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| 19:20 Uhr

Landwirtschaft
Tierwohl geht auch in Groß

 Engagiert vermittelte die Vorstandsvorsitzende der Agrargenossenschaft Goßmar, Anja Müller-König (vorn von hinten), dem Landtagsabgeordneten Benjamin Raschke (2.v.l.), wie auch in einem großen Bestand das Tierwohl im Mittelpunkt der täglichen Arbeit steht.
Engagiert vermittelte die Vorstandsvorsitzende der Agrargenossenschaft Goßmar, Anja Müller-König (vorn von hinten), dem Landtagsabgeordneten Benjamin Raschke (2.v.l.), wie auch in einem großen Bestand das Tierwohl im Mittelpunkt der täglichen Arbeit steht. FOTO: Birgit Keilbach
In der Agrargenossenschaft Goßmar gaben Landwirte Einblick in zukunftsorientierte Rinderzucht und forderten differenzierte Beurteilung von Betrieben ein. Von Birgit Keilbach

68 Frauen und Männer arbeiten in der Agrargenossenschaft Goßmar in den Ställen und auf den Feldern. Am Dienstag standen sie gemeinsam mit der Vorstandsvorsitzenden Anja Müller-König auf dem Hof. Ein erster Eindruck für den Landtagsabgeordneten von Bündnis 90/Grüne, Benjamin Raschke. Er war gekommen, um sich selbst ein Bild zu machen, wie in einem großen Betrieb Tierhaltung erfolgreich funktioniert. Dazu eingeladen hatte ihn Thomas Auert, Geschäftsführer der RBB Rinderproduktion Berlin-Brandenburg.

Das Stigma der Massentierhaltung ist für Anja Müller-König und den Zuchtverband ein Ärgernis. Sie machen sich für eine differenzierte Betrachtung der einzelnen Betriebe stark. In Goßmar sind Pflanzenbau und Tierhaltung das Kerngeschäft. Acht Azubis erhalten hier aktuell ihre Ausbildung. Viel Geld wurde für moderne Ställe und Maschinen in die Hand genommen. Die Chefin der Genossenschaft machte deutlich: „Wir müssen mit Extremen umgehen.“ Die 4100 Hektar Ackerland haben nur eine geringe Bodenwertzahl, dazu komme die zunehmende Trockenheit, 900 Hektar Grünland müssen wertschöpfend veredelt werden: mit Futtergewinnung für die 1100 Milchkühe und Weideland für die 200 Mutterkühe. 270 Schweine werden direkt vermarktet. Die promovierte Tierärztin hat im Laufe ihres Berufslebens kleine Höfe im Schwarzwald und größere Betriebe in Niedersachsen kennengelernt, bevor sie nach Brandenburg kam. In Goßmar kommen auf einen Mitarbeiter 73,5 Hektar Fläche, in Familienbetrieben seien dies deutlich über 100 Hektar. Den 16,1 Milchkühen je Mitarbeiter in Goßmar stünden in Familienbetrieben 50 bis 100 gegenüber, vergleicht sie.

Schrittweise wurden seit 2014 neue Ställe mit modernstem Standard errichtet. Großzügig, luftig, hell, mit Sonnenschutz und bis zum Boden reichenden Fenstern. „Wir denken immer wie Menschen, wir müssen aber wie Kühe denken“, nennt die Chefin den Kerngedanken aller Planungen. Viel sei experimentiert worden, bis es passte: mit an die Größe der Kühe angepassten Liegeplätzen und entsprechend kühlender Einstreu, der Umstellung auf Gülle, eine ausgeklügelte Fütterungstechnik sowie Weideauslauf. Soziale Strukturen spielten eine große Rolle. „Kühe bilden lebenslange Bindung“, so Müller-König. Daher bleiben in Goßmar die Gruppen vom Kalb an zusammen. Das hat sich ausgezahlt. Betrug die durchschnittliche Milchleistung je Kuh im Jahr rund 9800 Liter, steigerte sich diese nach der Modernisierung auf jetzt 11 200 Liter. Kurze Arbeitswege und gute Arbeitsbedingungen für die Mitarbeiter entstanden parallel dazu.

„Wir müssen für 68 Mitarbeiter Wert schöpfen. Dahinter stehen 68 Familien, die hier in der Region verwurzelt sind“, verdeutlicht Anja-Müller König. Mehr als 50 Prozent von ihnen sind jünger als 40 Jahre. „Sie alle brauchen Planungssicherheit, eine Zukunft.“ Doch die aktuell diskutierte Kappung der Agrarsubventionen hängt wie ein Damoklesschwert über den Milcherzeugern, auch in Goßmar. „Ohne die Fördermittel wäre die Existenz nicht möglich, die Marktpreise decken den Aufwand nicht. Auch Preissteigerungen machen uns zu schaffen.“ Die Situation sei landesweit kritisch, ergänzt Thomas Auert. Sechs Betriebe werden in nächster Zeit vermutlich ihre Milchproduktion aufgeben. „Das bedeutet meist, dass dann auch bald der Betrieb geschlossen und verkauft wird“, so Auert. Deshalb sei Unterstützung für solche Betriebe wie in Goßmar wichtig, damit Arbeitsplätze erhalten bleiben und damit die Menschen und das Leben in den Dörfern.

„Hier passt die Menge der Tiere zum Standort. Das ist ein ganz anderes Modell als zum Beispiel die Hähnchenmast“, konstatierte Benjamin Raschke. Daher werde es bei der Kappung individuelle Entscheidungen geben müssen, mit Kriterien wie regionalen Arbeitsplätzen. Andererseits sollen Großbetriebe ohne regionalen Bezug verhindert werden. Zum Beispiel solche, die die Landschaft mit Monokulturen überziehen, um daraus Biogas zu erzeugen. Der Landtagsabgeordnete sprach sich für einen Dialog aus. „Wir müssen diesen Weg gemeinsam gehen, mit Fachleuten auf beiden Seiten, um eine Vorstellung davon zu entwickeln, wie Tierhaltung in Brandenburg aussehen soll“, resümierte er.

 Engagiert vermittelte die Vorstandsvorsitzende der Agrargenossenschaft Goßmar, Anja Müller-König (vorn von hinten), dem Landtagsabgeordneten Benjamin Raschke (2.v.l.), wie auch in einem großen Bestand das Tierwohl im Mittelpunkt der täglichen Arbeit steht.
Engagiert vermittelte die Vorstandsvorsitzende der Agrargenossenschaft Goßmar, Anja Müller-König (vorn von hinten), dem Landtagsabgeordneten Benjamin Raschke (2.v.l.), wie auch in einem großen Bestand das Tierwohl im Mittelpunkt der täglichen Arbeit steht. FOTO: Birgit Keilbach