Von Anja Brautschek

Für viele ist das Leben auf dem Land die Vorstellung einer Idylle. Umgeben von Grün hat man Haus und Hof zum Bewirtschaften. Der Nachbar fährt mit dem Traktor vorbei und grüßt freundlich. Immer häufiger zieht es auch junge Familien aus der Großstadt für ein ruhigeres Leben in den Landkreis Dahme-Spreewald. Doch der Alltag auf dem Land stellt Einwohner und Kommunen auch vor Herausforderungen. Die Bevölkerung wird älter. Infrakstruktur, Gesundheits- und Nahversorgung müssen dennoch aufrecht erhalten werden. Und wie können ausreichend Fachkräfte hergelockt werden? Im Rahmen des Forums Mittelstand haben vier Experten aus unterschiedlichen Fachgebieten Erfahrungen und Praxisbeispiele aus verschiedenen Regionen Deutschlands für Zukunftsperspektiven im ländlichen Raum erläutert.

Besonders die künftige ärztliche Versorgung bewegt die etwa 60 anwesenden Zuhörer. „Im Bundesdurchschnitt haben wir hier die ältesten Patienten zu versorgen“, erklärt Torsten Braunsdorf, Präsident der Vertreterversammlung der Kassenärztlichen Vereinigung Brandenburg (KVBB). Zugleich verändern sich auch die Erwartungen an den Beruf. Die Nachfrage nach Teilzeitarbeit steige. Die KVBB versucht daher, über Förderungen und Niederlassungsberatungen angehende Ärzte in die Region zu holen. „Mit Blick auf den Fachkräftemangel hoffe ich, dass das bisherige Niveau weiter gehalten werden kann. Dazu muss auch die Bürokratie abgeschafft werden. Wir brauchen mehr ärztliche Arbeitszeit“, erklärt er die wesentlichen Knackpunkte. Der Versorgungsgrad von Ärzten und Fachärzten im Landkreis, der immer wieder für Diskussionen sorgt, sei jedoch vom Gesetzgeber vorgeschrieben. Für Andrea Beyer, Leiterin der Notfallambulanz am evangelischen Krankenhaus in Luckau, ist das nicht zufrieden­stellend. „Wir brauchen in Luckau eine Bereitschaftspraxis am Krankenhaus“, fordert sie.

Auch in Bezug auf die Infrastruktur könnten innovative Konzepte neue Impulse schaffen, um den Nahverkehr auszubauen. So betreibt die DB Regio Bus bereits seit Oktober 2017 einen autonomen Kleinbus im Straßenverkehr von Bad Birnbach (Niederbayern). Das Fahrzeug fährt auf einer eingelernten Route. Lasersensoren scannen die Umgebung. Sobald Hindernisse auftauchen, stoppt der Kleinbus. Das Konzept geht auf. Mehr als 30 000 Personen habe der autonome Bus bereits befördert. „Wir wollen damit neue Mobilitätsansätze stiften. Für uns ist es eine Ergänzung, wir wollen den Verkehr nicht ersetzen“, erklärt Thomas Huber, Leiter Innovative Konzepte.

Ob so ein Konzept auch für den Landkreis funktionieren könnte? Wie Wirtschaftsdezernent Heiko Jahn bestätigt, gibt es Bestrebungen, so etwas eventuell auch in Wildau zu etablieren. „Die Hürden für eine Zulassung in den aktiven Straßenverkehr waren sehr hoch, auch der finanzielle Aufwand. Aber es ist nicht unmöglich“, so Huber.

Auch Dorfläden können wichtige Lebensstrukturen auf dem Land erhalten und sogar schaffen, ist Wolfgang Gröll von der Bundesvereinigung multifunktionaler Dorfläden überzeugt. „Sie waren in wichtigen Bereichen wie Regionalität, Begegnungsstätten oder Verpackungsvermeidung schon immer Trendsetter“, erklärt er. Dabei dürfe das Thema Internetverkauf heutzutage aber auch nicht mehr vernachlässigt werden.

Generell ist das Thema Digitalisierung ein weiterer wichtiger Baustein, wenn die entsprechenden Voraussetzungen dafür auf dem Land geschaffen werden. Über digitale Plattformen könnte das Miteinander auf dem Land weiter gefördert werden. Im Kreis Höxter (Nordrhein-Westfalen) wurde ein entsprechendes Projekt initiiert. Dörfer haben sich miteinander vernetzt und Plattformen zur Nachbarschaftshilfe oder für die Kirche mit Online-Seelsorge etabliert. „Ziel dabei ist es, die Selbstversorgung zu stärken“, erklärt Projektreferentin Heidrun Wuttke die Idee. Innerhalb von drei Jahren haben die Bürger digitale Kompetenzen erworben und von der Entscheidung bis zur Umsetzung aktiv den Prozess vorangetrieben. „Es ist wichtig, die Dörfer in den Fokus zu nehmen und mit den Bürgern gemeinsam zu entwickeln“, sagt Sascha Philipp vom Landgut Pretschen.