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| 13:41 Uhr

Natur bei Nacht
Fledermäuse hautnah erlebt

Prierow. Öffentlicher Netzfang im Wald bei Prierow bot Einblicke in das Leben der nachtaktiven Säuger. Von Birgit Keilbach

Weit reißt die Große Bartfledermaus ihr Schnäuzchen auf und lässt ihre spitzen Zähne sehen, während im Ultraschalldetektor ihr aufgeregtes „Geschrei“ zu vernehmen ist. Dass er im Netz zappelte und nun von Menschenhand festgehalten wird, gefällt dem Winzling gar nicht. So klein, dass es in der Hand von Sarah Tost verschwinden kann, ist das erwachsene Männchen. Die Fledermausexpertin kniet auf einer Decke, vor sich ein Bestimmungsbuch für Fledermausarten. Genau schaut sie im Licht der Stirnlampe auf Fellfärbung, Flügel, Daumenkralle und weitere Merkmale des Tieres.

Gespannt verfolgen dies zahlreiche Augenpaare von Kindern und Erwachsenen. Nach der Prozedur sitzt die Fledermaus ganz ruhig in der Hand. „Sie genießt die Wärme und fühlt sich wohl“, erläutert die Expertin. Nora Schnippering darf sie nun wieder in den Wald entlassen. „Das Fell ist weich und sie ist erst auf der Hand sitzen geblieben und dann losgeflogen“, sagt die Achtjährige. „Ich dachte, sie sind viel größer. Ich habe sie bisher immer nur fliegen gesehen“, ergänzt sie. Dass die abends im Garten beobachteten Flugkobolde so klein sind, ist auch für ihre Oma Astrid Werner aus Jetsch eine neue Erkenntnis. „Diese Fangaktion ist ein schönes Erlebnis für die Kinder, gerade jetzt in der Ferienzeit. Auch als Erwachsener lernt man noch dazu, dass es 18 Fledermausarten in Brandenburg gibt zum Beispiel.“

14 davon leben in den zwei Fauna-Flora-Habitat (FFH)-Gebieten „Prierow bei Golßen“ und „Urstromtal bei Golßen“, an deren Grenze der öffentliche Netzfang von Fledermäusen am Freitagabend im Wald zwischen Prierow und Rietzneuendorf stattfindet. Anlass ist die aktuell europaweit laufende Managementplanung für die FFH-Gebiete. Auch diese zwei gehören zum für alle Mitgliedsländer verpflichtenden EU-Programm „Natura 2000“, mit dem die biologische Vielfalt als Lebensgrundlage der Menschen erhalten bleiben soll, wie Landschaftsplanerin Anne Hartmann aus Berlin den rund 30 Naturfreunden erläutert. Seit 2004 seien sie europäische Schutzgebiete mit geschützten Lebensraumtypen. „Das bedeutet, es gibt hier seltene und schützenswerte Pflanzengemeinschaften wie Auenwälder, Hainbuchenwälder und Eichenwälder sowie geschützte Tierarten“, erklärt die Landschaftsplanerin.

Eine davon sind die Fledermäuse. Zu den 14 hier beheimateten Arten zählen Mopsfledermaus, Großes Mausohr, Bechsteinfledermaus und Große Bartfledermaus. Eine weitere Art geht während der Fangaktion ins Netz – die Fransenfledermaus. Im Schein der Stirn- und Taschenlampen zeigt Sarah Tost den interessierten Naturfreunden die feinen Härchen an den Außenseiten der Flügel, die dieser Art den Namen geben. Auch er habe sich Fledermäuse viel größer vorgestellt, „und nicht so zappelig. Wenn man sie streichelt, haben sie ein ganz weiches Fell“, erzählt der sechsjährige Jan Siedschlag begeistert. Einen Netzfang habe sie auch noch nicht miterlebt, sagt seine Mutter Yvonne Siedschlag. „Es ist ein interessanter Abend, an dem ich viel Neues über die Unterscheidung der Arten erfahren habe“, fügt die Luckauerin an.

Viel Wissenswertes über die lautlosen Jäger der Dunkelheit erfahren die Naturfreunde. Dass die Weibchen für die Jungenaufzucht Wochenstuben einrichten und die Männchen während dieser Zeit außen vor bleiben müssen zum Beispiel. Warum sie Handflügler genannt werden, veranschaulicht eine Skelettansicht. Denn die Flügelhäute spannen sich zwischen Zeige- und kleinem Finger, der Daumen ist eine Kralle. „Diese nutzen sie zum Klettern“, erläutert die Fledermausexpertin.

Ebenso, dass sie Winter- und Sommerquartiere haben, manche Arten bis zu 1000 Kilometer nach Spanien und Portugal zurücklegen. Andere wiederum seien sehr standorttreu, zögen im Sommer nur vom Keller in den Dachboden um. Auf die Frage nach Gefahren durch Windkraftanlagen erläutert Sarah Tost, dass diese durch auf Insekten- und Fledermausflug abgestimmte Abschaltzeiten minimiert werden.

„Ein interessanter und lehrreicher Abend war das heute. Ich hätte nicht gedacht, dass welche ins Netz gehen, wenn so viele Menschen hier sind und Unruhe im Wald verbreiten“, resümierte Anke Brose-Logisch aus Prierow. „Eine super Sache, ich habe noch nie vorher eine Fledermaus so nah gesehen“, schwärmte ihr Mann Jörg Brose.