Herr Dr. Böhm, Streuobstwiesen, Feldraine oder Bäume an Gewässern gab es schon immer. Was ist neu an Agroforstsystemen?
Neu ist, dass in der industrialisierten Landwirtschaft Gehölze wieder eine ganz wichtige Funktion im Pflanzenbau spielen. Sie können den Boden vor Erosion und vor Stoffausträgen in Gewässer schützen. Sie sind wichtig für bestimmte mikroklimatische Faktoren für die Ackerkulturen, die zwischen den Bäumen wachsen. Und sie sind wichtig für viele Tier- und Pflanzenarten als Ruhezone. Im Endeffekt ist Agroforstwirtschaft etwas Althergebrachtes, aber übersetzt in die moderne Landwirtschaft schon wieder eine Neuentdeckung.

Wenn es so viele Vorteile gibt, warum gibt es so wenig Agroforstflächen?
Das hängt an ganz verschiedenen Faktoren. Wesentliche Gründe sind die rechtlichen Rahmenbedingungen, die es Landwirten nicht einfach machen, solche Systeme zu etablieren. Man darf gegenwärtig nur bestimmte Baumarten anpflanzen in bestimmten Umtriebszeiten. Die Zeit vom Wiederauftrieb bis zur nächsten Ernte beträgt maximal 20 Jahre. Längere Umtriebszeiten für Stammholz beispielsweise sind gar nicht möglich. Andere Baumarten, die auch einen sehr guten ökologischen Vorteil haben, werden als landwirtschaftliche Dauerkultur nicht anerkannt. Es gibt dafür keine Flächenprämie. Ein anderer Grund ist die Langfristigkeit. Viele Landwirte sind gewohnt, nach einem Jahr die Ernte einzufahren und dann Kapitalrückfluss zu haben. Bei Agroforstwirtschaft, speziell bei der Gehölzkultur, hat man am Anfang relativ hohe Investitionskosten, der Kapitalrückfluss dauert aber über zehn 20, 30 Jahre. Das ist für viele zu lang. Und es ist kaum vorhersehbar, ob dann der Markt noch stimmt.

Wichtiger als der Ertrag sind für Landwirte oft Zuschüsse und Direktzahlungen. Welchen Stellenwert hat Agroforst dort?
Einen sehr geringen. Das ist ein Kernproblem, das wir derzeit versuchen, mit politischen Entscheidungsträgern zu lösen. Jede Fläche, jede Kultur hat einen bestimmten Nutzungscode, den der Landwirt, um eine Förderung zu erhalten, beantragen muss. Dass zwei verschiedene Kulturen - in diesem Fall eine Ackerkultur und eine Gehölzkultur - auf einer Fläche stehen, ist in Deutschland bislang nicht vorgesehen. Wenn es einen Agroforstschlag geben würde, könnte der Bauer die Bäume nach seinem Gutdünken verteilen, über Umtriebszeiten und Baumarten frei entscheiden. Man könnte nach einfachen, kontrollfähigen Kriterien diesen Schlag bewerten, auch seitens der Verwaltung. Auf EU-Ebene sind die Rahmenbedingungen gesetzt, in Deutschland wurde Agroforstwirtschaft jedoch nicht aktiviert.

Warum wurden in Deutschland die Rahmenbedingungen für Agroforst noch nicht geschaffen?
Wir vermuten, weil es verwaltungstechnisch schwer handhabbar ist. Es ist ein Mischsystem, bei dem sich auch die Anteile von Gehölzen, die Baumarten und andere Faktoren ändern. Da könnte ein Nutzungscode für Agrarforstschläge auch für die Verwaltung Klarheit schaffen.

Wann könnten Ihre Vorschläge umgesetzt werden?
Es gibt alle sieben Jahre eine Reform der gemeinsamen Agrarpolitik auf Ebene der Europäischen Union. Die nächste Reform steht 2020 an. Unser großes Ziel ist, dass in dieser Reform Agroforstsysteme auch in Deutschland förderfähig sind, dass sie zum einen für die Flächenprämie relevant sind, zum anderen aber auch ihre ökologischen Vorteilswirkungen anerkannt werden.
Für wen wären Agroforstsysteme überhaupt interessant?
Da es sich um regionale Wertschöpfung handelt, ist es vor allem für kleinere Betriebe interessant. Nach unseren Erfahrungen interessieren sich vor allem ökologisch wirtschaftende Betriebe dafür, die sehr stark auf geschlossene Nährstoffkreisläufe ausgerichtet sind. Wir möchten aber gerne auch in die konventionelle Landwirtschaft hinein, weil diese den höchsten Flächenanteil hat und wir dort den größten Nutzen in Hinblick auf Erosions- und Gewässerschutz sehen.

Ein größeres Unternehmen ist die Agrargenossenschaft Forst e.G., die mit Ihnen kooperiert. Welche Erfahrungen hat man dort gemacht?
Im Prinzip positive. Man hat zum einen Erfahrungen sammeln können, wie die Bewirtschaftung funktionieren kann, auch mit Großtechnik. Was mich sehr fasziniert hat, war ein Hinweis vom Pflanzenbauchef dieser Agrargenossenschaft, der die Agroforstfläche nicht vordergründig ökonomisch bewertete, sondern von der Resonanz der Anwohner berichtete; die Laubfärbung, die Veränderung der Landschaft, das haben viele als Vorteil gewürdigt.

Gibt es überhaupt schon die Voraussetzungen für Agroforstwirtschaft, was Logistik, Technik und Vermarktung angeht?
Da beißt sich die Katze in den Schwanz: Die Firmen beginnen erst zu handeln, wenn auch genügend Flächen da sind. Viele Flächeneigentümer würden anfangen, wenn Logistik und alles stimmt. Es gibt viele gute Ansätze, und wir haben in den letzten zehn Jahren auch viele gute Erfahrungen sammeln können. Wir haben in dem Projekt Aufwerten das Modellgebiet im Amt Massen bei Finsterwalde. Dort gibt es ein Biomasseheizwerk, das über direkte Abnehmerverträge mit den Landwirtschaftsbetrieben mit Hackschnitzeln über Agroforstwirtschaft versorgt werden kann. Im nächsten Jahr wird auch von einem konventionellen Betrieb, den Massener Höfen, eine Fläche angelegt. Wir wollen eine Win-win-Situation schaffen für die Kommune, die zuverlässig regionale Produkte bekommt, aber auch für den Landwirt, der sich auf einen Mindestpreis verlassen kann. Wir wollen helfen, dass es für beide Seiten eine positive Erfahrung gibt.

Wie könnte eine Wertschöpfungskette aussehen?
Zum Beispiel über die Holzvermarktung von Energieholz. Wenn ein Agrarbetrieb über ein Biomasseheizwerk mit Kraft-Wärme-Kopplung auch seinen Strombedarf teilweise decken und den Rohstoff über agroforstliche Systeme selbst produzieren kann, dann haben wir zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Er hat einen günstigen Rohstoff, für den er seine eigene Arbeitskraft einsetzt, aber nichts weiter zahlen muss. Und zum anderen hat er aktiven Flächenschutz betrieben. Wenn er die Gehölzstreifen so anlegt, dass sie effektiven Erosionsschutz bieten, dann hat er sowohl etwas für seine Flächen, für seinen Boden und für die Agrarökologie getan, aber auch für seine Wertschöpfung.

Wie soll das für Landwirte kalkulierbar werden?
Wir arbeiten mit dem Landwirtschaftsbetrieb Domin an einem Konzept, das zeigt: Welche Kosten entstehen dem jeweiligen Betrieb? Was hat er für einen Kapitalrückfluss? Ab wann amortisiert sich ein Heizwerk in seinem Betrieb? Dafür wollen wir zwei, drei Beispiele auch größerer Betriebe in der Region nutzen. Am Ende des Projektes soll eine Art Oberfläche entstehen, wo ein Betrieb seine eigenen Daten eingeben kann und eine erste Grobkalkulation hat, ob es sich lohnt. Unser Ziel ist, das System relativ konkret auf den Einzelfall ausrichten zu können - auch, weil jeder unterschiedliche Preis- und Verwertungsbedingungen hat.

Also können auch Besitzer kleinerer Flächen berechnen lassen, ob Agroforst für sie infrage kommt?
Das wäre möglich. Anfragen hatten wir in unserem Modellgebiet auch von Nebenerwerbslandwirten oder Flächenbesitzern, die landwirtschaftlich gar nicht so aktiv tätig sind, und sagen, Bäume wären genau das Richtige. Wenn man solche kleinen Flurstücke in Kombination mit angrenzenden größeren Flurstücken sieht, könnte man sie auch mit Gehölzen belegen, für die es wiederum einen Verwertungsvertrag beispielsweise mit der Kommune gibt.

Was könnte sich für die Menschen in der Lausitz verändern?
Wir haben in Agrarräumen vielerorts Probleme mit der Artenvielfalt, der Grundwasserqualität, dem Bodenabtrag. Mit Gehölzen kann ich über einen längeren Zeitraum diesbezüglich viele positive ökologische Vorteilswirkungen erreichen. Langfristig wird sich das aber auch ökonomisch auswirken. Denn was Bodenerosion angeht, müssen wir auch in langen Zeiträumen denken. Wenn Boden abgetragen wird, können wir die Erträge nicht mehr halten.

Ein kurzfristiger Effekt wird über die Landschaftsästhetik erreicht. Das ist für viele Anwohner ein ganz wichtiger Punkt, den man auch gut vermarkten könnte, touristisch oder als Region, die sich mit innovativen Landnutzungsformen auseinandersetzt und zeigt, dass es möglich ist, regionale Wertschöpfungskreisläufe zu etablieren.

Es kommt indirekt noch ein dritter Punkt hinzu: Wenn die regionale Wertschöpfung angekurbelt werden kann, ist das wesentlich für ein gesundes Wirtschaften der Landwirtschaftsbetriebe.

Sind die trockenen, die schwachen Böden der Lausitz überhaupt für dieses System geeignet?
Die Böden der Lausitz sind prädestiniert für solche Systeme: Bäume verbrauchen mehr Wasser als Ackerkulturen, wenn ich aber ein Agroforstsystem habe, habe ich vielleicht fünf bis 15 Prozent Gehölzkultur. Der Anteil der Wasser ziehenden Gehölze ist also relativ gering. Bei Verdunstungsmessungen bei Neu Sacro haben wir nachgewiesen, dass durch streifenförmig angeordnete Gehölze der Wind stark reduziert wird. Damit wird auch die Austrocknung der Böden reduziert. Die Pflanze hat mehr Wasser zur Verfügung. Das kann gerade bei unseren ärmeren Böden sogar zu Mehrerträgen führen, die wir teilweise auch nachweisen können. In der Lausitz, mit 500 Millimeter Niederschlag, hat das schon deutlichen Effekt.

Mit Dr. Christian Böhm

sprach Jürgen Scholz

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Dr. Christian Böhm arbeitet an der BTU Cottbus-Senftenberg im Fachgebiet für Bodenschutz und Rekultivierung und ist Projektleiter der Innovationsgruppe "Aufwerten". Dort werden die Agroforst-Forschungen koordiniert.

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