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| 13:00 Uhr

Kunstausstellung Spektrale
Die unmögliche Troika reist nach Luckau

Klein Döbberner Künstler Steffen Mertens stellt seine Arbeit aus FOTO: LR
Luckau/Klein Döbbern. Ende Mai wird die Ausstellung mit Kunstpreis „Spektrale“ in Luckau eröffnet. Der Klein Döbberner Künstler Steffen Mertens stellt seine Arbeit aus. Von Ingvil Schirling

Ein Zugpferd mit zwei Beinen. Ein Wagen mit drei rostigen Rädern. Ein eiförmiger, grauer, großer Kopf mit einem geheimnisvollen Lächeln auf den Lippen, der hinten quer auf einer sich neigenden Ladefläche liegt. Eine Vision, die droht, hinten runterzufallen. Sie fällt... und der Wagen mit dem zweibeinigen Pferd und dem Reiter aus dünnem Eisengestänge rollt weiter.

Wie wäre das gewesen, in Luckau vor vielen hundert Jahren? Wagen über Wagen wären über Kopfsteinpflaster gerumpelt, gefedert und hart, mit Verdeck und ohne, mit reichen oder armen Leuten. Luckau, die blühende Handelsstadt des 17. und 18. Jahrhunderts, günstig gelegen am Knotenpunkt wichtiger Verkehrsverbindungen der damaligen Zeit. Handwerker mit Techniken aus fernen Ländern, Handelsreisende mit ausgefallenen Waren, seltenen Tuchen, Baustoffen oder süßen Delikatessen, Lehrende aus anderen Kulturen - Wagen an Wagen rumpelt übers Kopfsteinpflaster. Jeder mit einem eigenen Plan, einer eigenen Geschichte, vielleicht Einschränkungen, vielleicht Träumen, mit und ohne Vision.

Wie ein Relikt aus dieser Zeit wird der Wagen aus den rostigen Eisenteilen bald an der Luckauer Stadtmauer stehen. Er wird Teil der Spektrale sein, der Ausstellung mit Kunstpreis des Landkreises Dahme-Spreewald, Titel: „Kultur im Gepäck“. Ein rostiger Wagen mit eingeschränktem Zugpferd, eine Vision auf der Kippe - eine Anspielung auf den Zustand Europas?

Steffen Mertens hat die Arbeit für die Spektrale geschaffen. Kreativitiät ist sein Lebenselixier, gepaart mit Humor, dafür ist er bekannt. Sein Refugium befindet sich zwischen Cottbus und Drebkau, in Klein Döbbern im ehemaligen Bergbauerwartungsgebiet. Der gebürtige Rathenower kam in den 1980er Jahren aus privaten Gründen nach Cottbus, konnte das kleine Gehöft kaufen, renovierte und baute es selbst aus. Es ist, man kann es gar nicht anders sagen, ein Kunstwerk an sich. Jeder Balken ist bearbeitet, jede Wand bemalt, selbst die in der Scheune, an der zusätzlich der Salpeter arbeitet. Wenn Steffen Mertens danach ist, werden vermutlich auch noch die Fensterfüllungen zu Kunst.

Eigentlich ist der Klein Döbberner Grafiker, die Bildhauerei kam dazu. „Mein Bezug ist ein gesellschaftlicher“, sagt er. So ist die Arbeit für ihn „ein Gleichnis unseres Wirtschaftssystems. Das zweibeinige Pferd ist der Malocher, der heute nicht mehr groß die Rolle spielt, symbolisiert also alle, die das Rad ins Rollen bringen. Dann gibt es die Gruppe, die die Richtung vorgibt. Und die große Vision von der gerechten, menschlichen Gesellschaft, die bei dem Ganzen immer ein bisschen in Bedrohung ist.“

Vergangenes Jahr während des zehnten Spreewaldateliers in Lübbenau sprach Spektrale-Kurator Herbert Schimer den Künstler an, ob er etwas für die Spektrale machen würde. Steffen Mertens war schon vor zehn Jahren beim Spreewaldatelier dabei, hat in Abständen immer mal wieder teilgenommen. Schirmer stellte das Konzept der Spektrale mit dem Thema „Kultur im Gepäck“ und dem Hintergrund der alten Handelsstadt vor. „Wie der Zufall es so will, passte meine Idee da wunderbar hinein“, sagt Mertens.

Geboren wurde sie im Klein Döbberner Refugium. Steffen Mertens und seine Frau haben sich ein Paradies geschaffen. Die Vögel singen, das Gras sprießt, hinter der Grundstücksgrenze breitet sich lichte Weite aus. So wie Steffen Mertens Gleichnisse auf die Gesellschaft entstehen lässt und jedem Balken ein eigenes Gesicht gibt, so hat er auch den Garten gestaltet. Im wachsenden Gras ist ein sorgsam mit dem Rasenmäher eingezirkeltes Labyrinth. Die Gartenarbeit sei für ihn wie Meditation, sagt Steffen Mertens. Sie mag für ihn Erdung und Verbindung zum Himmelszeit gleichermaßen sein.

„Wenn ich abends in den Himmel schaue, habe ich dort den Großen Wagen. Die Bedeutung der Menschen ist so klein. Den Großen Wagen interessiert es nicht die Bohne, was die Vision, wer das Pferd und wer der Reiter ist.“

In der Abenddämmerung steigt der Dunst aus den Wiesen. Nebel bildet sich, wogt weiß über die Felder. Dann liegt Klein Döbbern am Meer. Steffen Mertens hat den Blick in seinem Garten so gestaltet, dass er das genießen kann.

Im März hat er mit der Arbeit an seinem „Trio impossibile“, so heißt das Werk, begonnen. Ende Mai wird die Spektrale eröffnet. Bis dahin wird das Zugtier noch verkleidet, um der Arbeit eine fassbare, sinnliche Ausstrahlung zu geben. Vier Säcke Spezialzement sind dafür gerade angekommen. Die Reise nach Luckau wird der Wagen per Autoanhänger antreten - selbstverständlich gut gesichert, damit die Vision nicht hinten runter fällt, noch ehe sie an der Stadtmauer ihre Wirkung entfalten kann. Steffen Mertens hat Schalk in den Augen, wenn man ihm derartige Slapstick-Fantasien vorschlägt. Er mag es, wenn andere mit Deutungsideen kommen, an die er selbst nicht gedacht hat. „Wissen Sie“, sagt er, „man darf Kunst auch nicht zu hoch ansiedeln.“

Klein Döbberner Künstler Steffen Mertens stellt seine Arbeit aus FOTO: LR