ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 02:47 Uhr

Entwürdigende Zeit im Gefängnis

In der Sonderausstellung des Niederlausitz-Museums erinnern sich Jakob Bittermann, Rolf Schröder, Hans-Curt von Pannwitz und Günter Schönherr (v. l.) an ihre Zeit als politische Häftlinge in Luckau.
In der Sonderausstellung des Niederlausitz-Museums erinnern sich Jakob Bittermann, Rolf Schröder, Hans-Curt von Pannwitz und Günter Schönherr (v. l.) an ihre Zeit als politische Häftlinge in Luckau. FOTO: B. Keilbach/bkh1
Luckau. Es sind Lebenserinnerungen, die so unglaublich sind, dass sie einem den Atem stocken lassen. Doch dieses Ausmaß von Willkür der sowjetischen Besatzungsmacht, menschlicher Demütigung und entwürdigender Behandlung von Gefangenen ist historische Tatsache. Drei Zeitzeugen kehrten an den Ort vieler Qualen und Erniedrigungen zurück. Birgit Keilbach / bkh1

Sie berichteten über ihre Erlebnisse, die sich auch hinter den Mauern des früheren Luckauer Gefängnisses ab 1950 zugetragen haben. Im Klostersaal der heutigen Kulturkirche erinnert nichts mehr an die Zustände, die vor mehr als 60 Jahren dort herrschten. Die drei hochbetagten Männer jedoch, die am Samstag im Podium Platz nehmen, haben sie bis heute nicht vergessen. Rolf Schröder, Jakob Bittermann und Günter Schönherr berichten über eine Zeit ihres Lebens, die für viele im Auditorium nur schwer vorstellbar ist.

Rolf Schröder war im Oktober 1945 mit 30 anderen Jugendlichen in Malchow vom sowjetischen Geheimdienst (GPU) willkürlich verhaftet worden. "20 von uns kamen in den GPU-Keller von Waren. Mit vielen Druckmitteln wurde versucht, Geständnisse zu erpressen", erinnert sich Rolf Schröder. Zwischen 13 und 16 Jahren alt waren sie. Ihr Verbrechen: Sie wären "Aufrührer gewesen", hätten der Nazi-Organisation "Werwolf" angehört oder Spionage betrieben, erzählt Rolf Schröder. Doch sie waren Jugendliche, die gerade den Krieg überstanden hatten und keineswegs die erbitterten Feinde des kommunistischen Regimes, als die sie betrachtet und deshalb verhaftet wurden. Auch Jakob Bittermann zählte zu ihnen. Schon im August 1945 war er in Malchow verhaftet worden. Am 28. März erfolgte die Verurteilung durch das sowjetische Militärgericht in Güstrow. "Das erste Urteil galt dem 16-jährigen Heinz Birkholz. Er wurde zum Tode verurteilt und gleich abgeführt", berichtet Jakob Bittermann. Die erstickende Stimme lässt erahnen, wie tief sich dieses Erleben in seinem Inneren eingebrannt hat.

Günter Schönherr wurde zum Verhängnis, dass seine Tante mit Freunden im Westen Deutschlands Kontakt hielt. Die Tante sei 1951 im Zuchthaus Hoheneck umgekommen. 1949 wurde er nachts verhaftet und ins GPU-Gefängnis nach Halle gebracht. "Man kommt in eine Zelle und stellt fest, dass man plötzlich seiner eigenen Entscheidungsfreiheit beraubt war", beschreibt er seine damalige Situation. Während er noch denke, das müsse ein Irrtum sein, wird ihm das Haar geschoren. Es folgen monatelange nächtliche Verhöre. "Das Schreckliche dabei: Man soll gestehen, wo es nichts zu gestehen gibt." Zu zehn Jahren Lagerhaft verurteilte ihn das sowjetische Militärtribunal (SMT).

Alle drei kamen 1950 von Sachsenhausen nach Luckau. "Alle waren bis auf die Knochen abgemagert. 350 Gramm Brot, eine Suppe, eine Tasse Tee und Kaffee am Tag, das war alles", erinnert sich Jakob Bittermann.

Die ersten zwei Jahre verbrachte er im Schlafhaus, der heutigen Kulturkirche. Im Chorraum lagen an Tuberkulose (TBC) erkrankte Häftlinge unter unhaltbaren hygienischen Zuständen. Diese herrschten im gesamten Gefängnis, wie die Zeitzeugen erzählen. Angehörige erfuhren nichts über die Haftbedingungen und die Gründe. "Alles auf der Karte dazu war geschwärzt", berichtet Rolf Schröder. Pakete von zu Hause kamen. "Der Inhalt wurde in eine Schüssel gekippt, Zucker, Kuchen, Wurst, alles zusammen", beschreibt er die Zustände. Und die Hoffnung, dass irgendjemand draußen von ihrem Unrecht erfährt, habe sich nie erfüllt. "Wir waren von Anfang an einer fremden Macht ausgeliefert und wussten gar nicht, wo sie ist", reflektiert Günter Schönherr diese Zeit als Gefangener der SMT. Keine ordentliche Gerichtsbarkeit, keine Informationen nach draußen, auch die Deutschen wurden desinformiert: "Nach außen hin waren wir kriminalisiert."

Zum Thema:
Ende Januar 1950 wurden 800 politische Häftlinge aus dem damaligen sowjetischen Speziallager Sachsenhausen transportiert. Entlassungen erfolgten ab 1951. Wie lange weitere unrechtmäßig Verurteilte dort einsitzen mussten, ist noch nicht endgültig erforscht. Erst nach 1990 begann die Aufarbeitung dieses Kapitels deutscher Nachkriegsgeschichte. Zeitzeugen und Interessierte widmen sich dem Luckauer Teil in der Arbeitsgemeinschaft Lager Sachsenhausen e. V. In der Sonderausstellung des Niederlausitz-Museums über die Geschichte der Haftanstalt können Besucher mehr über diese Gruppe politischer Gefangener erfahren. An der Stadtmauer erinnert eine Gedenktafel an sie.