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Genervt von Windmühlenflut

ARCHIV - Windräder drehen sich am 21.04.2015 nahe Mallnow (Brandenburg) hinter Einfamilienhäusern im Wind. Foto: Patrick Pleul/dpa (zu dpa „Volksbegehren gegen Windkraft-Anlagen wird gestartet“ vom 06.01.2016) +++(c) dpa - Bildfunk+++
ARCHIV - Windräder drehen sich am 21.04.2015 nahe Mallnow (Brandenburg) hinter Einfamilienhäusern im Wind. Foto: Patrick Pleul/dpa (zu dpa „Volksbegehren gegen Windkraft-Anlagen wird gestartet“ vom 06.01.2016) +++(c) dpa - Bildfunk+++ FOTO: Patrick Pleul (dpa-Zentralbild)
Pitschen-Pickel. „In den vergangenen drei Wochen konnte man sich nicht vors Haus setzen, so groß war der Lärm“, sagt Bianca Lehmann. Die Einwohner des Heideblick-Ortsteils sind genervt. Sie müssen mit den Auswirkungen eines riesigen Windkraftgebietes leben, das sich westlich des Dorfes über Kemlitz bis zur Gemeinde Dahmetal erstreckt, und auf dem sich um die 100 Mühlen drehen. Carmen Berg

Vehement, doch letztlich vergeblich hatten sie sich im Vorjahr gegen zwei neue Türme mit 149 Metern Nabenhöhe und einer Gesamthöhe von 207 Metern gewehrt, die noch dichter an die Bebauung rückten. In einer Diskussion mit Brandenburgs Minister für Justiz und Verbraucherschutz, Stefan Ludwig (Die Linke), Kreis-Baudezernent Chris Halecker, den Landtagsabgeordneten Sylvia Lehmann (SPD) und Iris Schülzke (Freie Wähler) sowie Guido Hedemann vom Bundesverband Windenergie nahmen sie jüngst kein Blatt vor den Mund.

"Wir wissen, Windkraft ist nötig, aber sie muss verträglich gestaltet werden", sagte Ortsvorsteherin Renate Kalweit. Heinz Lieke und andere Einwohner beklagten, dass an der rot-roten Koalition in Potsdam die 10-H-Abstandsregelung gescheitert war. Sie besagt, dass der Abstand zur Wohnbebauung das Zehnfache der Mühlenhöhe betragen sollte. In Pitschen-Pickel sind die jüngsten beiden Mega-Türme jedoch nur 1000 Meter von den letzten Häusern entfernt. Iris Schülzke sah neben dem Lärm den Infraschall, die tiefen, nicht hörbaren Schallwellen, als Gesundheitsgefahr. Einst als Spinnerei abgetan, würden das jetzt Studien belegen.

Minister Ludwig sah den Bund in der Verantwortung für die Energiepolitik. Würde 10 H angewendet, würde sich die Fläche so verkleinern, dass in Brandenburg eine verlässliche Energieerzeugung nicht gesichert sei, erklärte er mit Blick auf den Ausstieg aus der Kohle. Heinz Lieke mahnte beim Verbraucherschutzminister den Schutz der betroffenen Bürger an. "Wir fordern, dass die Anlagen nachts zwischen 22 und 6 Uhr abgeschaltet werden", sagte er. Der Minister will das prüfen lassen.

Für Bianca Lehmann ist nicht nachvollziehbar, dass die Zulassung von Windkraftanlagen aufgrund von Schallschutzprognosen erfolgt. Realistische Messungen bei laufendem Betrieb unter verschiedenen Bedingungen seien nötig. Wie Stefan Ludwig dazu sagte, würden für Industrieanlagen - und dazu zählen rechtlich auch Windtürme - grundsätzlich Lärmprognosen erstellt. Doch nehme er den Vorschlag mit, für dicht von Windmühlen besetzte Gebiete die Daten zu erfassen und öffentlich zugänglich zu machen.

Aus Sicht von Chris Halecker sollte die Zuständigkeit für die Zulassung gemäß den Emissionsschutzkriterien vom Landesumweltamt auf die Landkreise übergehen. "Im Moment ist der Landkreis außen vor."

Die Akzeptanz für die Windparks wäre größer, würden die betroffenen Bürger stärker davon profitieren, sagte Renate Kalweit und nannte als Beispiel die Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen für in Anspruch genommene Flächen. "Früher haben sich die Orte mit den Windmüllern dazu abgestimmt. Heute fließt das Geld in die Stiftung Naturschutzfonds und betroffene Orte dürfen höflich nachfragen, ob sie einen Obolus abbekommen." Das Verfahren werde gegenwärtig in der Fraktion erneut diskutiert, informierte Sylvia Lehmann.

Auch von Gewerbesteuern der Windmüller werden Kommunen kaum reich. Heideblick bekomme für seine 45 Anlagen durchschnittlich 700 Euro pro Windrad, so Bürgermeister Frank Deutschmann.

Fast bis zum Schluss unbemerkt im Zuschauerraum waren Vertreter des Projektplaners "Energiequelle". Sie bestätigten Gerüchte, wonach demnächst Anträge für drei weitere Windtürme im Gebiet gestellt werden. Nach der Sommerpause, so boten sie an, sollen die Bürger zu einem Treffen eingeladen werden, bei dem sie sich über viele Fragen, die am Dienstagabend nur angerissen wurden, ausführlicher informieren können.