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| 16:37 Uhr

Spektrale
Magische Momente in Glas und Farbe

Der große Augenblick! Beate Bolender öffnet den Ofen mit drei Glasporträts der Luckauer Schüler.
Der große Augenblick! Beate Bolender öffnet den Ofen mit drei Glasporträts der Luckauer Schüler. FOTO: LR / Ingvil Schirling
Kasel-Golzig. Kinderkunstprojekt der Spektrale führt ins Atelier von Beate Bolender nach Kasel-Golzig.

Zart taucht Hermine das Schneiderädchen ins Petrolium. Entschlossen zieht die Zwölfjährige dann eine pfeilgerade Linie über das grüne Glas, legt das Werkzeug mit dem runden Stil unter die Sollbruchlinie, drückt links und rechts - Knack! Der Werkstoff Glas ist geteilt.

Jedes Mal zur Spektrale, der Ausstellung mit Kunstpreis des Landkreises Dahme-Spreewald in Luckau, und ebenso zum verschwisterten Aquamediale-Kunstfest in Lübben, setzen sich neben den Erwachsenen auch Kinder mit Kunst auseinander. Getragen wird das Projekt über die finanzielle Förderung von Landkreis, Stadt Luckau, Land Brandenburg – und vom weit überdurchschnittlichen Engagement aller Beteiligten. Neun Kinder der Rosa-Luxemburg-Grundschule Luckau unter Leitung von Direktorin Gerlinde Sander waren über mehrere Wochen von ihr und Glaskünstlerin Beate Bolender auf das Projekt vorbereitet worden. Gesäumt von magischen Momenten, vom Ideen finden, Ausprobieren, Verbessern und Umsetzen, lief alles auf diesen einen, ganz besonderen Augenblick heraus: Der schwere Deckel des Brennofens hebt sich...

Doch der Reihe nach. Jedes Kind schreibt zuerst sein schönstes Erlebnis auf. Umgesetzt in ein Bild, nimmt der eine Teil des Projekts damit seinen Lauf.

Dann zeichnet jedes der neun Kinder ein Porträt von sich, so, wie es sich das vorstellt oder gerne hätte. Rote oder grüne Haare, großer oder kleiner Mund, ernst oder fröhlich – alles ist möglich. Und dann stellt Glaskünstlerin Beate Bolender einen Eimer Matsch auf den Tisch.

Der „Matsch“ ist eigentlich halbflüssiger Ton. Aus ihm arbeiten die Kinder die Form für das Porträt heraus, das später aus Glas plastisch entstehen wird. So wird aus dem zweidimensionalen Bild ein dreidimensionales.

„Das war eine Riesengaudi“, sagt Herbert Schirmer. Der Spektrale-Kurator ist auch Projektleiter der Kinderkunst. Er beobachtet: So, wie die Form aus Ton sich verfestigt, so kommt die Kreativität der Kinder ins Fließen. Immer wieder wird verändert, nachjustiert – vor allem Augen und Mund werden zu Herausforderungen.

Dass die neun Kinder aus drei verschiedenen Kulturkreisen kommen, deutsche, syrische und afghanische Mädchen und Jungen sind, die sich vorher nicht kannten, ist zu diesem Zeitpunkt längst vergessen. „Ich finde es gut, dass man mal mit Leuten was macht, mit denen man bisher gar nichts zu tun hatte“, sagt Hermine. „So erfährt man ein bisschen was über die anderen.“ Zum Beispiel über die schönsten Erlebnisse, festgehalten als Geschichte, als Bild und als das, was der Ofen später daraus macht. Was der einen der gewonnene Klavierwettbewerb war, ist dem anderen sein Traum vom Fußballstar.

Die aus der Tonmodellage gewonnenen Gipsformen für das Glasporträt reisen nun ins Atelier von Beate Bolender am Rande von Kasel-Golzig, malerisch im Wald gelegen. Sie schleift Ecken und Kanten ab, bereitet alles vor für das nächste Treffen im Atelier. Es sind sonnige Frühlingstage im Atelier. Vögel singen, in den Kiefern flüstert der Wind, Kunst aus Glas schimmert aus jeder Ecke. Hier herrschen Stille, Konzentration und eine Fülle an Möglichkeiten.

Zurück an der Schule bereitet noch jemand vor. Schulleiterin Gerlinde Sander plant die Radtour von Luckau zum Atelier und die nächsten Schritte. Ihr geht es darum, einen Rahmen zu schaffen, eine Atmosphäre oder Situation, „so hochwertig wie möglich“, sagt sie, in der die Kinder etwas fertigen können, auf das sie später stolz sein werden. Es wird ein Beweis sein für das, was sie können, mit ihren eigenen Händen und ihrer eigenen Inspiration. Dass die Kinder aus drei Ländern kommen, es somit ein „integratives“ Projekt ist, weiß sie wohl – doch sie macht es nicht zum Thema. Stattdessen finden sich, geschickt gelenkt, die einen beim Feuermachen wieder, während andere Salat zubereiten und dritte letzte Hand an die aktuelle Projektphase anlegen. Als sie später am Lagerfeuer, nach dem Essen, gebeten wird, die Gitarre zu holen, zögert sie nicht. In die Lieder stimmen alle mit ein.

Im Ofen, der schon viele preiswürdige Arbeiten von Beate Bolender hergegeben hat, ebenso den Kunstpreis der Spektrale selbst, die Spektra, schmelzen unterdessen die Arbeiten nacheinander zu jeweils einzigartigen Werken ein. Die Porträts werden mit dem in Glasgestaltung umgesetzten Bild vom schönsten Erlebnis auf einem extra geschmiedeten Gestell zu sehen sein, das die Arbeiten des Kinderkunstprojekts für die Spektrale präsentiert.

Dann sind Eltern da und können nachvollziehen, was die Kinder erlebten, als Beate Bolender langsam und vorsichtig den Ofendeckel hebt. Wie ist das Porträt geworden? Sieht es so aus, wie es sein sollte? Wie wird es sein? Die Spannung im Atelier ist mit Händen zu greifen. Dann sehen die Kinder ihre Arbeiten erstmals im fast fertigen Zustand. Unterdrückte Jubelrufe, scharfes Einatmen, sprachloses Staunen: Die Überraschung ist geglückt. Es sind wunderbare Werke. Kaum dem Ofen entnommen, sprechen sie mit dem Betrachter: Liegen Spuren einer Flucht in den Augen? Drückt das Lächeln Hoffnung auf eine wunderbare Zukunft aus? Trägt das Gesicht das Siegel der Verantwortung? Die Antworten kennen nur die jungen Künstler. Vielleicht. Einige davon. Die Interaktion mit dem Betrachter ist das, was Kunst macht.

Silva ist sehr zufrieden mit ihrer Arbeit. Die Zwölfjährige kommt aus Syrien, lebt seit drei Jahren in Deutschland und malt „schon immer“ gerne. „Am meisten hat mir gefallen, dass wir alles selbst machen durften. Und das wir zusammen Mittag gegessen haben.“ Und die Radtour. Und das Atelier. Ihre Augen leuchten, während sie Erlebnisse aufzählt, eines nach dem anderen, wie Perlen an einer Schnur. Magische Momente des Lernens, Erlebens, Erfahrens und Erschaffens.

Schritt für Schritt entsteht so das Werk.
Schritt für Schritt entsteht so das Werk. FOTO: LR / Ingvil Schirling
Geschickt hantiert Hermine mit den farbigen Glasplatten und dem Werkzeug.
Geschickt hantiert Hermine mit den farbigen Glasplatten und dem Werkzeug. FOTO: LR / Ingvil Schirling
Unter Anleitung von Schulleiterin Gerlinde Sander (2.v.l.) und einer Kunstpädagogin setzten Silva (2.v.r.) und weitere Kinder die Bilder ihres schönsten Erlebnisses in Glaskunst um.
Unter Anleitung von Schulleiterin Gerlinde Sander (2.v.l.) und einer Kunstpädagogin setzten Silva (2.v.r.) und weitere Kinder die Bilder ihres schönsten Erlebnisses in Glaskunst um. FOTO: LR / Ingvil Schirling