| 02:49 Uhr

Heimat in Luckau für syrische Ärzte

Dr. Fadi Aldarwich in der neuen Wohnung in Luckau. Der syrische Augenarzt und seine Frau, die Hautärztin Sherine Abdelrahman, wollen gern als Fachärzte in der Gartenstadt tätig werden. Erster Schritt dafür ist das intensive Erlernen der deutschen Sprache.
Dr. Fadi Aldarwich in der neuen Wohnung in Luckau. Der syrische Augenarzt und seine Frau, die Hautärztin Sherine Abdelrahman, wollen gern als Fachärzte in der Gartenstadt tätig werden. Erster Schritt dafür ist das intensive Erlernen der deutschen Sprache. FOTO: be
Luckau. Luckau drohen spürbare Einschnitte bei der Facharztversorgung. Eine Hautarztpraxis ist bereits dicht, die niedergelassene Augenärztin ist im Rentenalter. Hilfe könnte, wenn alles gut läuft, vom jungen Medizinerpaar Fadi Aldarwich und Sherine Abdelrahman aus Syrien kommen. Carmen Berg

Vor wenigen Tagen hat das junge Ehepaar in Luckau eine Wohnung bezogen. Um anzukommen, blieb kaum Zeit, denn am 1. April erblickte Sohn Adam das Licht der Welt. Sein viereinhalbjähriger Bruder Ward hat schon Freunde gefunden in der Kita "Sonnenblume". "Er fühlt sich wohl mit den anderen Kindern", erzählt sein Vater.

Die Familie ist vor dem Krieg aus Homs geflohen. "Die Stadt ist zerstört, überall lauerten Heckenschützen", sagt Fadi Aldarwich. Auch Freunde seien getötet worden. Nach einer Zwischenstation in Katar kam die Familie im Oktober vergangenen Jahres nach Deutschland und lebte zuletzt bis zur Anerkennung des Flüchtlingsstatus im Übergangsheim in Waßmannsdorf.

Dass ihr Weg die beiden Ärzte von dort nach Luckau führte, liege an Bürgermeister Gerald Lehmann (parteilos), sagt Fadi Aldarwich. Der 34-Jährige ist Augenarzt, seine Frau ist Dermatologin. Kennengelernt haben sich beide in Syrien bei der Arbeit im Krankenhaus. Luckaus Bürgermeister hatte eher zufällig von dem Ärztepaar im Waßmannsdorfer Übergangsheim erfahren und über die Diakonie den Kontakt aufgenommen. Er habe etwas für die medizinische Versorgung der Luckauer tun und auch Flüchtlingen in Not helfen wollen, sagt der Bürgermeister.

Hilfe vom Bürgermeister

Luckau habe ihm gleich gefallen, erinnert sich Fadi Aldarwich. Es sei ein schöner, gepflegter Ort mit freundlichen Leuten, der nach all dem Erlebten Ruhe und Sicherheit vermittle. Insbesondere aber hätten Gerald Lehmann und seine Frau Andrea bei der Entscheidung den Ausschlag gegeben. "Es sind wundervolle Menschen. Sie helfen uns bei so vielen Dingen. Durch sie haben wir gelernt, Luckau zu lieben und uns hier gut zu fühlen", sagt der Augenarzt. Er ist Moslem, doch er zählt auch Christen zu seinen Freunden. Die jeweiligen Feiertage würden miteinander begangen. "Zu Ostern haben wir nach deutschem Brauch bunte Eier gefärbt", schmunzelt Fadi Aldarwich.

Der Bürgermeister und seine Frau haben die Neu-Luckauer aus Syrien mit Brot und Salz in ihrer Wohnung willkommen geheißen. Auch er habe durch diesen Kontakt viel gelernt, beispielsweise beim Umgang mit dem Wust an Formularen, den Flüchtlinge bewältigen müssen, erzählt Gerald Lehmann. Und er habe sein Englisch wieder aufpoliert, sagt er.

Die deutsche Sprache ist die wichtigste Hürde für die syrischen Ärzte beim Wiedereinstieg in den Beruf. Fadi Aldarwich spricht neben Arabisch fließend Russisch und Englisch. Sein Medizinstudium hat er von 2000 bis 2007 in Russland absolviert, die Ausbildung zum Facharzt in Syrien vollendet. Beim Deutschlernen stehe er noch am Anfang, lerne aus Büchern und bekomme intensiven Unterricht von der pensionierten Lehrerin Barbara Kreuschner. Gerald Lehmann hat zudem die Fühler ausgestreckt nach Deutschkursangeboten speziell für Mediziner.

Der Doktor aus Syrien will schnell wieder arbeiten. "Anfang 2016", nennt er sein ehrgeiziges Ziel. Auch Sherine Abdelrahman will nach nur einem halben Jahr Babypause in den Beruf zurück. Die Luckauer, so ist vielfach zu hören, würden sich über neue junge Fachärzte freuen.

Der Nachweis der Sprachkenntnisse ist Voraussetzung, um die Approbation zu beantragen. Daneben seien noch viele weitere Dinge zu erledigen, wirtschaftliche und fachliche Belange zu klären, ergänzt Gerald Lehmann. Dabei wird es auch darum gehen, in welcher Form die beiden Mediziner künftig tätig sein werden, ob in eigener Niederlassung oder über Möglichkeiten als angestellte Ärzte. Gemeinsam mit der Kassenärztlichen Vereinigung und der Landesärztekammer, mit der örtlichen Augenärztin und dem Evangelischen Krankenhaus soll nach dem besten Weg gesucht werden - für die Stadt und für die junge Familie. Der Bürgermeister will auch dabei helfen.

Luckau als zweite Heimat

Fadi Aldarwich kann sich eine Zukunft in Luckau gut vorstellen. Wenn beruflich alles laufe wie geplant, soll die Gartenstadt zur zweiten Heimat werden, sagt er. Die Gedanken gehen dabei noch oft nach Syrien, wo das junge Ärztepaar bei seiner Flucht Verwandte und Freunde zurücklassen musste. Mit Sorge verfolgt Fadi Aldarwich, wie die Terroristen des Islamischen Staates weiter auf Damaskus vorrücken, wo seine Eltern leben. Übers Handy hat er ihnen das Foto ihres jüngsten Enkels geschickt - ein freudiger Moment in schwieriger Zeit.