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Gegen den Trend

Mit Interesse las ich in diesem Blatt vom Ergebnis einer Umfrage unter den RUNDSCHAU-Lesern: Anders als im gesamten Bundesgebiet könnte die Wahlbeteiligung zur Bundestagswahl am 24. September überdurchschnittlich hoch ausfallen.

Das fände ich erfreulich, wenn es denn dazu kommt.

Freie, gleiche und geheime Wahlen sind nicht selbstverständlich und bilden eine unter vielen anderen Möglichkeiten, die Politik in einer Demokratie mit zu gestalten.

Ich selbst, die ich in der DDR aufgewachsen bin, nehme voller Freude, ja mit Stolz und Glücksgefühlen regelmäßig seit 1990 diese Wahlmöglichkeit in Anspruch. Sie bildet immer wieder die Chance, etwas in Bewegung zu bringen in diesem Land und dabei auch konstruktiv und kritisch die Wahlprogramme der Parteien miteinander zu vergleichen. Ich erhalte als Bürgerin einer Demokratie, in welcher ich nun in meiner 2. Lebenshälfte leben darf, die Würde, engagierten Kandidatinnen und Kandidaten zu Mehrheiten zu verhelfen, die für das Leben in unserem Land nach bestem Wissen und Gewissen um gute, gangbare Lösungen ringen werden. Und wir sollten nicht vergessen: die dann Gewählten haben den Auftrag von uns Bürgern und Bürgerinnen und von niemandem sonst, sich für Menschenwürde in all ihren Facetten einzusetzen. Insofern haben sie ein dienendes Amt. Sie bekommen die Macht von uns und wir sollten deshalb auch danach unserer Aufgabe gerecht werden, sie in der Ausführung ihres Amtes zu kontrollieren und zu hinterfragen.

Für mich als Christin ist ganz klar, bei einer politischen Willensbildung mitzuwirken, welche die schwachen Glieder unseres wirtschaftlich so reichen Landes besonders im Blick hat. Dabei kann es nicht darum gehen, Ängste weiter zu schüren und anzuheizen oder sozial Benachteiligte gegen Schutz suchende Geflüchtete auszuspielen. Das ist ein falscher Ansatzpunkt, verschleiert die wirklichen Ursachen der Ungerechtigkeit und schafft weiteren Unfrieden. So wünsche ich mir ganz konkret, dass die möglichen Konstellationen nach der Wahl am 24. September mit der Unterstützung von uns Bürgern und Bürgerinnen besonders folgende Zukunftsaufgaben mutig anpacken: eine bestmögliche Bildung unserer Kinder und Jugendlichen unabhängig von ihrer Herkunft, die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Lohngerechtigkeit im gesamten Bundesgebiet und zwischen Frauen und Männern, eine Reform und personelle Aufstockung der Pflegeeinrichtungen, welche die Würde alter Menschen in den alleinigen Mittelpunkt rückt und die Förderung eines toleranten Miteinanders zwischen schon immer hier Lebenden und neu Hinzukommenden auf der Grundlage von Recht und Gesetz. Dabei muss rassistischen und fundamentalistischen Ausgrenzungsmanövern widerstanden werden.

Das sind für mich die wahrhaft christlichen Werte, welche die Grundlage für meine Wahlentscheidung am 24. September bilden werden.