| 16:41 Uhr

Angekommen in Deutschland

Masuda (16, l.) und Surraia (15) präsentieren ihren Vortrag in traditioneller afghanischer Kleidung. Surraia trägt die männliche Tracht aus einer okkafarbenen Tunika, einem Turban und einem Schal in den Landesfarben.
Masuda (16, l.) und Surraia (15) präsentieren ihren Vortrag in traditioneller afghanischer Kleidung. Surraia trägt die männliche Tracht aus einer okkafarbenen Tunika, einem Turban und einem Schal in den Landesfarben. FOTO: Daniel Friedrich
Luckau. Vor zwei Jahren flüchtete Familie Ibrahimi aus Afghanistan, heute lebt sie in Zützen. Die Töchter Masuda und Surraia haben kürzlich ihre Geschichte in einer Facharbeit an der Schule vorgestellt. Daniel Friedrich

Es war ein Freitag, ein arbeitsfreier Tag in Afghanistan. "Wenn uns jemand gefragt hätte, wo wir hinwollen, hätten wir gesagt, dass wir einen Ausflug machen", erinnert sich Masuda Ibrahimi noch genau an den Tag zurück, an dem die Flucht ihrer Familie begann.

Zwei Jahre, tausende Kilometer und unzählige prägende Eindrücke später steht die 16-Jährige mit ihrer Schwester Surraia (15) in der Luckauer Oberschule "An der Schanze". Sie berichten ihren Mitschülern über das zurückgelassene Leben in Afghanistan, die Flucht und den Neubeginn in Deutschland. Es ist die Verteidigung ihrer Facharbeiten - einer zehn Seiten umfassenden Auseinandersetzung mit ihrem Heimatland und ihrer ganz persönlichen Geschichte.

Als Masuda und Surraia im September 2015 in die Schule kommen, sprechen sie kaum ein paar Brocken Deutsch. Um sich auf den Regelunterricht vorzubereiten, besuchen beide einen mehrstündigen Förderunterricht, bekommen mit anderen Flüchtlingskindern Grundlagen in Deutsch, Landeskunde, Mathe und Englisch vermittelt. Sie wiederholen die neunte Klasse, weil ihre Sprachkenntnisse nicht für die Benotung ausreichen.

Doch die beiden afghanischen Mädchen sind wissbegierig, getrieben von dem Wunsch, am Leben in ihrer neuen Heimat teilzuhaben, wie andere Mädchen ihres Alters auch. Egal, ob mit oder ohne Kopftuch, im Sportunterricht, bei der Fahrschule oder beim Theaterspiel. "Masuda und Surraia wollen alles aufsaugen, was sie in Deutschland erleben können. Sie leben Integration und gucken sich die deutschen Gepflogenheiten schnell ab", sagt Lehrerin Heidemarie Grams, die die beiden seit ihren ersten Schultagen in Deutschland begleitet.

Zur Verteidigung ihrer Facharbeit müssen die Mädchen einen jeweils 20-minütigen Vortrag vor der Klasse halten. Sie berichten von der afghanischen Kultur, von großen Familienfesten mit leckerem Essen und von der berühmten Blauen Moschee in Masar-e Scharif. "Es könnte so schön sein. Leider gibt es aber keine Gleichberechtigung von Mann und Frau", erzählt Masuda ihren Mitschülern über einen ihrer Fluchtgründe. "Frauen und Mädchen müssen sich in der Öffentlichkeit verschleiern. Sie werden oft zwangsverheiratet und können nicht zur Schule gehen, weil sie im Haushalt helfen müssen", berichtet sie. Angesichts der Angriffe der Taliban sei selbst der Schulweg zu einem lebensgefährlichen Unterfangen geworden, "da bleiben viele junge Mädchen lieber freiwillig zu Hause".

Umso mehr gefallen ihr die - für Deutsche selbstverständlichen - Freiheiten und Perspektiven: "Hier kann ich ohne Angst auf die Straße und zur Schule gehen. Die Lehrer helfen mir überall, dafür bin ich sehr dankbar. Ich möchte das Abitur machen und später Ingenieurin werden."

Inzwischen haben die Mädchen Freunde gefunden und viele Kontakte geknüpft. Über einen christlichen Jugendtreff lernte Masuda gar ihre mittlerweile beste Freundin Magdalena kennen: "Sie steht mir zur Seite, wenn es Probleme gibt. Sie ist wunderbar", erzählt Masuda. Mit Problemen meint sie etwa den gelben Brief vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, den die Familie Anfang des Jahres bekommen hat. Darin ist von Abschiebung die Rede, weil Afghanistan als sicheres Herkunftsland gilt. Mithilfe von Lehrern und Freunden übersetzt sie die behördliche Post für ihre Eltern, die weder lesen noch schreiben können. "Die Abschiebungen nach Afghanistan sind momentan nur ausgesetzt und es ist nicht sicher, ob Familie Ibrahimi in Deutschland bleiben darf. Das zehrt an den Nerven", schätzt Lehrerin Heidemarie Grams ein. Sie wünscht sich, dass die Behörden zu ihren Gunsten entscheiden: "Die Familie würde es dem Staat zurückgeben, wenn sie eine Bleibechance bekäme", ist sie sich sicher.

Masudas Plan ist es nun, sich noch mehr zu engagieren und dem Amt damit zu beweisen, dass sie es ernst meint mit ihrer Zukunft. Zwei Jahre nach ihrer Flucht fühlt sie sich angekommen in Deutschland.

Zum Thema:
An der Luckauer Oberschule lernen derzeit acht junge Flüchtlinge in der 9. Klasse, die voraussichtlich mindestens die Berufsbildungsreife (Abschluss 9. Klasse) erreichen werden. Zwei Lehrerinnen der Schule unterrichten nach einer Weiterbildungsmaßnahme neue Flüchtlinge in "Deutsch als Fremdsprache".