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| 01:26 Uhr

Die Erinnerung ist in Lübben noch lebendig

Der erste der fünf Stolpersteine wurde gestern in Erinnerung an Johanna Wolff verlegt. Sie lebte in Lübben in der Hauptstraße 16, zog dann nach Berlin, von wo aus sie nach Theresienstadt deportiert wurde.Der erste der fünf Stolpersteine wurde in Erinnerung an Johanna Wolff verlegt. Sie lebte in Lübben in der Hauptstraße 16, zog dann nach Berlin, von wo aus sie nach Theresienstadt deportiert wurde.
Der erste der fünf Stolpersteine wurde gestern in Erinnerung an Johanna Wolff verlegt. Sie lebte in Lübben in der Hauptstraße 16, zog dann nach Berlin, von wo aus sie nach Theresienstadt deportiert wurde.Der erste der fünf Stolpersteine wurde in Erinnerung an Johanna Wolff verlegt. Sie lebte in Lübben in der Hauptstraße 16, zog dann nach Berlin, von wo aus sie nach Theresienstadt deportiert wurde. FOTO: Ingvil SchirlingFoto: Ingvil Schirling
In Gedenken an fünf jüdische Einwohner Lübbens sind Stolpersteine verlegt worden. Zahlreiche Menschen begleiteten die Initiatoren zu den Stationen in der Stadt. Die Erinnerung an die verfolgten Familien ist in Lübben noch immer lebendig. Von Ingvil Schirling

„Ganz die Mutter, ganz die Mutter“ , sagte Horst Fiedler vom Freundeskreis für Lübben, während er Helga-Marion Mahlo die Hand schüttelte, und hieß sie „herzlich willkommen in Lübben“ . „Ganz die Mutter, die ,schöne Rösi'?“ , fragte Susann Lehmann. Die Stimmung war herzlich, während die Teilnehmer darauf warteten, dass Künstler Gunter Demnig zwei Stolpersteine für Minna und Julius Burchardi vor dem Haus Am Schutzgraben 11 zu verlegen begann. Dann wurde es still. Bewegt, teilweise ergriffen sahen die Gäste zu, wie der glänzende Stein in die Erde gesetzt und befestigt wurde. Ein leises „Danke“ folgte, als Ilka Gelhaar-Heider vom Lübbener Forum gemäß jüdischer Sitte zwei Mineraliensteine auf der Stelle niederlegte. Horst Fiedler und Susann Lehmann hatten die Patenschaft für die Stolpersteine übernommen, die nun an Minna und Julius Burchardi erinnern. Deren Tochter Rösi hatte in Lübben Alfred Schillbach geheiratet. Beider Tochter Helga-Marion Mahlo verbrachte ihre ersten acht Jahre in der Spreewaldstadt. „Ich erinnere mich noch sehr gut an Lübben“ , sagte sie. „Es ist eine Hassliebe. Ich will immer nach Lübben, aber wenn ich dort bin, erinnert mich die Stadt an die Nazizeit.“
Die Erinnerung an ihre Großeltern durch die Stolpersteine finde sie „gut, aber ein bisschen spät. Es ist ja nun doch schon sehr lange her.“
Noch bis zu ihrem zehnten Lebensjahr verbrachte die Tochter der „schönen Rösi“ ihre Schulferien in Lübben, und mit Horst Fiedler dachte sie sofort an die Maulbeerbäume in Treppendorf. Der hatte gerne die Patenschaft für einen der Steine übernommen: „Es geht einem ja doch ans Herze“ , sagte er, während er Helga-Marion Mahlos Hand schüttelte.
Deren Tochter Martina Schaldach, Urenkelin der Burchardis, war ergriffen, während Gunter Demnig in die Stille hinein die Steine festklopfte. Die hohen Töne erschienen wie Glockengeläut aus der Vergangenheit, als Minna und Julius Burchardi vor Rösis Augen abgeholt wurden. Am 21. Juli 1942 las sie zum letzten Mal von ihren Eltern. Die Nachricht kam aus Warschau, wohin sie deportiert worden waren, wo sie mit großer Wahrscheinlichkeit starben.
Ursula Tausch, geboren in der Judengasse, war bei der Stolperstein-Verlegung dabei. Sie erinnere sich gut an Julius Burchardi, sagte sie, wie er auf dem Fahrrad vorbeifuhr, im Rucksack die Scheiben für seine Glaserei. Ernst sah Gerda Peisker zu, wie die Stolpersteine abgefegt und abgewischt wurden, bis sie glänzten. „Meine Mutter Charlotte Schmidt, geborene
Urban, war eine Schulfreundin von Rösi Schillbach“ , erzählte sie.
Jedes Jahr habe diese sie besucht, bis beide alt wurden.
Bürgermeister Lothar Bretterbauer (CDU) erinnerte an das Grauen des Nationalsozialismus mit Verfolgung und Krieg. Die fünf jüdischen Lübbener, in deren Andenken die Stolpersteine verlegt wurden, „waren jemandes Nachbar, Freund oder Arbeitskollege. Sie waren Teil der Gemeinschaft, bis sie als Menschen zweiter Klasse abgestempelt wurden.“ Er hoffe, dass die Stolpersteine für viele Menschen „ein Anstoß sein würden, sich mit dem dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte zu beschäftigen, und dass sie sie darin bestärken, sich gegen Intoleranz jeder Art zur Wehr zu setzen“ .

Zum Thema Die Stolpersteine
 Fünf Stolpersteine sind gestern in Lübben verlegt worden. Sie sollen an jüdische Mitbürger erinnern, die während des Nationalsozialismus entrechtet, verfolgt, in Lager deportiert und getötet wurden. Verlegt wurden sie vor der Hauptstraße 16 für Johanna Wolff, Am Schutzgraben 11 für Minna und Julius Burchardi, an der Kreuzung Logen-/Puschinstraße, wo Albert Bock in einem Haus lebte, das nicht mehr steht, und an der Brunnenstraße 8 für die Lehrerin Sophie-Charlotte Astrich, die aufgrund ständiger Schikanen und Anfeindungen Selbstmord beging. Ermöglicht hatten die Aktion die Stadt Lübben, das Forum gegen Gewalt und Rechtsextremismus und die Bürgerinitiative Tolerantes
Lübben .