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| 19:00 Uhr

Luckau
Spektrale: „Das ist geil!“

Chris Hinze hat Gehirnquerschnitte aus modernen bildgebenden Verfahren auf Stahlbeton-Halbkugeln aufgebracht und verweist damit auf ein Paradoxon im Versuch, den menschlichen Geist in einem Bild zu fassen. Wer mag, kann sich aber auch spielerisch einfach mal setzen auf so eine „Gehirnhälfte“.
Chris Hinze hat Gehirnquerschnitte aus modernen bildgebenden Verfahren auf Stahlbeton-Halbkugeln aufgebracht und verweist damit auf ein Paradoxon im Versuch, den menschlichen Geist in einem Bild zu fassen. Wer mag, kann sich aber auch spielerisch einfach mal setzen auf so eine „Gehirnhälfte“. FOTO: LR / Ingvil Schirling
Luckau. Kunstausstellung in Luckau eröffnet. Kunstpreis geht nach Klein Döbbern. Einige Arbeiten fanden „reißenden Absatz“. Von Ingvil Schirling

Seit Sonntag ist Luckau wieder Spektrale-Stadt. Die zweijährig stattfindende Kunstausstellung des Landkreises Dahme-Spreewald und der Stadt Luckau wurde in der Kulturkirche eröffnet. Dort sind drei, an der Stadtmauer und im Stadtgebiet weitere sieben Arbeiten zum Thema „Kultur im Gepäck“ zu sehen.

Spektrale in Luckau eröffnet FOTO: LR / Ingvil Schirling

„Das Thema passt auf Luckau“, sagte Bürgermeister Gerald Lehmann (parteilos) zur Eröffnung. Er skizzierte kurz, worum es geht: Luckau als Schnittpunkt alter Handelsrouten, „mit einer Kaufmannschaft, die sich hier frei entfalten konnte“. Vor diesem Hintergrund lud die achte Spektrale zehn Künstler ein, die Frage zu beantworten: Was bleibt an Spuren von fremden Kulturen, von Handlungsreisenden, Neuankömmlingen, Aufbrechenden?

Die Antworten fielen sehr unterschiedlich aus: sinnlich-ornamental, luftig-leicht, ironisch treffend und paradox zugespitzt. Sie gehen oft weit über die Fragestellung hinaus – so, wie es die Aufgabe der Kunst ist. Jeder denkt sich seines dabei, auch die Luckauer und ihre Gäste. Bürgermeister Gerald Lehmann erzählte den Vernissage-Besuchern, dass er am Vorabend der Eröffnung einigen Jugendlichen zugehört hatte, die angesichts der Arbeiten an der Stadtmauer nur sagten: „Das ist geil.“

Kurator Herbert Schirmer nahm es als Kompliment und schloss seine Kurzeinführung in die Werke, indem er genau diesen Satz zitierte. Im Anschluss an die Vernissage konnten sich die Gäste selbst ein Bild machen. Den Stadtrundgang führte Thomas Worms mit einem leuchtend blauen Schirm an.

Er führte nicht nur zu den Arbeiten, sondern auch zu historischen Stätten Luckaus. Die Theaterloge der Berstestadt bereicherte den Rundgang mit Szenen aus der Stadtgeschichte, die sich so oder so ähnlich ereignet haben könnten. Einige der Künstler nutzten die Gelegenheit, um ihre Werke selbst nochmals vorzustellen und Hintergründe mit den Gästen zu teilen.

Klar wurde: Das Konzept geht mehr als nur auf. Besonders gelungen ist, dass die Spektrale, in deren Subtext das Thema Migration mitschwingt, an keiner, wirklich keiner Stelle belehrend den Zeigefinger hebt, wie denn nun alle tolerant zusammenzuleben hätten.

Ganz selbstverständlich und in Schönheit fließen beispielsweise die arabischen Schriftzeichen der Arbeit von Said Baalbaki ein, deren Wörter Alltag im Deutschen geworden sind: Zucker, Tasse, Kaffee. Auch „Alchemie“ oder „Algorithmus“ sind arabische Wörter. Ebenso nimmt die Arbeit Bezug auf das Thema Gewalt, das angesichts von Konflikten, Krisen und Kriegen im arabischen Raum schon mit der Sprache verbunden wird.

Luftig-leicht ist die Arbeit von Alice Bahra. Sie hat zwei Gestelle in einem Torbogen aufgehängt, die mit weißen Fähnchen aus papierähnlichem Kunststoffmaterial besetzt sind und sich im Wind bewegen. Es geht Auf und Ab, wie im Leben selbst. Man könnte es in Bezug auf die Zuzüge Geflüchteter interpretieren, mit denen auch Luckau – bisher sehr erfolgreich – umgeht. Doch im Grunde, sagte Alice Bahra, geht es in ihrer Arbeit um die Lebensbalance, global gesehen aber auch um den Umgang mit der Natur und Bewegungen innerhalb der Gesellschaft.

Ornamental und sinnlich wirken die Glas- und Porzellanarbeiten von Sabine Fassl. Die Muster auf ihren tiefen Tellern und Schalen spielen auf das mitgebrachte Geschirr aus fremden Kulturen an, doch die Installation der mehr als 120 Stück scheint ein Eigenleben zu entwickeln, sich auszubreiten wie eine wuchernde Pflanze oder selbst überwuchert zu werden – eine Parabel auf das Werden und Vergehen von Alltagsgegenständen und gleichzeitig eine Feier ihrer Schönheit.

Die gefiel den Luckauern so gut, dass gleich nach der ersten Nacht fünf fehlten. So musste die Arbeit von Sabine Fassl kurzfristig umziehen in einen umzäunten Garten, wo sie besser gesichert sind.

Paradox hat Chris Hinze seine Arbeit aus sechs weißen und sechs schwarzen Stahlbeton-Halbkugeln aufgebaut, auf die Scans von Gehirnen aufgebracht sind. Den Geist des Menschen sichtbar, erfassbar machen? Die Schwere des Materials kehrt diese Idee ins Paradox.

Wie essenziell dieser Geist aber ist, wenn es ums Mitgebrachte, Hinterlassene, Weiterentwickelte geht, zeigt Andreas Theurer auf. Zwei übermenschlich große Gestalten in Schwarz und Rot scheinen sich ohne Ziel und Plan zu begegnen und doch Gewissheiten von gestern und heute zu hinterfragen.

Aus all diesen überzeugenden Arbeiten, die Fragen beantworten und neue, bisher ungedachte stellen, die preiswürdigste herauszusuchen, war für die Jury alles andere als leicht, stellte Kulturdezernent Carsten Saß (CDU) dar. Am Ende fiel die Wahl auf die „Troika impossibile/die unmögliche Troika“ von Steffen Mertens. Ausschlaggebend war die Ortsbezogenheit, die durch den Standort an der Stadtmauer mit den Türmen der Nikolaikirche im Hintergrund besonders gut herausgearbeitet wird. Das Gefährt, eine aberwitzige Kreuzung „aus Kampfwagen und Rikscha“ (Schirmer), gesteuert von einem stolzen, aber ausgemergelten Reiter, ergibt ein Bild, das mit jedem neuen Blickwinkel eine andere Betrachtungsweise ermöglicht. Runde um Runde hätten sich der Jury neue Sichten ermöglicht.

Aus den Händen von Kulturministerin Martina Münch nahm Steffen Mertens den Kunstpreis entgegen, die „Spektra“, eine Glasarbeit, die von der Kasel-Golziger Künstlerin Beate Bolender stammt.

Diese wiederum hatte gemeinsam mit Schulleiterin Gerlinde Sander das Kinderkunstprojekt angeleitet, dessen Arbeiten ebenfalls gestern präsentiert wurden: Die Porträts und schönsten Erlebnisse von neun Kindern in Glas. Mit ihm schloss sich ein Kreis, als Gerlinde Sander, an die Kinder gerichtet, ankündigte: „Das Kunstwerk kommt später an die Schule und bleibt dort für immer. Damit alle sehen können, was für Spuren hier von Euch bleiben.“