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„Der Vorleser“ vorgelesen

Golßen.. Still ist es im Golßener Schloss. Die 40 Zuhörer auf den Stühlen lauschen andächtig. Vor ihnen sitzt, im Schein einer Schreibtischlampe, die Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg, Johanna Wanka. Bodo Kochniss

Doch keine Festrede, kein Parteiprogramm und keine neue Gesetzesinitiative ist es, die sie zum besten gibt. Nein, sie liest vor. Ganz ruhig und bedächtig, aus ihrem Lieblingsbuch: „Der Vorleser“ von Bernhard Schlink.
Die Junge Union ist auf die Idee gekommen. „Frau Wanka ist schließlich Kulturministerin, da war es nahe liegend“ , erklärt der Vorsitzende des JU-Kreisverbandes Björn Lakenmacher. Die Ministerin war von dem Vorschlag begeistert, schließlich gehört sie selbst dem CDU-Kreisverband Dahme-Spreewald an. Und so kam sie gestern Abend nach Golßen, um sich für 90 Minuten der Literatur zu widmen.
Die Konstellation hatte eine innere Komik. Denn die Ministerin las vor. Der Titel des Buches: Der Vorleser. Der Inhalt: Ein Jurastudent liest Bücher vor, die er auf Tonband aufzeichnet und einer verurteilten Straftäterin ins Gefängnis schickt.

Eigenartige Beziehung
Die beiden Protagonisten des Werkes, Michael Berg und Hanna Schmitz, pflegen eine eigenartige Beziehung. Er lernt sie als Teenager kennen und wird von der älteren Frau verführt. Sie führen eine heimliche Beziehung. Er liest ihr aus Büchern vor. Doch plötzlich ist sie verschwunden.
Jahre später treffen sie sich wieder. Er ist inzwischen Jurastudent und beobachtet eine Gerichtsverhandlung. Sie ist eine der fünf Angeklagten, beschuldigt als Aufseherin eines Konzentrationslagers in Polen. Dort wurden die Gefangenen in eine Kirche eingesperrt. Eine Bombe traf den Kirchturm und setzte das Gotteshaus in Brand. Die Aufseherinnen hätten die Türen aufschließen und die Gefangenen befreien können. Sie taten es nicht.
„Was ist Recht„ Was im Buch steht oder was in der Gesellschaft als Recht gilt““ Johanna Wanka sitzt in einem schwarz-weißen Sommerkleid in der Mitte des kühlen Saals und liest vor, ruhig und betont. Ihre Augen sind auf das Buch gerichtet, das einsam auf dem großen Tisch liegt. Die Ministerin schaut nicht auf. Sie hat die wichtigen Stellen des Buches mit gelben Notizzetteln markiert. Wenn sie eine Seite umblättert, legt sie die Zettel beiläufig beiseite. Sie landen auf einem sorgsamen Stapel neben dem Buch. Man merkt die Gründlichkeit der studierten Mathematikerin.

Angst vor der Bloßstellung
Während der Gerichtsverhandlung merkt der Jurastudent, dass Hanna nicht lesen und schreiben kann. „Hatte sie deshalb ihre Schützlinge nach Auschwitz geführt„ Aus Angst vor Bloßstellung das Verbrechen““
Johanna Wanka hat ihr Publikum gefesselt. „Das ist ein Buch, das man zwischendurch immer mal wieder aus der Hand legt und nachdenkt: Ist sie schuld, ist sie nicht schuld“ , meint Amtsdirektorin Ursula Schadow. Sie selbst hat das Buch von ihrer Hauptamtsleiterin zum Geburtstag geschenkt bekommen.
Unterdessen fährt Johanna Wanka in ihrem Text fort. Michael Berg hat angefangen Bücher auf Tonband zu sprechen und sie Hanna ins Gefängnis zu schicken. „Das Vorlesen war meine Art gewesen, mit ihr zu reden“ , liest die Ministerin. Besucht hat Michael Hanna nie im Gefängnis. Nach vielen Jahren erhält er dann einen Brief der Gefängnisleiterin. Sie bittet ihn, Hanna, die bald entlassen werden soll, bei den ersten Schritten in die wiedergewonnene Freiheit zu unterstützen. Michael geht daraufhin ins Gefängnis, um Hanna zu sehen und mit der Gefängnisleiterin zu sprechen. „Am nächsten Tag war Hanna tot. Sie hatte sich erhängt.“ Abrupt hört die Ministerin auf zu lesen. Den Schluss sollen sich die Zuhörer selbst erlesen.