Von Carmen Berg

Unter dem Titel „Jammerbock IV“ lässt Ortschronist Henrik Schulze die Jüterboger Militärgeschichte von 1792 bis 2014 in vier Bänden Revue passieren. Den jüngsten Band, bei dem die sowjetischen Streitkräfte nach 1945 bis zum Truppenabzug im Mittelpunkt stehen, hat er unlängst in der Dahmer Schlossruine vorgestellt.  Das Interesse war rege, die Bänke im Saal der Ruine waren gut besetzt.

Eingangs nannte Henrik Schulze beeindruckende Zahlen. Die Jüterboger Garnison war schon für die Wehrmacht eine der größten in Deutschland. 1939 umfasste sie 8000 Hektar. Zu Zeiten der Sowjet­armee kamen mit dem Schießplatz Heidehof weitere 12 000 Hek­tar hinzu.

Dem Chronisten zufolge war die hiesige Sowjetgarnison damit die größte ihrer Art in Deutschland und auch die größte außerhalb der Sowjetunion. Rund 40 000 Soldaten waren im Raum Jüterbog permanent stationiert. Sie wurden im Zwei-Jahres-Rhythmus ausgetauscht. Demnach leisteten vermutlich von Kriegsende bis 1994 rund 1,6 Millionen Sowjetsoldaten dort ihren Wehrdienst.

Jüterbog war Rückführungszone für rund 600 000 Rotarmisten

In der Nachkriegszeit  sei Jüterbog Rückführungszone für rund 600 000 Rotarmisten gewesen, die aus der sowjetsichen Besatzungszone abrücken mussten, während 400 000 verblieben.

„Die Heimkehrer mussten gesammelt  und erst einmal diszipliniert werden“, so Henrik Schulze. Am schlimmsten hätten die Truppen in Berlin gewütet, weshalb sie die Stadt quasi über Nacht verlassen mussten. „Die Sowjets haben ihre eigenen Soldaten in die Wälder gejagt, wo sie teils in Erdgruben lebten, bis entschieden wurde, was mit ihnen geschah.“

Von der Einnahme Jüterbogs im April 1945 bis zum Abzug im April 1994 finden sich Truppenteile von rund zehn verschiedenen Armeen der Land- und Luftstreitkräfte in der Jüterboger Garnison.

In dem Buch werden die Kommandostruktur der Verbände, ihr Personalbestand und die Bewaffnung im Detail dargelegt. Die politische Geschichte der Truppenstationierung ist ebenso ein Thema wie das Leben der Soldaten und Offiziere sowie deren Beziehung zur deutschen Bevölkerung.

Streng geheime Truppenübungsplätze in Jüterbog

Wie in den drei vorangegangen Bänden der Reihe „Jammerbock“ bekommt jede militärische Liegenschaft eine Einzeldarstellung. Dazu gehören die Gebiete der Truppenübungsplätze, die Flugplätze, die Truppen- und Versorgungslager sowie Bunkerkomplexe für höhere Stäbe mit ihren Nachrichtennetzen.

Die Truppenübungsplätze, so der Autor, seien zugleich Verstecke für die höheren Führungskader gewesen – so geheim, „dass sie selbst in den internen Karten nicht eingezeichnet waren“.

Erinnern konnten sich ältere Zuhörer wohl noch an das Bombodrom für die Luft-Boden-Streitkräfte im Golmgebiet. Während der Übungen dort war die Straße zwischen Ließen und Stülpe gesperrt, die kurze Verbindung zwischen den Dörfern hinter Dahme und Luckenwalde. Betroffen davon war auch der Richtfunk auf dem Golmberg für die DDR-Regierung und die Stasi, schob Henrik Schulze eine Schmonzette nach: „Auch die konnten dort nicht weg, wenn die Russen schossen.“

In Altes Lager war die Flugabwehrabteilung stationiert. „Alle Plätze hatten in Richtung Westen Flugabwehrraketen“, erklärte Henrik Schulze. Und er machte deutlich, dass den Sowjets nicht entging, was sich beim Gegner tat.  „Im kleinen Dorf Lindow liefen die Stärkemeldungen von jedem Nato-Flugplatz ein und wurden immer neu mit Kreide in Tabellen eingetragen.“

Diebstähle, Schiebereien und Korruption vor Truppenabzug

Als belastend mögen die Monate vor dem Truppenabzug 1994 den Menschen aus der Umgebung im Gedächtnis haften geblieben sein. Dem letzten Oberkommandierenden in Wünsdorf, Matwej Burlakow, wurden Diebstähle, Schiebereien und Korruption in der Truppe zur Last gelegt.

Henrik Schulze stellte dem entgegen, was er „eine enorme Leistung“ nennt. Es sei gelungen, fast eine halbe Million Soldaten „ohne Meuterei“ aus Deutschland zurückzuholen. Man dürfe nicht vergessen, zu Hause erwarteten sie chaotische Zustände und in einigen Regionen Bürgerkriege. „Nicht auszudenken, wenn das übergegriffen hätte.“

Nähere Infos zum Buch „Jammerbock IV“ (672 Seiten, 627 Abbildungen, Preis 40 Euro) sowie zu den Bezugsmöglichkeiten gibt es unter Telefon 03372 4380787 sowie im Internet unter www.jueterbook.de.