ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 02:55 Uhr

Ein Spagat zwischen zwei Welten

Luckau. Kaffee, Brötchen, Käse und Marmelade stehen auf dem Frühstückstisch. Noch etwas müde reibt sich Christiane Wolf den Schlaf aus den Augen. Die 27-Jährige Gießmannsdorferin lebt und arbeitet seit drei Jahren in Brasilien und besucht mit ihrem Lebensgefährten gerade ihre deutsche Heimat. Ein Spagat zwischen zwei Welten, aber auch mit einer überraschenden Gemeinsamkeit: Demonstrationen um einen neuen Radweg. Lars Hartfelder

Anderthalb Jahre ist es her, das Christiane Wolf das letzte Mal Deutschland besuchte. "Vor der Reise war ich total aufgeregt", sagt sie. Die Unterschiede zwischen beiden Ländern seien groß, vor allem im Umgang miteinander. "Zur Begrüßung ist es ganz normal, sich zu umarmen und drei Küsse zu verteilen", berichtet sie. Das hierzulande typische Hand geben werde in Brasilien als kühl und distanziert empfunden. "Die Menschen sprechen sich zudem in der Regel immer mit dem Vornamen an", nennt sie einen weiteren Unterschied. "Der Grundtenor ist stets freundlich." Überall werde miteinander geplaudert, ob im Supermarkt mit der Verkäuferin oder beim Mittag am Imbissstand. Seit drei Jahren lebt Christiane Wolf in Sao Paulo, wo sie sich längst heimisch fühlt. "Ich liebe das warme Klima, Winter gibt es dort nicht." Außerdem hat es ihr die brasilianische Musik angetan. "Musik spielt im Leben der Brasilianer eine unglaublich große Rolle", erzählt sie. "Zusammen singen und tanzen ist selbstverständlich."

Für ihre Familie ist die große Entfernung natürlich keine leichte Situation. "Aber mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt", sagt Vater Martin, der über Internet regelmäßig mit seiner Tochter telefoniert. Zweimal war der Gießmannsdorfer außerdem bereits in Brasilien zu Besuch.

Zum Austausch nach Brasilien

Christiane Wolf schloss am Luckauer Gymnasium ihr Abitur ab, lernte dort Spanisch und begeisterte sich früh für Südamerika. Es folgte an der Freien Universität Berlin ein Lateinamerikanistik-Studium, währenddessen sie auch Portugiesisch, die Amtssprache Brasiliens, lernte. Im Juli 2008 ging sie für zwei Austausch-Semester erstmals nach Sao Paulo. "Bereits in der ersten Woche habe ich auf einer kleinen Party meinen Freund Raffa kennengelernt", erinnert sie sich. Das Glück mit dem 26-Jährigen hält bis heute. Das Paar lebt mittlerweile in einer gemeinsamen Wohnung. Während das Zusammenziehen für Christiane nichts Ungewöhnliches darstellte, war dies für die Familie ihres Freundes längst keine Selbstverständlichkeit. "In Brasilien leben Paare erst nach der Hochzeit zusammen", erklärt Rafael, der das Zusammenleben mit Christiane als "einfach" beschreibt. "Sie ist immer sehr direkt, manchmal zu direkt", sagt der Investment-Banker lächelnd in gutem Deutsch.

Für Christiane war die Begegnung mit Rafael ein Grund mehr, den endgültigen Umzug nach Brasilien zu wagen. Im September 2010 zog sie nach dem erfolgreich abgeschlossenen Studium nach Sao Paulo. Dort arbeitete sie zunächst in einer privaten Sprachschule als Deutschlehrerin. Später folgte der Wechsel zum Goethe-Institut, wo sie bis vor wenigen Wochen angestellt war. Nach ihrer Rückkehr fängt sie dann beim DWIH-Institut an, einer Organisation des Auswärtigen Amtes, die in Brasilien neue Kooperationsmöglichkeiten für die deutsche Wirtschaft sucht.

"Ich freue mich auf diese neue Herausforderung", sagt sie, auch wenn das Leben in Sao Paulo sehr stressig ist. Die Stadt ist mit 19,8 Millionen Einwohnern die sechstgrößte Metropole der Welt und das Wirtschaftszentrum Brasiliens. "Die Straßen und öffentlichen Verkehrsmittel sind überfüllt." Es gibt große Strukturprobleme und nur vier U-Bahn-Linien. Viele ihrer Freunde benötigen bis zu zwei Stunden von ihrer Wohnung bis zur Arbeitsstelle. Christiane Wolf hat da mehr Glück. In etwa 20 Minuten ist sie bei ihrem Job, da die Wohnung sehr zentral liegt. "Mit dem Fahrrad geht es eigentlich schneller, doch das traue ich mich noch nicht so oft". Radwege sind in Sao Paulo selten und immer wieder verunglücken Radfahrer tödlich, berichtet sie. Aktuell gibt es aber eine große Bewegung und zahlreiche Demonstrationen für neue Fahrradwege. "Das ist schon eine merkwürdige Parallele zu Gießmannsdorf", schmunzelt sie. In ihrem Heimatort demonstrieren Bewohner seit Monaten für einen durchgängigen Radweg von Luckau nach Gießmannsdorf.

Zukunft ist offen

Ob die 27-Jährige für immer in Sao Paulo bleibt, weiß sie noch nicht. Im Moment geht es ihr dort gut, sowohl privat als auch beruflich. "Allerdings ist Sao Paulo keine Stadt für Kinder", sagt sie nachdenklich. "Niemand lässt seine Sprösslinge allein auf der Straße spielen." Immer wieder gibt es Gerüchte von Entführungen. "Da ist Deutschland ein Paradies." Ihr Freund Rafael sieht das nicht so pessimistisch, ist er doch in Brasiliens Metropole aufgewachsen.