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Widerstand gegen Nationalsozialismus
Die bewegende Geschichte der „Roten Kapelle“

Nach der Filmpräsentation nutzten einige der Besucher die Gelegenheit zum persönlichen Gespräch mit Christian Weisenborn und ließen sich ihre Bücher von ihm signieren.
Nach der Filmpräsentation nutzten einige der Besucher die Gelegenheit zum persönlichen Gespräch mit Christian Weisenborn und ließen sich ihre Bücher von ihm signieren. FOTO: Birgit Keilbach
Luckau. Günther Weisenborn wirkte gegen den Nationalsozialismus und überlebte die Haft in Luckau. Ein Dokumentarfilm erzählt das nach. Von Birgit Keilbach

Der von den Nazis als „Rote Kapelle“ bezeichnete Widerstand hatte viele Gesichter und zog sich durch viele gesellschaftliche Schichten. Die „Rote Kapelle“ war keine straffe Organisation mit klaren Strukturen. Verschiedene Gruppen hielten in Deutschland lose Kontakte, handelten aber spontan „Es war eine Art Widerstandsschwarm, in dem alle ein Ziel hatten: Weg mit Hitler“, charakterisiert sie der Historiker Dr. Hans Woller. Mit ihm gemeinsam gab der Filmemacher Christian Weisenborn, Sohn des Schriftstellers, Theaterdichters und Dramaturgen Günther Weisenborn, in einer Veranstaltung des Luckauer Heimatvereins Einblick in den Widerstands während des Nationalsozialismus.

Zwei Kerngruppen gab es in Berlin: eine um Harro Schulze-Boysen und eine um Arvid Harnack. Beide besetzten hochrangige Posten in der Regierung und hatten früh Einblick in das, was kommen sollte. Sie begannen ihre Widerstandsaktivitäten 1938/39, halfen geflohenen KZ-Häftlingen und verfolgten Juden, druckten und verteilten Flugblätter.

Günther Weisenborn gehörte zum Freundeskreis um Harro Schulze-Boysen und dessen Frau Libertas, mit der er das erfolgreich aufgeführte Theaterstück „Die guten Feinde“ verfasste. Dort lernte er seine Frau Margarete Schnabel kennen, die er Joy nennt.

Harnack und Schulze-Boysen gaben die Angriffspläne Deutschlands an London und Moskau weiter, doch keine Seite nahm sie ernst. Erst nach dem Angriff am 22. Juni 1941 wurde von Moskauer Seite Funkkontakt aufgebaut, der dann der ganzen Gruppe zum Verhängnis wurde. Die Nazis gaben ihr den Namen „Rote Kapelle“, was sich auf die Funker (Kapelle) und die Verbindung nach Moskau (rot) bezog. Die Funker in Brüssel flogen auf und ab Ende August 1942 wurden in Berlin und Westeuropa rund 250 Menschen verhaftet.

Dieses Geschehen spiegelt Filmemacher Christian Weisenborn intensiv berührend in seiner dokumentarischen Erzählung „Die guten Feinde“ wider. Der Untertitel „Mein Vater, die Rote Kapelle und ich“ beschreibt den persönlichen Bezug. Eine tief emotionale Dramaturgie verknüpft Tagebuchaufzeichnungen und Briefe seines Vaters Günther und seiner Mutter Joy mit privaten Filmausschnitten und Aufnahmen an authentischen Orten, wo sich Nachkommen weiterer ehemaliger Widerständler erinnern. Den Bildern von fröhlichen ausgelassenen Menschen, die das Leben genießen, stehen die dokumentarischen Zeugnisse des entsetzlichen Grauens gegenüber.

Beklemmend die Bilder der Hinrichtungsstätte in Berlin-Plötzensee: eine Schiene mit Haken, an denen die Männer mit Drahtseilen erhängt wurden, die Guillotine für die Frauen, ein Gully, der das Blut noch erkennen lässt. 59 Todesurteile von Mitgliedern der Gruppe wurden dort vollstreckt.

Günther Weisenborn konnte dem in der Nachbarzelle sitzenden Bildhauer Kurt Schumacher mit Klopfzeichen vermitteln, dass dieser seine belastende Aussage zurücknimmt. „verstanden-danke“ sind die letzten geklopften Worte, die sie austauschen.

Günther Weisenborn kommt ins Zuchthaus nach Luckau und in eine Zelle mit Adolf Grimme. Sie kleben Tüten und pflegen regen philosophischen Austausch. Eine Tafel in der Ausstellung des Niederlausitz-Museums erinnert daran. Das frühere Hafthaus 1 im Luckauer Knast ist im Film ebenso authentischer Ort, wie die kleine Bahnstation am Forsthaus Rochau, wo Joy steht, um in der vorbeilaufenden Gruppe Gefangener ihren Pit (Günther) zu sehen.

Nach ihrer Befreiung 1945 versuchten Grimme und Weisenborn vergeblich, dem Chefankläger Manfred Roeder, der die Gruppe um Schulze-Boysen verurteilt hatte, das Unrecht nachzuweisen. Zu eng sind die Seilschaften früherer Nazigrößen in der BRD. Die Mitglieder der „Roten Kapelle“ werden im Westen als europaweit kommunistische Verschwörer stigmatisiert, was eine im Osten stattfindende Stilisierung als Widerstandsorganisation, die von Moskaus Kommunisten geführt wurde, noch unterstützt. „Mein Vater hat sein Lebensziel, die Freunde zu rehabilitieren, nie erreicht“, sagte Christian Weisenborn. Erst 2009 hob der Bundestag die Urteile gegen die Mitglieder der „Roten Kapelle“ auf, 67 Jahre waren da vergangen.

Parallel zum Film ist ein Buch mit den Tagebuchaufzeichnungen und Briefen von Günter und Joy Weisenborn erschienen. „Film und Buch sollen die Mahner, Kritiker und lange ignorierten Widerständler der Roten Kapelle im kollektiven Gedächtnis Deutschlands halten“, beschreibt Dr. Hans Woller, Historiker am Institut für Zeitgeschichte in München, das Ziel.