sich gerade diesem Thema zu nähern, war der 1782 in Beesdau bei Luckau geborene Johann Gottlieb Koppe. Er war einer der Wegbereiter moderner Anbaumethoden, wie Spektrale-Kurator Herbert Schirmer bei der Vernissage anlässlich einer Sitzung des Gewerbe- und Tourismusausschusses erklärte. Er ließ Koppe neben den anderen klugen Köpfen Albrecht Daniel Thaer und Helene Charlotte von Friedland in ihrer Leistung lebendig werden. Die Reformer orientierten sich am englischen Vorbild. Höhere Erträge wurden gebraucht, um die mit der beginnenden Industrialisierung stetig wachsenden Arbeiterschaft in den Städten zu ernähren. Erreicht wurden sie beispielsweise durch den Übergang zu großen Ackerflächen und den Einsatz von Dampfmaschinen. Die Kartoffel wurde als Grundnahrungsmittel eingeführt und Zucker aus Rüben statt aus Zuckerrohr gewonnen, sodass er für das einfache Volk erschwinglich wurde. In der Viehwirtschaft ging es um neue Zuchtmethoden und die Umstellung auf Stallhaltung. Stalldung wurde mit agrochemischen Düngemitteln kombiniert.

Das Thema von Reformen in der Landwirtschaft sei gerade heute wieder hochaktuell, sagte Ausschuss-Vorsitzender Lothar Treder-Schmidt (Luckau-Land-Grüne). Herbert Schirmer verwies darauf, dass die Vordenker des 19. Jahrhunderts bei allem Fortschritt letztlich auch den Grundstein für Entwicklungen legten, die heute manchem Angst machen. Das wird in der Ausstellung nicht ausgespart. Sie zeigt krasse Beispiele von ausgewachsenen Schweinen, denen im Stall gerade mal 90 Quadratzentimeter Spielraum bleiben, oder eine riesige Tomatenzucht ohne Erde, nur auf der Basis von Wasser und Lösungsmitteln.

Zugleich ist es den Machern gelungen, Koppe und Co. als interessante Persönlichkeiten zu zeigen. So ist zu erfahren, dass der 1752 in Celle geborene Albrecht Daniel Thaer, der als erster großer Praktiker die englischen Methoden erprobte, ein studierter Mediziner war. Koppe, der in Steinkirchen bei Lübben zur Schule ging, hat kein spezielles Studium absolviert. In Wollup errichtete er 1827 eine Musterökonomie nach englischem Vorbild und stellte die bis dahin gültige Dreifelderwirtschaft auf einen Schlag- und Fruchtwechsel um. Thaer holte ihn als Lehrer an die Landwirtschaftsschule, die er begründet hatte.

Das Trio komplettiert mit Helene Charlotte von Friedland eine ungewöhnliche Frau und Vorkämpferin für die Emanzipation. Sie war eine versierte Gutsherrin, Ökonomin und Gelehrte, besaß Baumschulen, forstete kahles Gelände auf und gestaltete die Landschaft des Oderbruchs mit Pflanzen aus aller Welt. Von ihrem Mann, der mit ihr nicht Schritt halten konnte, ließ sie sich scheiden und zog ihre Tochter, die später in ihre Fußtapfen trat, alleine groß.

Wie viel Fortschritt braucht die Landwirtschaft? Wo sind Grenzen? Wie schon bei der Vernissage eine rege Disksussion darüber entstand, soll die Ausstellung im Rathaussaal auch weiter zum Dialog einladen, erklärte Herbert Schirmer. Geplant ist unter anderem ein Kinderprojekt mit der Luckauer Grundschule als Partner. Von den Schülern wollen die Macher wissen, wie sie sich die Landwirtschaft der Zukunft vorstellen. „Vielleicht sind ja tolle Ideen darunter, die noch von sich reden machen“, so der Kurator.