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| 15:51 Uhr

Nach mehr als 70 Jahren
Tote erhalten ihre Würde zurück

Mehr als 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges erinnert auf dem Dahmer Friedhof eine Tafel an zivile Opfer aus den letzten Kriegstagen, die in einem Sammelgrab bestattet wurden.
Mehr als 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges erinnert auf dem Dahmer Friedhof eine Tafel an zivile Opfer aus den letzten Kriegstagen, die in einem Sammelgrab bestattet wurden. FOTO: LR / Carmen Berg
In Dahme erinnert jetzt eine Tafel an einem Massengrab an zivile Opfer der letzten Kriegstage. Von Carmen Berg

Eine unscheinbare Wiese erzählt auf dem Friedhof ein weithin unbekanntes Stück Stadtgeschichte. In einem Massengrab sind hier zivile Opfer bestattet, die in den letzten Kriegstagen ihr Leben ließen. Es waren Flüchtlinge und Vertriebene, die an Entkräftung starben, Zwangsarbeiter, denen eine Rückkehr in die Heimat nicht vergönnt war, und auch Einwohner, die aus Furcht vor der herannahenden Front ihrem Leben ein Ende setzten, sagt Museumsleiter Tilo Wolf. Manche seien namentlich bekannt, andere nicht. Für alle steht auf der Tafel das Brecht-Zitat: „Der Mensch ist erst wirklich tot, wenn niemand mehr an ihn denkt.“

Den guten Vorsatz, an diese Toten in würdiger Form zu erinnern, habe es mehrfach  gegeben, blickt der SPD-Stadtverordnete Matthias Ochs zurück. Letzten Anstoß, nach mehr als 70 Jahren Taten folgen zu lassen,  gab eine Zufallsbegegnung auf dem Friedhof. Matthias Ochs, der mit seiner Frau Ursel die Gräber der Dahmer Heimatforscher Max Wald und Ernst Kube pflegt, sah einen Mann am Rande der Wiese verharren. Man kam ins Gespräch. Es war Heinz Wiegand,  dessen Großeltern in dem Massengrab bestattet sind.  Der Berliner, Jahrgang 1945, hat sie nicht mehr kennengelernt. Hermann und Wilhelmine Weiße, die Eltern seiner Mutter, waren vor den Bomben aus Berlin nach Dahme geflüchtet, wo sie an der Herzberger Straße 5 unterkamen. Die betagten Eltern zu sich auf ein Laubengrundstück bei Berlin zu holen, sei ihrer Tochter nicht mehr gelungen.  Im April 1945 gingen sie aus Angst vor der heranrückenden Roten Armee freiwillig in den Tod.

Heinz Wiegand hat für die eigenen Enkel eine Erinnerungsmappe an seine Großeltern zusammengestellt, die auf dem Dahmer Friedhof ihre letzte Ruhe fanden.
Heinz Wiegand hat für die eigenen Enkel eine Erinnerungsmappe an seine Großeltern zusammengestellt, die auf dem Dahmer Friedhof ihre letzte Ruhe fanden. FOTO: LR / Carmen Berg

Erhalten ist ihr bewegender Abschiedsbrief: „Wir haben euch geliebt bis zu unserem letzten Atemzug. Wir gehen jetzt aus dem Leben, weil unsere persönliche Lage vollständig hoffnungslos ist. Wir sehen keinen Ausweg ... Vater und Mutter.“

Den Brief wie auch Familienfotos, Bilder der Dahmer Wohnung der Weißes und der Wiese, die ihr Grab wurde, hat Heinz  Wiegand in einem Bildband für die eigenen Enkel zusammengestellt, insbesondere für die achtjährige Liv, die mit dem Opa schon an der Grabstätte war. „Es muss eine furchtbare Zeit gewesen sein. Das können wir uns heute, wo sich niemand aus politischen Gründen das Leben nehmen muss, nicht mehr vorstellen“, erklärt Heinz Wiegand, warum ihm das Bewahren der Erinnerung wichtig ist.

Die Gedenktafel  spendieren, wie er es angeboten hatte, brauchte der Berliner nicht. Das übernahmen Dahmes ehrenamtlicher Bürgermeister Thomas Willweber sowie Torsten Strelow mit ihren Firmen. Gern steuert er stattdessen einen Obolus zur Restaurierung der Grabsteine von Max Wald und Ernst Kube bei, für die Matthias Ochs parallel eine Spendenaktion gestartet hatte. Der Wildau-Wentdorfer Künstler Peter Weidenbach-Liszt hat die maroden Inschriften neu vergoldet, sodass die Steine jetzt wieder ansehnlich sind.

Zum Massengrab bleiben noch Fragen offen. So ist die Zahl der bestatteten Opfer nicht genau bekannt. Der Krosserner Max Eckstein, der sich im Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge engagiert, will die Kopie einer Namensliste zur Verfügung stellen, die er im Rahmen seiner ehrenamtlichen Tätigkeit von früher aufbewahrt hat. Hans-Georg Nerlich, Stadtverordneter der Fraktion Landleben, regt zudem an:  „Die Gräberstätte könnte ein Forschungsprojekt für Dahmer Oberschüler werden.“