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| 01:02 Uhr

Große Familie öffnet in Dahme jedem weit ihre Türen

Dahme.. Bunte Blumen aus Papier türmen sich auf dem Tisch. Frauen des Dahmer Behindertenverbandes haben sie für das Fest zum 15-jährigen Verbandsjubiläum am Sonnabend gefertigt. Beim Werkeln bleibt Zeit fürs Reden und für Erinnerungen. Von Carmen Berg

Karin Holz legt die Serviette vor sich in viele Falten und knüpft einen Faden darum. Ein geschickter Griff - schon ist aus dem unscheinbaren Papier eine Blume erblüht. „So habe ich früher mit den Schulkindern Nelken für den 1. Mai gebastelt“ , erzählt die Verbandsvorsitzende. Die Erinnerung an verordnete Mai-Demos zu DDR-Zeiten nötigt den Frauen am Tisch ein Schmunzeln ab. Nostalgische Verklärung liegt ihnen dabei fern.
Menschen mit Behinderungen und deren Angehörige seien in jener Zeit im Kreis Luckau sehr auf sich gestellt gewesen, berichtet Karin Holz. 1968 war ihr jüngster Sohn Uwe behindert zur Welt gekommen. „Ich habe mir mit Beschwerden an Partei- und Staatsorgane jede Kleinigkeit erkämpfen müssen“ , erinnert sich die Mutter. Anderen Familien sei es ebenso ergangen. Erst zur Wendezeit hätten sich betroffene Eltern zusammengefunden. „Das Wichtigste für uns war, die Isolation zu durchbrechen“ , sagt Karin Holz.
Für ihren Sohn hatte es keine Kita gegeben. Die Mutter hatte zu Hause bleiben müssen. Erst 1974 war in Luckau eine Einrichtung für körperlich und geistig behinderte Kinder eröffnet worden. „Auch auf mein Drängen“ , wie Karin Holz betont. Sie habe wieder ins Berufsleben einsteigen können, habe ein Fernstudium zum Lehrer und Horterzieher gemacht. Als Uwe älter geworden war, seien die Schwierigkeiten jedoch nicht kleiner geworden, erinnert sie sich. „Um Einrichtungen, die ihn aufnehmen, musste ich mich selbst kümmern“ , berichtet Karin Holz. So war der Sohn zunächst in Lübbenau, später in Freileben gewesen. „Dort ist mir freitags mitgeteilt worden, dass Uwe Montag nicht mehr kommen darf, weil Freileben nicht in unserem Kreis lag“ , so die Mutter.
„Uns ist es ähnlich ergangen“ , stimmt Waltraud Gürtler zu. Ihr Enkel Steffen - heute 24 Jahre - sei mit einem offenen Rücken geboren worden. „Auch meine Tochter hat ihre Arbeit aufgeben müssen, weil es keine Betreuungsmöglichkeit für den Jungen gab“ , berichtet die Großmutter.
Ende 1988 hätten sich betroffene Familien aus der Region zum ersten Mal im privaten Kreis getroffen, sagt Karin Holz. „Einmal haben wir mit den Kindern einen Ausflug an den Körbaer See gemacht. Für uns alle war das ein ganz neues Erlebnis“ , sagt sie.
Bei einer Versammlung im Dahmer Schützenhaus 1990 war dann der Behindertenverband gegründet worden. „Zunächst waren wir Dahmenser Luckau angegliedert, seit 1995 sind wir ein eigenständiger Ortsverein“ , sagt Karin Holz. Die Initiatoren hätten viele Abende und Wochenenden damit verbracht, die neuen Gesetzlichkeiten zu studieren, um die Mitglieder informieren zu können. Daneben habe die Geselligkeit von Beginn an einen großen Stellenwert gehabt, so die Verbandsvorsitzende. Feste und Ausflüge gehören dazu. Mehrmals in der Woche treffen sich Interessierte in der Begegnungsstätte des Behindertenverbandes in der Dresdner Straße in Dahme zum Basteln, zum Spielenachmittag oder zum Singen im Chor.

Wendepunkt im Leben
„Für meinen Mann Eckhard und für mich hat sich durch den Verband das Leben verändert“ , erzählt Gabriele Döring (47) ihre Geschichte. Die Krankheit ihres Mannes, die ihn an den Rollstuhl fesselt, sei erst im Erwachsenenalter ausgebrochen. Er habe sich völlig zurückgezogen, habe die Wohnung nicht mehr verlassen wollen. „Karin Holz ist es gelungen, ihn zu überreden, zu einem Fest des Behindertenverbandes mitzukommen“ , berichtet Gabriele Döring. Ihrem Mann habe es dort gefallen. „Inzwischen haben wir Ausflüge in den Spreewald und zum Hexentanzplatz in den Harz mitgemacht. Wir nehmen wieder am Leben teil“ , so die 47-Jährige. Im Verband, sagt sie, habe ihr Eckhard neue Freunde gefunden - darunter Rollstuhlfahrer wie er selbst.

Umfeld ist sensibler geworden
Einer davon ist Mario Büttner, der im Vorstand mitarbeitet. „Die Öffentlichkeit ist für die Belange Behinderter sensibler geworden“ , sagt er. Das sei für ihn ein wichtiger Erfolg der vergangenen 15 Jahre. „Durch Ortsbegehungen, die es seit zwölf Jahren mit Stadtvertretern in Dahme gibt, hat sich Vieles positiv verändert“ , erklärt Mario Büttner und nennt als Beispiele abgesenkte Gehwege oder einen Rollstuhl gerechten Zugang in den Park.
„Wir engagieren uns bei den Behinderten- und Skaterfesten des Landkreises Teltow-Fläming. Mit dem Chor sind wir viel unterwegs. Wohl auch deshalb sind wir bekannt, haben Akzeptanz gewonnen“ , betont Karin Holz.
Zu den Veranstaltungen des Verbandes, der über 100 Mitglieder zählt, zum monatlichen Kegelnachmittag oder den Fahrten ins Lübbenauer Kristallbad, sagt sie, kämen auch Nichtbehinderte gern mit.
„Genau so soll es sein“ , findet Mario Büttner. Noch gut erinnert er sich, wie er als Schüler an Krücken laufen musste und Klassenkameraden ihn deshalb „Opa“ nannten. Das habe weh getan. Aber: „Es ist bestimmt nicht aus Bosheit geschehen. Die anderen wussten einfach zu wenig über mich“ , sagt Mario Büttner.