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| 14:34 Uhr

Intelligente Technik
Verräterisches Schmatzen – Käfersuche im Getreide

 Kau-Geräusche und Fressspuren verraten die kleinen Schädlinge, wie hier den Kornkäfer. Foto: G. Gudi
Kau-Geräusche und Fressspuren verraten die kleinen Schädlinge, wie hier den Kornkäfer. Foto: G. Gudi FOTO: agrathaer GmbH / G.Gudi
Luckau/Potsdam. Gegen den „Beetle Sound Tube“ haben Getreide-Schädlinge kaum eine Chance. Das Akustiksystem spürt Insekten anhand ihrer Fressgeräusche auf. Anschließend kommen kleine Helfer zum Einsatz. Von Christina Wessel

Er heißt „Beetle Sound Tube“ und ist ein Akustiksystem, das die Fressgeräusche der nur wenige Millimeter großen Insekten mit Mikrofonen erfasst. Auf diese Weise können die Wissenschaftler die gefräßigen Gäste deutlich schneller enttarnen als bisher.

Nach der traditionellen Methode mussten in einem langwierigen Verfahren Temperatur und Luftfeuchtigkeit gemessen werden, um zu erfahren, ob sich Schädlinge im Lager befinden. Durch die Fressaktivität werden Stoffwechselprozesse im Käfer aktiviert, die für einen Temperatur- und Feuchteanstieg in den Lagern sorgen.

Ein Problem dieses Verfahrens: Wenn ein Befall festgestellt wird, ist es meist schon zu spät. Das Getreide muss entsorgt werden. Denn durch die Feuchtigkeit finden Schimmel und Milben optimale Bedingungen vor. Mit ihnen gelangen aber auch gesundheitsschädliche Gifte ins Getreide, das für den Verzehr nicht mehr geeignet ist.

 17 Meter ragt das Getreidesilo in Hohenseefeld in die Höhe. In den Beetle-Sound-Tube-Röhren befinden sich die Mikrofone, die die Fressgeräusche der Schädlinge erfassen. Foto: isabell Szallies
17 Meter ragt das Getreidesilo in Hohenseefeld in die Höhe. In den Beetle-Sound-Tube-Röhren befinden sich die Mikrofone, die die Fressgeräusche der Schädlinge erfassen. Foto: isabell Szallies FOTO: agrathaer GmbH / ISABELL SZALLIES

Ein Problem, das auch den Bauernverband Luckau beschäftigt. Agrar-Referentin Heike Lehmann: „Ab und zu hören wir von den Bauern der Region, dass sie mit Schädlingen zu kämpfen haben. Aber viele Landwirte können durch regelmäßige Reinigung der Vorratsflächen einem Befall vorbeugen“.

Die Tatsache, dass in der Region oft nur kleinere Lager genutzt werden, schützt vor Schädlingen. Denn sie können sich insbesondere in Großsilos ausbreiten.

agrathaer GmbH entwickelt „Beetle Sound Tube“ gegen Schädlinge

Gemeinsam mit zwölf Partnern entwickelt die agrathaer GmbH das ausgefeilte Akustiksystem. Fünf Jahre dauert die Projektphase, in der die Apparatur direkt bei den beteiligten Landwirten getestet wird.

Isabell Szallies ist seit der Startphase im Jahr 2017 dabei. Sie koordiniert die teilnehmenden Wissenschaftler und Agrar-Fachleute. Ihre Bilanz bisher: „Mit unserem Akustiksystem entdecken wir einen Befall acht Wochen früher als nach der traditionellen Methode“.

Viele Landwirte arbeiteten bisher meist prophylaktisch gegen die Schädlinge. Sie reinigen die Silos, kühlen das Getreide und nehmen immer wieder Proben. Eine 100-prozentige Sicherheit garantiert das allerdings nicht. Mit dem Akustiksystem, das extrem leise Geräusche erfasst, können die Lager konstant kontrolliert werden.

Nützlinge beseitigen Käfer im Getreide

Die BayWa AG versorgt an ihrem Standort in Luckau die Landwirte aus der Region mit Betriebsmitteln. In Hohenseefeld (Fläming) befindet sich ihr Getreidelager. 300 Tonnen sind dort vorrätig. Die Besonderheit an diesem Standort: Das Silo ist dort 17 Meter hoch. Um die kleinen Schädlinge, etwa Korn-, Blatt- oder Reismehlkäfer, auf frischer Tat zu ertappen, braucht es an diesem Standort Röhren, die die gesamte Länge abdecken.

 Mit einem Autokran ziehen Arbeiter die Beetle-Sound-Tube-Röhren in die Höhe.
Mit einem Autokran ziehen Arbeiter die Beetle-Sound-Tube-Röhren in die Höhe. FOTO: agrathaer GmbH / Christina Müller-Bienkle, JKl

Szallies: „Sie werden mit Mikrofonen, Datenlogger und Auffangbehälter ausgestattet“. Je früher die kleinen Insekten entdeckt werden, desto besser. Dann können die ebenfalls kleinen Helfer zum Einsatz kommen.

Als sogenannte Nützlinge arbeiten sie in diesem Fall im Dienst der Menschen. Zu ihnen gehören die Legewespen, die ihre Eier in andere Insekten legen. Der Nachwuchs ernährt sich auf diese Weise vom Schädling und beseitigt nebenbei die Käfer im Getreide.  Ein Prinzip, nach dem auch der Lagerpirat seinen Nachwuchs nährt.

„Beetle Sound Tube“ kann mehr als nur zuhören

Das Akustiksystem kann aber noch mehr als als nur zuhören. Bei den ersten Anzeichen eines Befalls versendet es eine Handy-Nachricht an den Bauern. Sie soll auch detaillierte Informationen zum Schädling enthalten, so dass der Betroffene weiß, ob es sich um Kornkäfer oder Reismehrkäfer handelt.

All das kann das Akustiksystem aus den Fressgeräuschen filtern. Bis es so weit ist, müssen aber noch einige Testlagerungen begleitet werden. In der Zeit vom Projektbeginn im Jahr 2017 bis zum Ende der Testphase 2022 belauschen die Akustiker vier Agrarbetriebe in Brandenburg.