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| 14:11 Uhr

Zum Tag des Mauerfalls
Geschichte auf Briefmarken

Dahmes Museumsleiter Tilo Wolf bei Vorbereitungen für die Schau, die am 9. November um 19 Uhr eröffnet wird.
Dahmes Museumsleiter Tilo Wolf bei Vorbereitungen für die Schau, die am 9. November um 19 Uhr eröffnet wird. FOTO: Carmen Berg / LR
Dahme. Sonderschau im Dahmer Museum blickt auf ungewohnte Weise zurück auf deutsche Teilung. Von Carmen Berg

 Die Geschichte der deutschen Teilung wird in Dahme auf Briefmarken lebendig. Am 9. November, dem Jahrestag des Mauerfalls, beginnt im Heimatmuseum die deutschlandweit wohl einmalige Zeitreise auf 25 großformatigen Bildtafeln mit mehr als 200 themengleichen Markeneditionen aus Ost und West. Nach zwölf Stationen in fünf Bundesländern bringt Kurator Wilhelm Schmidt, der aus Dahme stammt und in Premnitz lebt, die Schau unter dem Titel „Verbundenheit bleibt ungeteilt“ an den Ort seiner Jugend. „Dass die Eröffnung  auf das besondere Datum fällt, ist für mich  sehr bewegend“, sagt er und erzählt, wie alles begann.

Im Sommer 1968 lernten sich im Urlaub an der bulgarischen Schwarzmeerküste zwei Männer aus dem geteilten Deutschland kennen. Der eine war sein Vater Herbert Schmidt, der letzte Tuchmacher von Dahme und Altersrentner, der andere Joachim von Hänisch aus Niederkassel im Süden Nordrhein-Westfalens, der gerade seinen Dienst bei der Bundeswehrabsolviert hatte. An Gesprächsstoff mangelte es den Urlaubern nicht in dem bewegten Sommer, als die Reformbestrebungen in der Tschechoslowakei die Mobilmachung in den Staaten des Warschauer Vertrages ausgelöst hatten. Oft redeten sie aber auch über ihr gemeinsames Hobby, die Briefmarken. Die passionierten Sammler vereinbarten einen Frankaturaustausch. Jeder machte seine Briefe mit Neuausgaben frei und schickte sie dem Partner auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs, immer auf einen guten Stempel achtend.

Den Mauerfall 21 Jahre später hat Herbert Schmidt nicht mehr erlebt, er war kurz zuvor gestorben. Sein Vater sei einer der wenigen gewesen, die unerschütterlich an eine deutsche Wiedervereinigung geglaubt hatten, sagt Wilhelm Schmidt. Er nahm den Kontakt zum langjährigen Tauschpartner des Seniors auf, keine Grenze trennte sie mehr.

Beide empfanden, dass die Menschen hüben und drüben einander besser kennenlernen müssten. Sie gaben den Anstoß für eine Städtepartnerschaft zwischen Premnitz und Niederkassel. Als der 25. Jahrestag dieses Städtebündnisses sowie der deutschen Wiedervereinigung näher rückte, erinnerten sie sich zudem an die bunten Vermittler zwischen Ost und West, die Briefmarken. So wurden sie zum Ausstellungsobjekt.

Zentrale Aussage der Schau sei es, die gemeinsamen Wurzeln der beiden deutschen Staaten zu zeigen, unabhängig von dem Willen politischer Systeme, erklärt Wilhelm Schmidt.  Unter verschiedenen Themenkreisen gegenübergestellt, treten die Marken aus Ost und West in einen Dialog. In vielen Fällen hatten die Postverwaltungen die gleichen historischen Ereignisse und Persönlichkeiten im Blick, würdigten Dichter wie Goethe und Schiller, den Maler Albrecht Dürer oder die Komponisten Telemann und Bach.  Doch auch die politischen und ideologischen Differenzen werden sichtbar, unter anderem in einem bizarren „Postkrieg“. So verweist eine Westmarke auf die Wahl des Bundespräsidenten in Berlin am 17. Juli 1954 in Berlin. Als die Post beim Empfänger im Osten eintraf, war dieser Passus geschwärzt. Umgekehrt erging es so auch einer Marke mit dem Konterfei Wilhelm Piecks und der Aufschrift „Jugend vereint im Kampf für Frieden“ auf einer Karte von Ost nach West. „Aber nicht unter kommunistischer Dikatur“ stempelte die Westpost darunter.

Der Titel der Wanderausstellung stammt aus einem Gedicht, das der Westdeutsche Lothar Habler unter dem Eindruck der getrennten 750-Jahrfeiern in Berlin 1987 in einer Zeitung veröffentlicht hatte. Das Blatt fand auf unbekannte Weise den Weg zu Wilhelm Schmidts Vater, der die visionären Gedanken über die Wiedervereinigung heimlich in einem Fotogeschäft kopieren ließ. „Sie müssen ihm tief aus der Seele gesprochen haben“, sagt sein Sohn. In einer unscheinbaren Aktentasche hatte er die Gedicht-Kopie bis ans Lebensende aufbewahrt.

Wilhelm Schmidt übrigens hätte den Mauerfall 1989 beinahe verpasst -  wegen der Briefmarken. Er hatte sich mit einem Arbeitskollegen zum Tauschen getroffen und den Ton des Fernsehers leise gestellt. Dann sei seine Frau von einem Vortrag heimgekommen, bei dem es um die westdeutsche Stadt Worpswede ging. Sie sagte: „Jetzt können wir uns Worpswede selbst angucken.“

Die Ausstellung im Museum wird am 9. November um 19 Uhr eröffnet.