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Görsdorfer Linde vor dem Fall

Görsdorf.. Vor dem Haus von Elwin Schulze in Görsdorf steht eine mächtige Linde. Sie sei über 100 Jahre alt, sagt der 73-Jährige. Jetzt trägt der Baum ein Kreuz, soll unter die Säge kommen. Ein Gedanke, mit dem sich der Senior nur schwer abfinden kann. Von Carmen Berg

„Der Baum muss gefällt werden, er ist ein Sicherheitsrisiko“ , erklärt Sigrid Gast, in Wünsdorf zuständig für das Grün an den Straßen. Die Linde an der Landesstraße L 712 war zuvor durch den Landesbetrieb für Straßenwesen Wünsdorf, die Luckauer Straßenmeisterei und das Umweltamt Teltow-Fläming begutachtet worden.
Elwin Schulze zweifelt dieses Urteil an. Bei einem gewaltigen Gewittersturm im Sommer sei nicht einmal ein Ast abgebrochen, berichtet er. Zwar sei der Baum hohl, doch sei das noch kein Grund, ihn zu fällen, behauptet der Senior. Das Haus, in dem er heute lebt, habe schon seinem Großvater gehört, sagt er. Die Linde sei die letzte von vieren, die früher dort gestanden hätten. Als vor gut 25 Jahren in Görsdorf die Straße gebaut worden war, habe er schon einmal um den Baum gefürchtet. Damals habe er sich dafür engagiert, ihn unter Naturschutz zu stellen, betont er. Doch sei die Linde 2004 aus der Liste der Naturdenkmale gestrichen worden. Er hänge an jedem Stück Natur, gesteht der 73-Jährige, der viele Jahre in der Forstwirtschaft gearbeitet hatte. Deshalb kämpfe er für den Baum bis zuletzt, sagt er.
„Es geht nicht nur darum, dass die Linde hohl ist“ , klärt Sigrid Gast auf. „Die Wurzeln sind völlig verfault. Wir haben das getestet, da war nichts mehr.“ Mit dieser Wurzelfäule könne der Baum jederzeit brechen, sagt sie.
Wie die Mitarbeiterin des Landesbetriebes für Straßenwesen unterstreicht, würden Entscheidungen zum Fällen nicht leichtfertig getroffen. Zweimal im Jahr würden in ihrem Verantwortungsbereich gemeinsam mit dem Umweltamt alle Bäume begutachtet, so auch die Görsdorfer Linde. „Wir haben Kompromisse gemacht, aber jetzt geht das nicht mehr, das Risiko ist zu groß“ , sagt sie.
Birgit Paul von der Unteren Naturschutzbehörde Teltow-Fläming bestätigt das. „Unsere Mitarbeiter haben die Görsdorfer Linde seit Jahren im Blick“ , erklärt sie. „Die Verantwortung, sie länger stehen zu lassen, können auch wir nicht übernehmen.“
Auf der Suche nach Verbündeten hatte sich Elwin Schulze an den Naturschutzbund Brandenburg gewandt. Unstrittig sei, dass ein bruchgefährdeter Baum nicht an der Straße bleiben könne, so Landesgeschäftsführer Wolfgang Mädlow. Um das Urteil der Unteren Naturschutzbehörde zu widerlegen, erklärt er, müsste ein Baumsachverständiger zu einem anderen Ergebnis kommen.
„Ein Gutachten kann ich aus eigener Tasche nicht bezahlen“ , sagt Elwin Schulze. Ein Fünkchen Hoffnung hat er noch: „Vielleicht hilft mir die Gemeinde.“ Bürgermeister Manfred Hartfelder ist beruflich in der Straßenverkehrsbehörde des Dahme-Spreewald-Kreises tätig. „Meine Erfahrung ist es, dass die Umweltbehörden um jeden Baum ringen, so lange es geht“ , berichtet er. Die Görsdorfer Linde grenze an den neuen Görsdorfer Kleinsportplatz, gibt der Bürgermeister zu bedenken. „Wenn sie kippt, sind das nicht nur mehrere Tausend Euro Schaden für die Gemeindekasse. Es können Kinder beim Spiel getroffen werden.“
Sigrid Gast erläutert, dass für jeden gefällten Baum ein neuer gepflanzt wird. In diesem Jahr würden in Teltow-Fläming 715 Bäume in die Erde gebracht. Die Kosten betragen laut Sigrid Gast mehr als 150 000 Euro. „Wir gehen mit der Natur nicht leichtfertig um“ , betont sie.