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| 01:09 Uhr

Auch nach dreißig Jahren noch ein Gemeinschaftsgefühl

Pademagk.. Vor dreißig Jahren musste der kleine Ort Pademagk bei Zinnitz dem Tagebau weichen. Die Einwohner wurden in alle Himmelsrichtungen zerstreut. Obwohl der Ort bereits seit drei Jahrzehnten nicht mehr existiert, ist die Dorfgemeinschaft bestehen geblieben. Bereits zum achten Mal seit 1985 wurde am Wochenende ein Dorffest gefeiert. Wie vor zwei Jahren trafen sich die ehemaligen Einwohner an der Stelle der ehemaligen Ortslage. Von Bernd-Volker Brahms

Die Szenerie mutet etwas skurril an. In einer öden Wüstenlandschaft am Rande eines aufgeforsteten Waldstückes etwa zwei Kilometer südlich von Zin nitz sind Partyzelte aufgebaut. Holz- und Plastikstühle stehen bereit. Kaffe und Kuchen wird ausgeteilt, während einem der Sandstaub nur so um die Ohren wirbelt. Die ersten Gäste bedienen sich an einem Bier, als Alfred Nieprasch aus Vetschau ein Trompetensolo zum besten gibt. „Nach meiner Heimat sieht's mich wieder“ , heißt das Stück, wie Organisator Reinhard Kuttla die etwa sechzig Besucher des Dorffestes über Mikrofon informiert. Man habe sich nicht getroffen, um das Verschwinden von Pademagk vor 30 Jahren zu feiern, sagt Kuttla, vielmehr wolle man die gute Dorfgemeinschaft weiter pflegen.
Dass dies auch nach so langer Zeit noch funktioniert, beweisen die ehemaligen Einwohner bei ihrem Dorffest. Von den einstmals 50 Bewohnern, die den Ort im Sommer 1974 verlassen müssen, sind 29 von ihnen gekommen. Mit Kindern und Enkelkindern, die den Ort nie gesehen haben, ist die Gesellschaft etwa doppelt so groß.
Pademagk sei ein kleiner Ort mit elf Häusern gewesen, sagt Reinhard Kuttla, der zusammen mit drei anderen Familien das Treffen organisiert hat. Bei jedem Geburtstag sei man zusammengekommen, habe eng zusammen gelebt. „Das wirkt bis heute nach.“
In der Lausitz mussten zu DDR-Zeiten 38 000 Menschen wegen des Braunkohletagebaus umgesiedelt werden. Insbesondere seit der Energiewende Anfang der 70er Jahre wurde die Region davon betroffen. Im Bereich der Schlabendorfer Felder, wo zwischen 1977 und 1991 auf einer Fläche von 3292 Hektar 171,1 Millionen Tonnen Kohle gefördert wurden, mussten neben Pademagk vier weitere Orte devastiert werden.

Erinnerung auf Fotos festgehalten
„Die Menschen kennen hier den Tagebau und die Notwendigkeit, dass auch Orte weichen müssen“ , sagt Ingo Kuttla. Der 54-Jährige, der vor 30 Jahren schon gar nicht mehr in Pademagk wohnte, sondern in Berlin studierte, hat in den letzten Wochen vor dem Abriss den Ort auf Hunderten Fotos festgehalten. Einzelne Aufnahmen der elf Gebäude nebst Gastwirtschaft prangen beim Dorffest an Felsblöcken, die die Häuser an der ehemaligen Dorfstraße symbolisieren.
Bereits 2001 schufen sich die ehemaligen Einwohner ein Denkmal. Der Ort wurde im Maßstab 1:20 nachgestellt. Mit Hilfe eines pensionierten Lehrers aus Zinnitz habe man seinerzeit die Ortslage lokalisiert. „Das war nicht so leicht“ , erläutert Ingo Kuttla. Man habe schließlich keine geografischen Anhaltspunkte gehabt. Das Denkmal, zum dem auch eine Dorflinde und das historische Ortsschild gehört, befindet sich nicht genau am historischen Ort. „Wir haben das um etwa 200 Meter verschoben.“ Es habe sich herausgestellt, das sich der Ort auf einer jetzt wüsten Sandfläche befinde. Da habe man den Schutz des Waldrandes gesucht.
Vor einigen Jahren hatten sogar einige ehemalige Pademagker überlegt, an gleicher Stelle wieder zu bauen. „Das ist sehr schwierig“ , sagt Karlheinz Nowotny, der Touristenführer. „Der Boden ist viel zu locker zum Bauen“ , erläutert er. Unterdessen ist den ehemaligen Pademagkern gar nicht klar, ob sie auch in den nächsten Jahren an Ort und Stelle ihre Dorffeste feiern können. Das Gelände gehört - wie etwa weitere 2700 Hektar in der Umgebung - der Heinz-Sielmann-Stiftung. Wenn das Gelände zum Naturschutzgebiet erklärt würde, dann dürfe man sich nur noch auf den befestigten Wegen bewegen.
Die älteste Dorffestteilnehmerin war 85 Jahre alt. Marta Hermann, war in Pademagk geboren worden und hatte ihr ganzes Leben dort verbracht, als sie 1974 den Ort verlassen musste. „Das war sehr traurig“ , sagte die alte Frau, die ebenso wie ihre Schwester Irmgard Michelsen nach Luckau zog. Andere Bewohner hatte es nach Calau, Zin nitz, Finsterwalde und Hoyerswerda verschlagen. Wer keine so genannte Kohleersatzwohnung in Cottbus wollte, musste sich selbst etwa suchen.
Damals gab es keine komfortable Umsiedlung und Entschädigung, wie heute beispielsweise bei Horno und Haidemühl. „Jeder musste zusehen, dass er etwas neues fand“ , sagt Reinhard Kuttla, der sich daran erinnert, dass seine Eltern bereist 1970 ein Grundstück in Calau gekauft hatten. Kuttlas Tochter Birgit war das letzte Kind, dass in Pademagk geboren wurde. „Sie kam im August auf die Welt“ , sagt Kuttla. Einen Monat später verließen sie den Ort für immer.

In der Schule gehänselt
„Ich kann die alten Menschen, die damals den Abriss des Ortes betrauert haben, mit zunehmendem Alter verstehen“ , erzählt Karin Viehweg. Heute würde sie gerne wieder in dem Ort leben wollen. Als der Ort abgebaggert wurde sei sie jedoch 18 Jahren alt gewesen, die Hormone hätten verrückt gespielt, man sei ständig verliebt und mit anderen Sachen beschäftigt gewesen. „Der Abriss ging nicht so tief rein“ , sagt sie. Ohnehin seien sie in der Schule eher gehänselt worden, weil sie aus so einem Nest gekommen seien.