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| 02:36 Uhr

Gedenken als Frage der Selbstachtung

Lieberose. Ein Vertreter der Jüdischen Gemeinde Rom besucht die Mahn- und Gedenkstätte Lieberose. Der Förderverein erinnert an das Schicksal der Häftlinge des KZ-Außenlagers Lieberose und enthüllt eine Tafel für Siegmund Sredzki. Ingrid Hoberg

"Der Dichter, der das Grauen dieser Taten berichten soll der Nachwelt, wird zunächst versagen, und sein Werk muss ihm missraten, da ihn der Taten Grauen überwächst", schrieb der Dichter Johannes R. Becher (1891 bis 1958). Victoria Seifert, Schülerin der Ludwig-Leichhardt-Oberschule Goyatz, trug diese Worte in der Gedenkveranstaltung am Donnerstag in Lieberose vor. Der Verein zur Förderung der antifaschistischen Mahn- und Gedenkstätte Lieberose, das Sachsenhausenkomitee und die Bürgermeisterin hatten zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus eingeladen.

Der Einladung waren Lieberoser Bürger, Vertreter der Kommunal- und Landespolitik sowie Claudio Procaccia, Vertreter der Jüdischen Gemeinde Rom, gefolgt. "Seit mehr als 2000 Jahren gibt es die jüdische Gemeinde in Rom - sie ist nie als Fremdkörper empfunden worden. Deshalb haben dort viele überlebt", sagte er. Die Schoa (hebräisch: Katastrophe, Unheil) habe die jüdische Kultur nicht ausgelöscht. Die Gesellschaft müsse lernen, mit Unterschieden umzugehen, sich von der Verschiedenheit der Kulturen befruchten lassen.

"Wir stellen uns der Geschichte, der aktiven Rolle, die die Finanzverwaltung bei der Enteignung der Juden eingenommen hat", sagte Daniela Trochowski, Staatssekretärin im Brandenburger Finanzministerium, und verwies darauf, dass die Orte des Grauens erhalten werden müssen, um das Wissen über die Geschichte nicht zu verlieren und den Umdeutungsversuchen durch die AfD Einhalt zu gebieten. "Wir brauchen die Erinnerung an Menschen wie Siegmund Sredzki, um gegen jede Form der Ausgrenzung und des Rassismus vorzugehen. "Wegschauen und schweigen ist falsch. Das sind wir den Opfern, aber auch denen, die heute Schutz suchen, uns selbst und unseren Kindern schuldig", betonte Trochowski.

Über Siegmund Sredzki und weitere deutsche Häftlinge des KZ-Nebenlagers Lieberose informiert die aktuelle Ausstellung im Museum der Gedenkstätte, die Peter Kotzan vom Verein erarbeitet hat. Er begleitet Besucher durch die Ausstellung und würde sich freuen, wenn noch mehr Schulklassen den Weg nach Lieberose finden. Die 6. Klassen der Comenius-Schule besuchen das Museum meistens vor dem Schulwechsel.

Die 14. Gedenktafel im Ringgrab ist für den 1892 in Berlin geborenen und am 11. Oktober 1944 im KZ Sachsenhausen ermordeten Sozialisten Siegmund Sredzki enthüllt worden. Seit 1995 veranstaltet der Förderverein am 2. Februar einen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus. 1945 war an diesem Tag das KZ-Nebenlager Lieberose aufgelöst worden. Fast 2000 Häftlinge wurden auf den Todesmarsch nach Sachsenhausen geschickt.

Bürgermeisterin Kerstin Michelchen hatte am Rande der Veranstaltung Gelegenheit, mit der jüdischen Delegation ins Gespräch zu kommen. Der Kontakt zu Claudio Procaccia von der Jüdischen Gemeinde Rom war durch den Berliner Verein Carlo Levi ermöglicht worden, den Gianfranco Caccanei vertrat. Er recherchierte für eine Dokumentation über das Schicksal von italienischen Häftlingen im Lieberoser Lager.

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