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| 02:41 Uhr

Immer im Bergbau tätig, lässt einen dies nicht mehr los

Seit 2015 ist Hans-Joachim Pawlitzki (76) Mitglied im Altdöberner Heimatverein und dort bei der Umgestaltung des Bergbau-Kabinetts in den Heimatstuben behilflich.
Seit 2015 ist Hans-Joachim Pawlitzki (76) Mitglied im Altdöberner Heimatverein und dort bei der Umgestaltung des Bergbau-Kabinetts in den Heimatstuben behilflich. FOTO: Uwe Hegewald
Im einstigen Großtagebau Greifenhain, dem zukünftigen Altdöberner See, ist vor 80 Jahren mit der Aufschluss-Baggerung begonnen worden. Dahinter verbirgt sich der Prozess, den Bergleute als den eigentlichen Beginn eines Tagebaubetriebes ansehen. So auch Hans-Joachim Pawlitzki, der in Greifenhain und einigen weiteren Lausitzer Tagebauen als Leiter tätig war. udh

Herr Pawlitzki, Sie stellen die Aufschluss-Baggerung im April 1936 auf eine höhere Stufe als vorangegangene Prozesse. Mit dem Beginn der Entwässerungsarbeiten und der Namensgebung "Grube Greifenhain" durch das zuständige Bergrevieramt Cottbus wurden doch aber bereits 1935 die Weichen gestellt.
Dann müsste bis in das Jahr 1934 zurückgeblickt werden, als die Anhaltische Kohlewerke AG beim Cottbuser Bergrevier den Antrag auf Erschließung des Braunkohlebetriebes stellte. Für mich und viele Bergleute stellt das erstmalige Aufnehmen von Boden den eigentlichen Beginn dar. Im sächsischen Bärwalde durfte ich Anfang der 1970er-Jahre einen solchen Prozess miterleben, darunter den Transport der Förderbrücke F34 Nr. 19 von Lohsa nach Bärwalde auf eigenem Fahrwerk und über eine Strecke von über 15,3 Kilometer. Es war der zweite Längsbrü cken transport in der Braunkohlenindustrie überhaupt.

Trotzdem wechselten Sie 1978 in den Tagebau Greifenhain. Was waren die Gründe?
Eine neue Herausforderung. Greifenhain befand sich in der Umstellung von Zugbetrieb auf Bandbetrieb. Abraum und Kohle wurden über kilometerlange Bandanlagen transportiert, um ein ambitioniertes Ziel zu erreichen: sofortiger Zugriff auf bis zu fünf Millionen Tonnen Rohbraunkohle. Greifenhain wuchs zum Großtagebau heran und nahm die Rolle eines Puffertagebaus ein. Dadurch sollten Kraftwerke und Brikettfabriken auch dann kontinuierlich mit Braunkohle versorgt werden, wenn es in anderen Lausitzer Tagebauen zu Störungen oder Reparaturen kam oder Lieferengpässe drohten. Nachteil war die große Land inanspruchnahme.

Warum die Bezeichnung Großtagebau?
Alle Tagebaue, die mit einem Schaufelradbagger SRs 6300 oder einer Förderbrücke F60 über Großgeräte verfügten und entsprechende Abraum-Förderkapazitäten erzielten, trugen die Bezeichnung Großtagebau. Deren Leiter durften sich schließlich Tagebaudirektor nennen. Insgesamt gab es in der DDR nur fünf Großtagebaue.

Das klingt so, als ob Sie wenig Wert auf diese Etikette gelegt haben.
Ob Tagebauleiter oder Direktor ist unerheblich. Wichtig sind eine funktionierende Struktur und das Wissen, dass man ein zuverlässiges Team hinter sich hat. In meinen acht Jahren in Greifenhain konnte ich mich jederzeit auf die Belegschaft verlassen, obwohl es gleich zu Beginn eine Feuerprobe zu bestehen galt.

Und welche meinen Sie?
Den Katastrophenwinter 1978/1979. Zum Jahreswechsel fielen die Temperaturen von zehn Grad plus auf minus 20 Grad Celsius. Kamen die Gurtbandanlagen erst einmal zum Stehen, war es schwierig, sie überhaupt wieder in Gang zu bekommen. Dem Kraftwerk Vetschau konnten wir nur 8000 Tonnen Kohle bereitstellen, in vielen Kommunen fiel der Strom aus. Nach zwei Tagen konnten wir die Situation stabilisieren, wobei einige Bergleute 48 Stunden und mehr im Betrieb verbrachten. Schulen und Kindergärten haben wir direkt per Lkw mit Rohbraunkohle versorgt und das ohne Weisung von "oben".

Sie halten wirklich große Stücke auf die Greifenhainer Kumpel.
Der Tagebau ist mir ans Herz gewachsen. Dabei schließe ich alle Abteilungen ein - ob im Markscheidewesen, in der Technologie, Instandhaltung, Hilfsgeräteabteilung, Verwaltung, Betriebsfeuerwehr, ob Vulkanisierer, Baggerkapitäne und Maschinisten an den Abraumlinien, in der Kohle oder in der Versorgung. Mir ist es zum Beispiel bis heute ein Rätsel, wie es den Küchen im Werk und in den Tagesanlagen gelungen ist, mit einem Schlag die zusätzlich anrückenden Winterkämpfer aus der NVA (Nationale Volksarmee) mit zu versorgen.

Trotzdem haben Sie Ihre "große Liebe Greifenhain" verlassen und sind 1986 in den noch heute aktiven Tagebau Welzow-Süd gewechselt.
Der damalige Generaldirektor wollte es so. Am liebsten hätte ich große Teile der Mannschaft mitgenommen. Den einzigen Deal, den ich durchsetzen konnte, war die Mitnahme des Leiters der Instandhaltung, Karl-Heinz Jeck. Es war aber auch ein Abschied mit Stolz. Der Großtagebau Greifenhain ist mehrfach mit staatlichen Auszeichnungen geehrt worden, darunter mit dem Karl-Marx-Orden. Bedauerlicherweise ist die Vitrine mit all den Ehrungen nach der politischen Wende "verschollen".

Warum waren Ihnen die Instandhaltung und Karl-Heinz Jeck so wichtig?
Man muss sich nur vor Augen halten, welche Ingenieurskunst hinter den Großgeräten steckt. Förderbrücken wie zum Beispiel die F60 in Welzow-Süd sind die größten beweglichen technischen Arbeitsmaschinen der Welt. Tonnenschwere Geräte so störungsfrei wie nur möglich zu bewegen, setzt eine vorausschauende Instandhaltung voraus. Bis heute fasziniert mich die Solidität und Beständigkeit. Im März 1969 ist mit der Montage der F60 in Welzow-Süd begonnen worden, sie ging 1973 in Regelbetrieb und rollt bis heute täglich. Welcher baujahrgleiche Pkw kann da mithalten . . .

Einigen Welzower Bergleuten ist Ihre emotionale Rede in Erinnerung geblieben, für die Sie bei einer Belegschaftsversammlung auf den Stuhl gestiegen sind.
Das war weniger spektakulär. Ich habe mich nur über Rote-Socken-Äußerungen geärgert und darüber, dass uns allen nur das Parteibuch dazu verholfen haben soll, Führungspositionen auszufüllen. Den Leuten habe ich gesagt, dass ich bereits mit 17 Jahren und aus Überzeugung in die SED eingetreten bin. Ich war von dem neuen politischen System überzeugt und wollte mit dazu beitragen, dass sich Schicksale, wie sie vielen Familien und uns selbst ereilten, niemals wiederholen. Mein Großvater ist im Konzentrationslager Sachsenhausen erschossen worden. Die Kritik verstummte, als ich den Anwesenden mitteilte, dass seinerzeit alle vier Geschwister unserer Arbeiterfamilie studieren durften. In welcher Gesellschaftsordnung ist das komplikationslos möglich?

Sie haben mit einer Ausbildung zum Dreher angefangen, in Senftenberg Bergbau studiert und später mehrere Abteilungen oder Tagebaue geleitet. Kam es aufgrund der nachweislichen Umweltbelastungen durch den Bergbau nie zu Gewissenskonflikten?
Kein Mitarbeiter der Kohleindustrie muss sich heute schämen, in Tagebauen, Kraftwerken oder Brikettfabriken gearbeitet zu haben. Kohle war seinerzeit der einzig zuverlässig verfügbare Rohstoff in unserem Land. Beinahe wäre es Mitte der 1960er-Jahre zu einer ersten kleinen Energiewende gekommen. Der angekündigte Erdölfluss aus der damaligen Sowjetunion sorgte für die zwischenzeitliche Schließung von Tagebauen, darunter auch Greifenhain. Ein verhangenes Embargo gegenüber den Ostblockstaaten trug mit dazu bei, dass wir unsere eigenen Ressourcen nutzen mussten. Was aus Rohbraunkohle hergestellt werden konnte, wurde umgesetzt - wenn auch mit großem Aufwand und ökonomischen Verlusten.

Wie viel Bergarbeiterblut fließt noch heute durch die Adern von Hans-Joachim Pawlitzki?
Das dürfen gern andere beurteilen. In einer Bergarbeiterfamilie aufgewachsen und immer im Bergbau tätig, lässt einen die Geschichte nicht los. Gelegentlich kommt es zu Treffen oder Begegnungen mit ehemaligen Weggefährten. Manchmal werde ich auch spontan auf der Straße angesprochen. Wahrscheinlich haben es mir zumindest diese Leute verziehen, dass ich in der Regel ein energischer und hartnäckiger Chef gewesen bin. Seit 2015 bin ich Mitglied im Altdöberner Heimatverein und dort bei der Umgestaltung des Bergbau-Kabinetts behilflich.

Würden Sie alles wieder so machen wie in Ihrem früheren Berufsleben?
Wenn der Tagebau gehustet hat, hatte ich Lungenentzündung. Heute muss ich eingestehen, dass die Familie so manches Mal zu kurz gekommen ist. Bis auf gelegentliches Schwimmen oder Volleyballspielen gab es wenig Zeit für Hobbys. Im Alter von 59 Jahren habe ich das Skifahren erlernt und öfters die Alpen und Dolomiten bereist. Aktiv spiele ich zweimal wöchentlich Tennis und Tischtennis.

Mit Hans-Joachim Pawlitzki

sprach Uwe Hegewald

Zum Thema:
Hans-Joachim Pawlitzki ist im Januar 1940 in Sauo geboren worden. Im Alter von 14 Jahren nahm er im Kraftwerk Lauta eine Lehre zum Dreher auf. Es folgten Praktika. 1958-1961 Studium an der Ingenieurhochschule Senftenberg, dann Schichtmeister/-leiter und Betriebsingenieur im Tagebau Bluno, Abteilungsleiter Zugbetrieb Lohsa. Ab 1971 beim Neuaufschluss Bärwalde tätig, zuletzt als Hauptingenieur. 1978-1986 Tagebaudirektor Großtagebau Greifenhain, 1984 Auszeichnung zum "Verdienten Bergmann". 1986-1992 Tagebaudirektor/-leiter Großtagebau Welzow-Süd. 1992-1996 Betriebsdirektor Scheibe/Berzdorf und Regionalleiter Sachsen der LMBV. 1996-2002 Produktionsleiter von vier Kiesgruben der "Niederschlesischen Kieswerke GmbH in der Oberlausitz". Hajo Pawlitzki wohnt seit 1992 in Hoyerswerda.

Zum Thema:
April 1935 Beginn Entwässerungsarbeiten und Bau der Kohleverbindungsbahn Greifenhain - Großräschen (17 Kilometer). April 1936 Aufschluss-Baggerung mit dem Bagger D1400, August 1936 Freilegung der ersten Kohle. April bis September 1945 Unterbrechung der Kohleförderung durch Kriegseinwirkungen. 1968-1969 Stillsetzung des Tagebaus zwecks Umstrukturierung der Energiewirtschaft, Verschrottung von Tagebautechnik. 1970 Wiederaufnahme des Abraumbetriebes. 1976-1979 schrittweise Umstellung des Tagebaus von Zug- auf Bandbetrieb. Oktober 1992 Beschluss des Aufsichtsrates der Laubag zur Stilllegung des Tagebaus. 28. Juni 1994 letzte Kohleförderung. Flutungsbeginn Tagebau Greifenhain/Altdöberner See im Mai 1998, Flutungsende voraussichtlich 2021. udh

Zum Thema:
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