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| 19:41 Uhr

Gemeinde schreibt an Dietmar Woidke
Heideblick äußert Angst vor dem Wolf

Die Ansiedlung des Wolfes in der Region ist ein viel diskutiertes Thema. Heideblicker fordern nun Handeln von der Landesregierung.
Die Ansiedlung des Wolfes in der Region ist ein viel diskutiertes Thema. Heideblicker fordern nun Handeln von der Landesregierung. FOTO: dpa / David-Wolfgang Ebener
Langengrassau. Gemeinde wendet sich besorgt an die Landesregierung: Wegen der Populationsdichte und der Auswirkungen auf den Wildbestand. Von Liesa Hellmann

Der Wolf geht um in Heideblick – zumindest ist das der Eindruck, den einige Einwohner der Gemeinde haben. Auf Antrag der Fraktionen CDU, Wählergemeinschaft Süd/FDP und der Wählergemeinschaft Wehnsdorf hat die Gemeindevertretung beschlossen, die Landesregierung über ihre Sicht auf das Thema Wolf zu informieren. In einem Brief an Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) und die Vorsitzende des Landesparlamentes Britta Stark äußern die Gemeindevertreter ihre „Besorgnis“ über „die Entwicklung des Wolfbestandes in unserer Region“, wie es in dem Brief heißt. Es sind vor allem drei Themen, die die Gemeindevertreter beschäftigen: die Populationsdichte, die Auswirkungen auf den Wildbestand und Ängste, die mit dem Tier verbunden sind.

Aktuell geht das Landesamt für Umwelt von 37 Rudeln und einem Paar in Brandenburg aus. Dies teilte das Ministerium für Ländliche Entwicklung, Umwelt und Landwirtschaft mit. Dietmar Becker, Jäger und Mitglied der CDU-Fraktion, der den Briefentwurf formuliert hat, will den offiziellen Zahlen nicht vollends glauben.

Ähnlich äußert sich auch Frank Deutschmann (parteilos), Bürgermeister der Gemeinde Heideblick: „Wir haben das Gefühl, dass es hier mehr Wölfe gibt, als zugegeben wird.“ Von Mai 2017 bis März 2018 konnten auf der Internetseite der Gemeinde Wolfssichtungen gemeldet werden. Mehr als 70 Beobachtungen vom Direktanblick bis zur Wolfsspur wurden aufgenommen.

Obwohl die Einträge auch anonym erfolgen konnten und die Unterscheidung von Wolf und Hund gerade in der Dunkelheit für Laien nicht immer einfach ist, misst Becker den Beobachtungen große Bedeutung bei. „Ein Großteil der Sichtungen fand am Tag statt. Es waren Spaziergänger, Radfahrer und Jogger, die meinten, einen Wolf zu sehen.“ In ihrem Brief an den Ministerpräsidenten schreiben die Gemeindevertreter, dass sich der Wolfsbestand mit einer jährlichen Zuwachsrate von 30 Prozent innerhalb von drei Jahren verdoppeln würde. Steffen Hinze, Wolfsbeauftragter des Landes Brandenburg, sieht diese Rechnung kritisch: „Ein Wolfsrudel besteht aus den Elterntieren und den Jungen aus dem letzten und dem aktuellen Jahr. Wenn im Februar und März neue Junge geboren werden, verlassen die ältesten Jungtiere das Rudel. Nur freie Reviere werden besetzt. Derzeit sind in Südbrandenburg alle Reviere besetzt, deshalb kann sich der Bestand nicht in der beschriebenen Weise erhöhen.“ Jäger Dietmar Becker gibt zu Bedenken, dass mittlerweile eine Bestandsdichte erreicht sei, der die ursprünglichen Prognosen, als Wölfe begannen, sich wieder in Brandenburg anzusiedeln, nicht standhalten konnten.

Die Verfasser des Briefes sehen das Raubtier auch als Konkurrenten für die Jagd. Sie rechnen vor, dass die Wölfe im Jahr „rund 500 Tonnen hochwertigen Wildbrets aus Brandenburg“ fressen würden. Um Heideblick habe „die Rehwilddichte bereits stark abgenommen“, sagt Dietmar Becker.  Für den Landesjagdverband Brandenburg ist die Jagd jedoch weiterhin notwendig. Im Jagdjahr 2017/2018 sei die Schalenwildstrecke – dazu gehören etwa erlegte Hirsche, Rehe und Wildschweine – um vier Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen, geht aus einer Pressemitteilung des Verbandes hervor. Dieser Anstieg gehe aber vor allem auf mehr erlegte Wildschweine zurück, die zuletzt angestiegene Rehwildstrecke sei minimal gesunken.

Steffen Hinze meint dazu: „Die Beutegreiferpopulation reguliert sich an der Beutepopulation. Wenn sich die Dichte ihrer Beute verringern würde, würden sich auch die Wölfe weniger vermehren.“ Derzeit lasse sich kein Rückgang ablesen. Die Rehe sind aber weniger sichtbar und das Schwarzwild bildet größere Rotten. Genau darin sieht Dietmar Becker ein Problem. „Die großen Schwarzwildrotten richten mehr Schaden in der Landwirtschaft an und sind zugleich schwerer zu bejagen. Sobald ein Tier erlegt wird, flüchten die anderen“, erklärt der Jäger. Auch seien die Wildarten weniger geworden: „In der Hegegemeinschaft Hohenbucko-Rocherauer Heide ist das Muffelwild seit 2016 erloschen. Ich wehre mich gegen die Aussage, dass es in unseren Wäldern zu viel Wild gibt.“

Der Heideblicker Bürgermeister Frank Deutschmann erhofft sich von dem Brief, „dass die Landesregierung merkt, dass der Wolf hier zum Problem wird.“ Konkrete Probleme habe es aber noch nicht gegeben, sagt er. „Aber es gibt Ängste.“ Im Brief an den Ministerpräsidenten wird das Beispiel gebracht, dass Eltern Kita-Erzieherinnen Waldspaziergänge verbieten würden. Der Brandenburger Wolfsbeauftragte Steffen Hinze kann die Ängste aus menschlicher Sicht verstehen, betont aber, dass „grundsätzlich keine Gefahr für Kinder oder andere Menschen von Wölfen ausgeht. Der Mensch gehört nicht zum Beutespektrum des Wolfes.“

Zur Gefahr für den Menschen könnten Wölfe jedoch werden, wenn sie von Menschen angefüttert werden oder bei Tollwut. „Deutschland und die umliegenden Länder sind aber tollwutfrei.“ In solchen Fällen könnten Wölfe auch entnommen werden, dies sei in Brandenburg aber noch nicht vorgekommen. „Wer ein kritisches Verhalten bei einem Wolf beobachtet, sollte das dem Umweltamt melden, damit wir aktiv werden können“, sagt Hinze. Dazu gehöre beispielsweise das häufige Aufhalten bei oder in Ort-
schaften und ein aktives und regelmäßiges Annähern an Menschen.

In ihrem Brief fordern die Gemeindevertreter unter anderem eine Herabsetzung des Schutzstatus des Wolfes und die Festlegung eines Wolfszielbestandes. Dieser solle mit „Maßnahmen nach skandinavischem Vorbild“ eingehalten werden. In Norwegen und Schweden dürfen jedes Jahr eine geringe zweistellige Zahl von Wölfen gejagt werden. Der Bestand in den beiden Ländern wird auf etwa 480 Wölfe geschätzt. Steffen Hinze ist skeptisch, ob das Herausnehmen von Wölfen die Population in der Region tatsächlich verringern würde. „Da alle Reviere in Südbrandenburg besetzt sind, gibt es eigentlich keinen Anstieg der Population in der Region mehr. Würde man bei Heideblick ein Rudel entnehmen, würde sich im nächsten Jahr ein anderes Rudel in dem frei gewordenen Revier ansiedeln.“

„Wir wollen auch nicht, dass der Wolf wieder ausgerottet wird“, betont Frank Deutschmann, „aber die naturschutzrechtliche Seite wird meiner Ansicht nach zu stark gemacht. Die Landesregierung muss ein Gefühl für die Probleme in unseren Gemeinden bekommen.“