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| 12:41 Uhr

Spektrale
Junge Kreative in Luckaus leeren Läden

Die Designer Carine Kuntz und Alexander Gaertner lassen sich bei ihrer Kollektion vom Phänomen Schnee in der Sahara inspirieren.
Die Designer Carine Kuntz und Alexander Gaertner lassen sich bei ihrer Kollektion vom Phänomen Schnee in der Sahara inspirieren. FOTO: LR / Carmen Berg
Luckau. Künstler laden im Spektrale-Pilotprojekt jedermann zum Reinkommen, Reden und Schauen ein. Von Carmen Berg

Der leere Laden der Fleischerei Steuer an der Langen Straße ist seit Anfang Juli eine Schneiderwerkstatt. Passanten blicken durchs Schaufenster, kommen – manchmal zögerlich – herein.  Sie sind willkommen, wenngleich Carine Kuntz und Alexander Gaertner, die jungen Künstler in der Werkstatt, manche Wünsche nicht erfüllen können. Mal eben ein Brautkleid nähen beispielsweise. „Dazu ist unsere Zeit in Luckau zu kurz“, so  Alexander Gaertner.

Die Meisterschüler an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee gehören zu den sieben internationalen Künstlerinnen und Künstlern, die im „CreativQuartier“ drei Monate in Luckau verbringen und in leeren Läden Ateliers auf Zeit betreiben. Das „CreativQuartier“ ist ein Pilotprojekt der Kunstausstellung Spektrale des Landkreises Dahme-Spreewald. „Wir erhoffen uns davon, dass die Innenstadt für Touristen noch interessanter wird“, so der stellvertretende Bürgermeister Thomas Rohr beim RUNDSCHAU-Stammtisch „Vor Ort“ zum Auftakt. Die Idee scheint aufzugehen.

Masahimo Suzuki will sein Hexagon auf Rädern in der Gartenstadt lassen, wenn das Spektrale-Pilotprojekt  „CreativQuartier“ nach drei Monaten zu Ende geht.
Masahimo Suzuki will sein Hexagon auf Rädern in der Gartenstadt lassen, wenn das Spektrale-Pilotprojekt „CreativQuartier“ nach drei Monaten zu Ende geht. FOTO: LR / Carmen Berg

 „Es kommen Nachbarn, aber auch Auswärtige und Künstlerkollgen“, sagt Alexander Gaertner. Er hat Textil- und Flächendesign studiert, Carine Kuntz Modedesign. In Steuers Laden entsteht ihre Kollektion, inspiriert von einem besonderen Naturphänomen – Schnee in der Sahara. Gluthitze, Kälte, die Kleidung der Berber und Tuareg, ihre Farben und Symbole spiegeln sich in  Kleidern, Mänteln, Shirts und Tüchern wider. Zu sehen sind die Arbeiten am 24. September beim Maxi-Herbstmix, der zugleich letzter Projekttag ist.

Die beiden Künstler genießen in Luckau ihr großes Atelier, das in Berlin kaum bezahlbar wäre, und die Stadt sei „total schön“, schwärmt Alexander Gaertner. Doch ganz zu bleiben, würde schwierig. Denn sie brauchen den Markt der Hauptstadt. „Das Problem ist der Busanschluss zu den Zügen nach Berlin, man verliert zu viel Zeit“, so der Designer.

Raphael Jacobs gibt Ausgemustertem ein zweites Leben in neuer Form.
Raphael Jacobs gibt Ausgemustertem ein zweites Leben in neuer Form. FOTO: LR / Carmen Berg

Jedoch werden alle jungen Kreativen in der Gartenstadt Spuren hinterlassen: ideell, aber auch im praktischen Sinne. Die Installation von Masahimo Suzuki beispielsweise soll in Luckau bleiben. Der in Tokio geborene Künstler, der in Marseille lebt, arbeitet in einem Gewölbekeller des Schlossbergs an einem Hexagon, das auf Rollen bewegt und mit Details aus der Region angereichert wird. Wie Schneeflocken aus einem Sechseck zu neuen Formen werden, stehe auch seine Arbeit für ständige Veränderung, sagt er. Steine oder auch Sand für die Gestaltung der Oberfläche findet er bei Ausflügen allein und mit Projektkollegen in die Umgebung. Vieles schafft der Fahrradenthusiast, der auf diese Weise schon halb Europa bereist hat, in seinem Rucksack heran. Für den Farbanstrich, so seine Idee, würde er gern auf den Markt ziehen, wo ihm die Leute über die Schulter schauen können.

Auf ihren Rollen könnten die Luckauer die Installation später dorthin schieben, wo es ihnen gefällt. Die Oberfläche aus Leinwand sei nicht „für die Ewigkeit“ gemacht. Interessant sei, wie die Luckauer mit dem Hexagon umgehen werden, wenn es reparaturbedürftig wird. Werden sie es entsorgen oder behalten?,  fragt  Masahimo Suzuki.

Welcher Stellenwert hat Kleidung für die Leute? Das beschäftigt den Designer und studierten Kirchenmusiker Raphael Jacobs. In einem früheren Modegeschäft an der Langen Straße spürt er den Geschichten von Textilien nach, schenkt Alt-Teilen in neuer Form ein zweites Leben. Aus einem Koffer ergießt sich ein Stoff in Regenbogenfarben. Es ist Acryl-Bettwäsche, die er wieder mit Acryl, also quasi mit sich selbst, beschichtet und daraus eine neue Struktur geschaffen hat.  Die Objekte, die so entstehen, setzt er mit einer befreundeten Opernsängerin in einem Video in Szene.

Meistens dienstags bis donnerstags arbeitet er in seiner Werkstatt, die er als Wohnzimmer gestaltet hat, einladend, um mit den Menschen  ins Gespräch zu kommen. Raphael Jacobs lädt die Leute ein, hereinzukommen und gern auch Sachen aus ihren Schränken mitzubringen.  Von den Luckauern, dem Vermieter des Ladens, Nachbarn sowie einheimischen Künstlern, fühlt er sich gut aufgenommen. Nach Planungsfehlern mit der Wohnung, in deren Folge er sich im Atelier häuslich eingerichtet hat,  hätten ihm viele geholfen, erzählt er.  Die Idee des „CreativQuartiers“  findet er spannend. „Ich könnte mir vorstellen, sie an anderen Orten zu wiederholen und weiterzuführen.“