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Ein Obdachloser bewegt Luckau

Luckau. Graugrüne Jacke, Jeans, Wollmütze – neben sich einen Pappbecher, so sitzt der obdachlose Mann im Rollstuhl im Eingangsbereich eines Luckauer Marktes. Draußen bläst ein eisiger Wind. Den Versuch, mit ihm ins Gespräch zu kommen, wehrt der etwa 50-Jährige mit einem schroffen "Nein" ab. Carmen Berg

Er kommt aus Polen und hält sich seit dem vergangenen Spätsommer in Luckau und Umgebung auf. Mal hier, mal dort fällt er den Leuten auf. "In der Kleinstadt ist ein Obdachloser ein ungewohntes Bild", weiß Ordnungsamtsleiter Thomas Schäfer. Mancher reagiert verärgert, andere haben Mitleid, versorgen ihn mit dem Nötigsten. Im Rathaus klingelt sich das Telefon heiß.

Das Problem: "Der Mann lehnt bislang jede Unterstützung seitens der Behörden ab", erklärt der Chef des Ordnungsamtes vor dem Hauptausschuss. Er sei auch nicht aus einer Notsituation in diese Lage geraten, sondern pflege seine Lebensform aus freien Stücken, sagt Thomas Schäfer.

Als der Amtsleiter im Januar seinen Dienst im Rathaus antrat, füllten die Vorgänge um den Polen bereits einen dicken Ordner. Immer wieder hatten Mitarbeiter des Ordnungsamtes den Kontakt gesucht, vergeblich Hilfe angeboten. In Einrichtungen, wo er sich ungefragt Unterschlupf verschaffte, habe es Ärger und auch schon Hausverbote gegeben, erklärt Thomas Schäfer. Dieser Tage sei endlich im zweiten Anlauf ein Gespräch im Rathaus zustande gekommen. Vertreter des sozialpsychiatrischen Dienstes des Landkreises und Luckaus katholischer Pfarrer Bronislaw Marecik, der selbst aus Polen stammt, saßen mit am Tisch. "Wir haben ihm gemeinsam erklärt, welche Möglichkeiten es gibt. Er wollte nicht", konstatiert der Amtsleiter.

So versuchte die Verwaltung, ihn zu bewegen, in eine Wohnung für Obdachlose zu ziehen, die die Stadt in einem Block in Bornsdorf vorhält. "Wenigstens für den Übergang, so lange es so kalt ist, aber auch das hat er abgelehnt", sagt Thomas Schäfer.

Pfarrer Marecik bestätigt das. Wie bei manch anderen Luckauern hatte der Mann im Rollstuhl im katholischen Pfarrhaus Mitgefühl erregt. "Wir haben Kaffee gekocht, ihn mit Essen versorgt, das er später aber weggeworfen hat", erzählt der Pfarrer. Weil im Pfarrhaus eine Beherbergung nicht möglich war, beschaffte der Seelsorger ihm Unterkunft in Vetschau. "Dort hatte er es warm, bekam zu essen, aber er hielt es nicht lange aus", so Bronislaw Marecik. "Ich habe wegen ihm schlaflose Nächte, aber was soll ich machen, ich kann ihn ja nicht zwingen," sagt der Seelsorger. Selbst an die polnische Botschaft habe er sich gewandt, doch auch dort sah man keine Lösung. Ähnlich ratlos ist der Landkreis. "Wir halten den Kontakt über den sozialpsychiatrischen Dienst, mehr können wir nicht tun", sagt Kreis-Sprecherin Heidrun Schaaf.

Laut Thomas Schäfer prüft die Verwaltung Möglichkeiten, über das Amtsgericht eine Vertretervollmacht zu erhalten. Ob sich damit die Situation ändern lässt, sei aber fraglich. Der 50-Jährige sehe sich nicht als obdachlos, verweise auf eine Wohnung in Polen.

Wie der Amtsleiter sagt, bezieht der Mann, der Recherchen der Verwaltung zufolge vor fünf Jahren nach Deutschland kam und zuvor in Berlin auf der Straße lebte, keinerlei Sozialbezüge. Pfarrer Marecik sagt: "Er lebt von dem, was die Menschen ihm zustecken, vor allem an Geld. Und das ist offenbar nicht wenig." An den Rollstuhl gefesselt sei er nicht. "Er kann laufen."

Thomas Schäfer stimmt mit dem Pfarrer überein: "Erst, wenn die Leute ihn nicht mehr mit Geld und anderem versorgen, lässt er sich womöglich bewegen, unsere Hilfe anzunehmen." Das Wohnangebot in Bornsdorf bestehe weiter. "Im Übrigen müssen wir wohl akzeptieren, dass es Menschen gibt, die so leben wollen, auch wenn das schwer zu begreifen ist", sagt der Amtsleiter.