ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 15:30 Uhr

Landleben
Zum Geburtstag wird es voll im Idyll

 Das kleine Walddorf war einst ein zentraler Ort in der Rochauer Heide. Annegret Vick, Ortsvorsteher Fred Tzschoppe und Elisabeth Höse (v.l.) vor der Gaststätte, die bis in die 1950er-Jahre ein beliebtes Ausflugsziel war.
Das kleine Walddorf war einst ein zentraler Ort in der Rochauer Heide. Annegret Vick, Ortsvorsteher Fred Tzschoppe und Elisabeth Höse (v.l.) vor der Gaststätte, die bis in die 1950er-Jahre ein beliebtes Ausflugsziel war. FOTO: LR / Berg
Altsorgefeld in der Rochauer Heide ist Heimat für 15 Menschen. Am Wochenende begeht der Ort 315-jähriges Bestehen.

Versteckt in der Rochauer Heide liegt der Kemlitzer Gemeindeteil Altsorgefeld. Elf gepflegte Gehöfte, Sommerblumen in den Vorgärten, gemähte Wiesen. Etwa 15 Menschen wohnen ständig in dem kleinen Dorf im Wald, hinzu kommen einige Familien aus Berlin, die sich in alten Bauernhäusern Wochenend-Domizile geschaffen haben. Ruhig ist es hier, „ein Ort, um Stress abzubauen“, sagt Einwohnerin Dr. Elisabeth Höse. Doch an diesem Wochenende kommt nach langer Zeit wieder Leben ins Idyll. „Eine schöne Abwechslung“, freut sich die Altsorgefelderin Annegret Vick.

Die Kemlitzer verlagern ihr traditionelles Dorffest Ende August in den Gemeindeteil, der sein 315-jähriges Bestehen begeht. Wobei es mit dieser Zahl so eine Sache ist, wie der Kemlitzer Ortsvorsteher und Ortschronist Fred Tzschoppe einräumt. Auf einer Tafel am Ortseingang ist das Jahr 1721 als Gründungsjahr durch die Herrschaft Lebusa im Rahmen der Wiedererschließung mittelalterlicher Wüstenländer ausgewiesen. So sei es in forstlichen Unterlagen belegt, sagt der Ortsvorsteher.

 Das Ortsschild.
Das Ortsschild. FOTO: LR / Carmen Berg

Demnach hätte man mit einem runden Geburtstagsfest noch zwei Jahre warten müssen. Doch in späteren Aufzeichnungen von Heimatforschern werde das Jahr 1709 genannt. Ein Dorflehrer geht schließlich in einer Abhandlung aus den 1920er-Jahren vom Gründungsjahr 1704 aus. Für die jüngeren Daten seien zwar noch keine Dokumente gefunden worden, aber „ich selbst und andere fühlen uns angestachelt, weiter zu forschen“, so der Ortsvorsteher.

 Annegret Vick vor der Sattlerei Sallmann. Der traditionelle Handwerksbetrieb gehört zu den prägenden Gebäuden im Ort.
Annegret Vick vor der Sattlerei Sallmann. Der traditionelle Handwerksbetrieb gehört zu den prägenden Gebäuden im Ort. FOTO: LR / Carmen Berg

Vor allem aber gehe es beim Fest doch darum, „dass kleine Orte nicht in Vergessenheit geraten“. Noch gebe es ältere Altsorgefelder, die mit der Vergangenheit des Dorfes viele schöne Erinnerungen verbinden, sagt er. Kaum noch vorstellbar, dass Altsorgefeld an einer alten Handelsstraße einst ein zentraler Ort in der Rochauer Heide war.

Eine Schule gab es, in die auch die Kinder aus den umliegenden Forsthäusern gingen, für einige Jahre hatte das Dorf ein Standesamt. Auf einer alten Postkarte verewigt ist die Gaststätte mit Kegelbahn – bis in die 1950er-Jahre ein beliebtes Ausflugsziel. „Hier wurden Kirmes und Fastnacht gefeiert, die Leute kamen mit den Rädern aus der ganzen Umgebung. Für uns Kinder war nachmittags Kindertanz“, erinnert sich Elisabeth Höse.

Sie ist Jahrgang 1936, ist in Altsorgefeld geboren und aufgewachsen, studierte nach dem Abitur Medizin und hatte, wie sie sagt, „bis 1998 ein erfülltes Berufsleben als Augenärztin in Dresden“. Im Alter zog es sie ins Elternhaus zurück. „Hier spüre ich die Geborgenheit wieder, die ich als Kind erlebte – dieses Heimatgefühl ist in mir fest verankert“, sagt sie.

Annegret Vick kam 1982 nach Alt­sorgefeld. Der Liebe wegen, denn mit ihrem Partner betrieb sie die Sattlerei Sallmann. Auch Tochter Franziska sei Sattlermeisterin, sagt die Mutter. Und noch eine andere Leidenschaft hat sie geerbt, die Liebe zu Pferden und zum Geländesport mit Kutschen. Für Pferdehaltung sei die Ruhe ideal. „Es gibt kaum Durchgangsverkehr, nur nachts manchmal Holztransporter, die durch den Ort brettern“, erzählt Annegret Vick. Bis Kemlitz sind es fast vier Kilometer durch den Wald, zu Supermärkten noch ein gutes Stück weiter. „Man muss Wege genau planen“, so die Altsorgefelderin. Doch die Abgeschiedenheit lasse die Menschen zusammenrücken. „Springt das Auto mal nicht an, ist ein Nachbar da, der hilft“, sagt sie.

Auch Elisabeth Höse fühlt sich im Walddorf nicht einsam. Neben dem Grundstück, um das sich die fitte Seniorin kümmert, genieße sie die Zeit für ihre Hobbys, den Naturschutz und die Historie. Sie bekomme viel Besuch und fahre zu Konzerten in der Nähe. Allerdings räumt sie ein: „Man muss mobil sein, Busse gibt es nicht.“ Die Altsorgefelder erinnern sich an einen schweren Sturm vor zwei Jahren. „Überall umgestürzte Bäume, wir waren von der Außenwelt abgeschnitten.“

Ortsvorsteher Fred Tzschoppe und die Bürger kämpfen darum, das die Zufahrtsstraße von Kemlitz nach Altsorgefeld saniert wird. 2007 bekam sie Schwarzdecke, „doch damals war die Technologie des Wurzelschutzes noch nicht so gut“, sagt er. Deshalb ist die Straße jetzt eine Buckelpiste. Den Ortsvorsteher ärgert, dass der Ausbau von Waldwegen für den Brandschutz zu 100 Prozent gefördert werde, es für die Zufahrt nach Altsorgefeld aber kein Geld gebe. „Diese Straße ist doch genau so wichtig für die Sicherheit.“

Zum Fest am Wochenende werden wohl reichlich Autos und Fahrräder über die „Wellenbahn“ rollen. „Viele Ehemalige und Gäste aus Nachbardörfern haben sich angesagt“, so Elisabeth Höse. Parkplätze sind hergerichtet, Pavillions auf der Festwiese aufgestellt. An den Häusern erzählen historische Fotos von deren Geschichte.

„Solche Feste sind wichtig für die Gemeinschaft“, sagt Annegret Vick. Und sie machen womöglich Lust, Geselligkeit wieder öfter zu pflegen. „Früher haben wir im Winter oft Lagerfeuer mit Glühwein gemacht“, erinnert sie sich gern zurück.