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| 14:31 Uhr

Abenteuer an Wirkungsstätten eines Dahmer Missionars
Auf Teichelmanns Spuren in Australien

 Am Grab des früheren Missionars legte Pfarrer Carsten Rostalsky (4.v.l.) ein Blumengebinde mit einem Gruß aus Dahme nieder.
Am Grab des früheren Missionars legte Pfarrer Carsten Rostalsky (4.v.l.) ein Blumengebinde mit einem Gruß aus Dahme nieder. FOTO: Carsten Rostalsky
Dahme. Carsten Rostalsky erlebt vor Ort, wofür die Aborigines den Missionar aus der Flämingstadt schätzen. Von Carmen Berg

Knapp einen Monat  war Pfarrer Carsten Rostalsky auf den Spuren Christian Gottlob Teichelmanns in Australien unterwegs. Er besuchte Orte, an denen der aus der Flämingstadt stammende Missionar im 19. Jahrhundert  wirkte, traf Menschen, die sich  mit seinem Erbe befassen und begegnete Teichelmanns Nachfahren. „Es war eine beeindruckende Reise”, sagt der Dahmer Pfarrer.

Erst Christian Gottlob Teichelmanns Arbeit hat es möglich gemacht, dass bereits ausgestorbene Sprachen der Aborigines, der Ureinwohner Australiens, heute neu belebt werden können. Carsten Rostalsky sah vor Ort erste Erfolge. An der Universität seien Fakultätsbereiche wieder in der Sprache der Ureinwohner ausgeschildert. Kindern werde sie in einer eigenen Fernsehsendung vermittelt. Den Aborigines bedeute das viel. „Denn wer seine Sprache verliert, verliert seine Wurzeln,“ sagt der Pfarrer.

An der Wiege gesungen war Teichelmann seine spätere Laufbahn nicht. 1807 in einer Dahmer Tuchmacherfamilie geboren, erlernte er das Tischlerhandwerk und stieß vermutlich auf der Walz auf Schriften der Herrnhuter Mission.  Er ließ sich selbst zum Missionar ausbilden. Als einer von vier Deutschen wurde er vom Dresdner Missionsseminar ab 1838 nach Südaustralien in das gerade gegründete Adelaide entsandt, um die  eingeborene Bevölkerung zum Christentum zu bekehren.

Dort angekommen, seien Teichelmann und sein Kommilitone Clamor Wilhelm Schürmann sofort mit  den Ureinwohnern in Kontakt getreten und befassten sich mit deren Sprache, sagt Pfarrer Rostalsky.  Am 24. Dezember 1839 gründeten sie eine Schule für Aborigines. Ende 1840 veröffentlichten sie das erste Wörterbuch in der Kaurna-Sprache, weitere Sprachen folgten.

  Wenngleich das Missionsprojekt nach wenigern Jahren als gescheitert galt und das Dresdner Trägerhaus die Schule schloss, so überlebten doch die Wörterbücher als Vermächtnis, sagt Carsten Rostalsky.

Die Dahmenser wussten lange Zeit kaum etwas über den bedeutenden Sohn ihrer Stadt.   Sie wurden aufmerksam, als Pfarrer Rostalsky 2011 eine E-Mail aus Australien erhielt. Teichelmannforscher hatten im Internet den Geburtsort des Missionars gegoogelt und waren neugierig geworden. Eine kleine Delegation kam zu Besuch. Seither steht man in Kontakt. Für Carsten  Rostalsky  war es die erste Reise nach Australien.

„Wo die Schule einst stand, ist heute ein Golfplatz“, erzählt er. „Schon bald durfte damals die Sprache der Aborigines nicht mehr gesprochen werden.“ Im Lutherischen Archiv der Universität von Adelaide ist ein in Schönschrift verfasster Brief der Kinder an das Missionswerk erhalten. Carsten Rostalsky erinnert sich an eine Aborigines-Frau, die bei dem Anblick tief bewegt war. Sie habe nicht gewusst, dass ein solcher Schatz noch vorhanden sei.

In der Kirche, in der Christian Gottlob Teichelmann am 4. November 1838 zum ersten Mal  gepredigt hatte, hielt auf den Tag genau 180 Jahre später Carsten Rostalsky ebenfalls einen Gottesdienst. Mit Nachfahren des Missionars stand er an dessen Grab und legte ein Gebinde mit einem Gruß aus Dahme nieder.

Er  besuchte Gemeinden, in denen der Missionar als Seelsorger unterwegs gewesen war. „Mich haben die damaligen Lebens-  und Arbeitsbedingungen  interessiert,“ sagt er.

Nach dem Ende des Missionsprojektes wurde Teichelmann Landwirt in Stansbury, unweit von Adelaide. Es müsse ein hartes Leben gewesen sein, denn der Boden sei steinig, die Sommer seien heiß und trocken, so Carsten Rostalsky.  Im Jahr  1843 heiratete Teichelmann die Schottin Margaret Nicholson und bekam mit ihr 14 Kinder. Vom Farmhaus der Familie stünden noch Reste mitten in einem Feld.

Spannend für den Dahmer Pfarrer waren  erhalten gebliebene Briefe  der Missionare. Ihre Bitten an das Stammhaus in Dresden um Unterstützung verhallten offenbar ungehört. Privat tauschten sich die Kirchenmänner innerhalb Australiens  auch über ihren Alltag aus. So lässt ein Brief Teichelmanns an einen Bruder Meyer schmunzeln. Darin  schreibt er von einem halben Dutzend Flaschen Wein und einer Flasche Schnaps,  die er besorgt hatte, weil die Geburt eines Kindes bevorstand. Da der Storch sich aber Zeit ließ „habe ich drei Flaschen schon ausgetrunken“.

Im Museum in Stansbury erzählte Carsten Rostalsky den Gastgebern von Dahme. Anhand historischer Fotos zeigte er, wie die Stadt ausgesehen haben könnte, als der spätere Missionar dort seine Kindheit verbrachte.

Jede Begegnung, sagt er, habe das Bild Christian Gottlob  Teichelmanns um weitere Facetten bereichert. Die Museen hüben und drüben wollen sich gegenseitig mit Exponaten und Informationen unterstützen.

Noch lebendiger  erzählen kann Carsten Rostalsky außerdem nun bei Führungen in seiner Marienkirche über den Mann, dessen Porträt  in einem Bleiglasfenster verewigt ist. Im Jahr 2014 wurde das  vermauerte, völlig marode Fenster bei der jüngsten Kirchensanierung freigelegt und erneuert. Dabei mussten Bildnisse deutscher Kaiser  denen zweier verdienstvoller Dahmenser weichen: Dem Reformator Georg Buchholzer und Christian Gottlob Teichelmann.