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| 16:29 Uhr

Storchenbilanz
Ein gutes Jahr für Adebar

Demnächst sammeln sich die Adebare wieder zu ihrer Reise in den Süden.
Demnächst sammeln sich die Adebare wieder zu ihrer Reise in den Süden. FOTO: Fred Biela
Lübben/Luckau. Zwischen Lübben und Luckau gab es trotz Hitze und Trockenheit reichlich Kindersegen bei den Weißstörchen. Von Ingvil Schirling und Carmen Berg

„Trockene Jahre können auch gute Jahre sein“, sagt Arnulf Weingardt vom Biosphärenreservat Spreewald. Er ist in der Außenstelle Schlepzig für den Biotop- und Artenschutz zuständig und führt seit vielen Jahren das Storchenmonitoring durch, zieht also Bilanz, wie viele Paare wo gebrütet haben und mit welchem Erfolg. „Der Weißstorch ist ein Steppenvogel“, erinnert er, „und das hat er dieses Jahr bewiesen“.

Trotz Trockenheit sind erstmals seit 14 Jahren genügend Storchenküken auf die Welt gekommen und flugfähig geworden, um den Erhalt der Population zu sichern. Eine gute Nachricht nach der langen Periode schlechter bis desaströser Storchenjahre, in denen schon gemutmaßt wurde, dass der Spreewald kein gutes Habitat für den Rotschnabel mehr sei.

Einer von mehreren ausschlaggebenden Faktoren ist, dass dieses Jahr die Schafskälte  ausblieb. Der Temperatursturz im Juni, wenn die Küken noch klein sind, wird oft von Regenfällen begleitet. „Die kleinen Jungen, die noch unten im Nest liegen, unterkühlen dann häufig, weil die Eltern es nicht mehr schaffen, sie durchzuwärmen“, sagt Arnulf Weingardt.

Positiv für die Storchenbruten sei zudem die zeitige Mahd der Wiesen und Getreidefelder gewesen. „Für andere – Rebhuhn, Wachteln, Bekassinen, Kiebitze – war das natürlich nichts“, sagt Weingardt, „aber der Storch hatte einen gedeckten Tisch auf großen Flächen“.

Durchschnittlich zwei Junge hatten die Paare dieses Jahr, „wobei natürlich die 20 Paare fehlen, die in den vergangenen Jahren verschwunden sind“, sagt der Lübbener mit Blick auf die Statistik. Störche, die nicht geboren oder großgezogen werden, können eben keinen Nachwuchs bekommen. Das „letzte gute Storchenjahr“ sei 2004 gewesen, seither habe der Durchschnitt bei den Bruten bei 1,1, bestenfalls 1,3 Jungen gelegen.

Positiv sei ebenfalls, dass es keine Unfälle an Stromkabeln mehr gab, weil die Leitungen mittlerweile fast alle unter der Erde laufen oder die Masten geschützt sind. Verkehrsunfälle hingegen habe es mindestens zwei gegeben, die bekannt wurden.

Besonders erfolgreich seien die Paare gewesen, die im Raum Lübben brüteten. Der neunjährige Altstorch, der an der Jugendherberge mit seiner Partnerin fünf Junge aufzog, sei beringt und daher bekannt, wo er schon überall gebrütet hatte, beispielsweise vor Ratsvorwerk oder Bukoitza. Nach mehreren Stationen habe er sich nun dieses Nest erkämpft und damit direkten Zugang zu den besten Nahrungsgründen, so Weingardt.

Acht Paare zogen im Raum Lübben 21 Jungvögel groß. Erfolgreich waren auch drei Paare in Byhleguhre und vier in Straupitz – „aber da waren es auch schon neun“, relativiert Weingardt.

Auch im Altkreis Luckau ist 2018 ein gutes Jahr für Adebar, verzeichnet Katharina Illig. 29 Horstpaare zogen 53 Junge groß. Zum Vergleich:  im Vorjahr waren es 35 Storchenkinder von 28 Paaren. Seit 57 Jahren erfassen Hobby-Ornithologen des Biologischen Arbeitskreises den Weißstorchen-Bestand im Altkreis. Katharina Illig legt seit 45 Jahren den kleinen Adebaren Ringe an, die sie wie einen Personalausweis durchs Leben tragen. Dazu steigt sie im Frühsommer  mittels Hebebühnen der Energieversorger hinauf zu den Kinderstuben der Rotbestrumpften. Der Storchenbestand unterliege großen Schwankungen, sagt sie. 1994 war ein Rekordjahr mit 74 Jungstörchen, den wenigsten Nachwuchs gab es 1987 und 2013 mit jeweis 18 Jungtieren.

Die gute Bilanz im aktuellen Dürre- und Hitzesommer habe sie überrascht, gesteht die Luckauerin. In Karche-Zaacko zog das Storchenpaar fünf Junge auf. „Das gab es seit 40 Jahren bei uns im Altkreis nicht mehr“, blickt sie zurück. Jeweils vier kleine Störche erblickten in den Horsten in Uckro und Waltersdorf das Licht der Welt. Von 29 Storchenpaaren hatten in diesem Sommer 22 Nachwuchs, im Vorjahr war fast jedes dritte Paar kinderlos geblieben.

An den Ringen erkennt Katharina Illig übrigens, dass in den Horsten mehr Bewegung herrscht als gedacht. Ein Adebar, der seit dem Vorjahr auf einem Schornstein im Dahmer Gewerbegebiet Wohnung bezogen hat, war 2011 in Gotha in Thüringen beringt worden und wurde 2015 bei Wittenberg gesichtet. Der Gießmannsdorfer Storch bekam seinen Ring im Jahr 2009 in der Ostprignitz. Doch in der Niederlausitz gefällt es dem Rotbestrumpften offenbar. Davon zeugen drei Storchenkinder.

Nilgänse werden für die Störche zunehmend zum Konkurrenten bei der Wohnungssuche, hat Katharina Illig festgestellt. „Sie besetzen die Nester und brüten in den Horsten.“ In Kasel-Golzig hatten vor zwei Jahren Nilgänse die Störche zunächst vertrieben, im Folgejahr brüteten beide nacheinander, 2018 setzten sich die Adebare durch und die Gänse blieben weg. Ein ähnliches Prozedere sei in Dahme zu beobachten gewesen, sagt sie.

Mitte August ist es wieder soweit, die Störche ziehen nach Süden. Bald sammeln sie sich für die große Reise. Ein besonderer Abschied wird das für Katharina Illig. Im nächsten Sommer will die inzwischen 74-Jährige das Beringen aufgeben, es ist zu anstrengend geworden. Einen jüngeren Nachfolger gebe es nicht, bedauert sie. Die Zählung aber will sie weitermachen. So ganz von den Adebaren lassen kann die Luckauerin nach all den Jahrzehnten nicht.

Katharina Illig zählt seit 45 Jahren den Storchenbestand im Altkreis Luckau und schaut den Adebaren in die Kinderstuben.
Katharina Illig zählt seit 45 Jahren den Storchenbestand im Altkreis Luckau und schaut den Adebaren in die Kinderstuben. FOTO: LR / Carmen Berg