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| 18:22 Uhr

Altenpflege
Stress-Pilot und Vitamin-Kuchen

Die Pflegerinnen Nicole Aulich (l.) und Rosemarie Scheller genießen nach der Gesundheitsberatung  ein gesundes Frühstück. rg
Die Pflegerinnen Nicole Aulich (l.) und Rosemarie Scheller genießen nach der Gesundheitsberatung ein gesundes Frühstück. rg FOTO: LR / Carmen Berg
Golßen. Beim Gesundheitstag in Golßen lernen Pflegekräfte den pfleglichen Umgang mit sich selbst.

Im Alltag sorgen sie für das Wohl anderer. Diesmal steht ihr eigenes im Vordergrund. Die Golßenerin Daniela Maurer, Betreiberin einer privaten Tagespflege für Senioren sowie mehrerer Senioren-Wohngemeinschaften in der Region, hat für ihre mehr als 40 Mitarbeiter gemeinsam mit der Kaufmännischen Krankenkasse (KKH) einen Gesundheitstag organisiert. An verschiedenen Stationen kann sich jeder individuell beraten lassen.

„Stress und Belastungen in der Pflege nehmen zu“, beschreibt Daniela Maurer ein Problem. Um mögliche Risikofaktoren aufzuspüren, misst beispielsweise eine Krankenschwester Blutdruck sowie Blutzuckerspiegel. Sie errechnet zudem den Body-Maß-Index, der anzeigt, ob Übergewicht besteht. In Golßen ergeben die Werte an diesem Vormittag keine extremen Ausreißer. „Doch wir sind häufig in Unternehmen unterwegs. Zweimal war es schon der Fall, dass Leute auf meinen Rat hin zum Arzt gingen und schwere Erkrankungen festgestellt wurden“, erzählt Schwester Katja.

Schmerzen in Wirbeln und Gelenken – im Pflegeberuf keine Seltenheit. KKH-Gebietsleiterin Annett Schiefelbein hört den Teilnehmern zu, hakt nach. Mitarbeiterin Elke Kettner zeigt sie beispielsweise, wie sie mit einfachen Tricks ihr schmerzendes Knie entlasten kann. „Gegenüber Fremden sind Menschen meist offener als in der eigenen Familie“, so ihre Erfahrung. Sie erzählt von einer Ehefrau, die sich unlängst bei ihr bedankte. Der Beraterin sei es gelungen, ihrem Mann eine Ernährungsumstellung schmackhaft zu machen. Sie selbst hätte das lange erfolglos probiert.

Jutta Fenster ist Pflegefachkraft in der Tagespflege und seit 20 Jahren im Job. „Das Schwierigste ist es, zur Einsicht zu kommen, dass man etwas tun muss“, findet sie. Bei ihr habe es Klick gemacht, als sich in einem Urlaub nach reichlich Bewegung Schmerzen an der Halswirbelsäule besserten. Seither mache sie regelmäßig gezielte Übungen. Der Gesundheitstag sei eine gute Sache. Neu und deshalb für sie besonders interessant sei der Stresstest, so die Pflegerin.

Am Stresstest-Piloten von Gesundheitswissenschaftlerin Jutta Seidenath bekommt jeder einen Sensor angelegt, muss tief ein- und ausatmen. Auf diese Weise wird die Fähigkeit des Herzens gemessen, sich an den Atemrhythmus anzupassen. Das lasse Rückschlüsse auf die individuelle Regenerations- und Entspannungsfähigkeit zu, sagt Jutta Seidenath. Denn nicht der Stress an sich sei das Problem, sondern die Fähigkeit, damit umzugehen. Sie fragt nach Dingen, die als besonders belastend wahrgneommen werden, und zeigt Wege auf, wieder herunterzukommen. Erste Hilfe in der Akutphase: „Ganz tief durchatmen.“

Elke Kettner lässt sich nach den Tests mit ihren Kolleginnen Nicole Aulich und Rosemarie Scheller ein gesundes Frühstück schmecken. Daniela Maurer hat es für ihre Mitarbeiter herrichten lassen, bevor sie wieder zur Arbeit an den verschiedenen Standorten aufbrechen. Leinsamenbrot mit Frischkäseaufstrich, Frühstückskuchen mit Äpfeln, „alles Sachen, die man sonst nicht so kennt, schmeckt aber gut“, sagen die Frauen.

Für sie ist es nicht die erste Erfahrung mit betrieblicher Gesundheitsvorsorge. Ihre Chefin habe schon häufiger Informationsveranstaltungen im kleineren Rahmen vorbereitet, regelmäßig werde eine Rückenschule angeboten, erzählen sie.

Mit dieser Fürsorge, so Daniela Maurer, will sie ihren Mitarbeitern jene Wertschätzung zeigen, die ihr in der öffentlichen Wahrnehmung für den Pflegeberuf oft fehlt. Noch mehr als der nicht üppige Verdienst sei das wohl ein Grund, warum immer weniger Leute in der Pflege arbeiten wollen, sagt die Einrichtungsleiterin. „Der Markt ist wie leer gefegt.“ Demnächst will sie eine weitere Senioren-Wohngemeinschaft eröffnen und sucht noch weitere Pflegefach- und Pflegekräfte.

 Gute Erfahrungen hat Daniela Maurer mit Quereinsteigern gemacht, die bei ihr eine Ausbildung bekommen. „Das Wichtigste ist, dass Bewerber empathisch und freundlich den Menschen zugewandt sind. Pflege ist ein Beruf, der Herz braucht. Wer das hat, kann das Fachliche lernen,“ davon ist sie überzeugt.