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"Als Christ auch an die anderen denken"

Heute wird Alfred Wolf 80 Jahre. Für viele Anlass, dem engagierten Liedekahler Danke zu sagen. Dabei ist Aufhebens um seine Person so gar nicht sein Ding.
Heute wird Alfred Wolf 80 Jahre. Für viele Anlass, dem engagierten Liedekahler Danke zu sagen. Dabei ist Aufhebens um seine Person so gar nicht sein Ding. FOTO: Foto: Frank Ratajczak
Wir treffen Alfred Wolf in der Kirche, "dem zweiten Zuhause", wie seine Frau sagt. Ein Kleinod ist das Gotteshaus nach seiner Restaurierung geworden. Alfred Wolf weiß zu jedem Detail eine spannende Geschichte. Bescheiden lässt er unerwähnt, dass er selbst der Motor war bei der Sanierung, sich kümmerte, andere mit seiner Tatkraft ansteckte. So wie er es oft getan hat im Leben. Aber davon Aufhebens zu machen, das ist nicht Alfred Wolfs Sache. Von Carmen Berg


Dankbarkeit empfindet der gläubige Christ dafür, dass er im Alter noch Kraft hat und es ihm gut geht. "Das ist mir gegeben worden und doch nicht mein Verdienst", meint Alfred Wolf schlicht. Er nimmt nichts als selbstverständlich nach einem Leben, das, wie er sagt, "bunt und nicht geradlinig war".
In eine Bauernwirtschaft wurde er als Ältester von zwei Söhnen hineingeboren. So sollte auch er Bauer werden. "Das wollte ich damals aber nicht", erinnert sich Alfred Wolf schmunzelnd. Da war der Traum vom Fliegen – unerreichbar wohl für einen wie ihn. 16 war er gerade geworden, als der Zweite Weltkrieg begann. Der Junge Alfred meldete sich zur Luftwaffe. Als man ihn 1942 einzog, wurde es mit der Fliegerei nichts. Wohl aber flogen ihm bald die Kugeln um die Ohren. Situationen gab es, da hatte er schon abgeschlossen, kam dennoch wie durch ein Wunder heil heraus und war sich sicher: Mutters Gebete hatten geholfen.
Nach Hause zurück gekehrt war der inzwischen 23-Jährige wieder Landwirt und einmal wohl zu direkt gewesen zu den neuen Oberen, als es um immer höhere Abgaben für die Bauern ging. Das rächte sich. Wegen einer Lappalie waren Alfred Wolf und andere aus dem Dorf von den Sowjets verhaftet worden. "Ich dachte, die lassen uns bald wieder laufen", erzählt Alfred Wolf. Stattdessen kam er vor das sowjetische Tribunal. Das Urteil: 25 Jahre Zwangsarbeit. Es dauerte, bis er die Tragweite des Richterspruchs, den ihm eine Dolmetscherin erst übersetzen musste, begriff. Nach Bautzen ist er dann gekommen. Wie man das aushalten kann?
Er habe ja schon den Krieg durchlebt, sagt er still. Und andere hätten das gleiche Schicksal geteilt. Neben Nazis seien Juden, Christen, überzeugte Kommunisten mit in Haft gewesen. Für Letztere hätte er besonderes Mitleid gehabt. Sie verstanden die Welt nicht mehr.
Eine Amnestie brachte Alfred Wolf 1954 die Freiheit. Der Hof war inzwischen enteignet worden, doch Stück um Stück ging er an die Familie zurück. "Wir arbeiteten uns hoch, es ging uns wieder gut", sagt Alfred Wolf. Andere gab es, denen stand das Wasser bis zum Hals, sie schafften es nicht mehr, die Abgaben aufzubringen. Die Bauern halfen ihnen neben der eigenen Arbeit. Doch auf Dauer ging das nicht.
Der "rote Wolf"
War man nicht als Christ in der Pflicht, nicht nur an sich zu denken? Im Gemeindekirchenrat hätten sie die Situation diskutiert. Mit dem Ergebnis, dass Bürgermeister, Pfarrer und Alfred Wolf losgezogen sind, um für die Gründung einer Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft zu werben. Was ihm, so lächelt Alfred Wolf, im damaligen Kreiskirchenrat den Beinamen "der rote Wolf" einbrachte. "Aber wo ist es in der Bibel verboten, in eine LPG einzutreten? Es ging doch um die Gemeinschaft." Und die sei eine gute gewesen in jenen Jahren. Es ging bergauf.
Persönlich ereilte Alfred Wolf in jener Zeit ein weiterer Schicksalsschlag. Ihm starb die Frau, die er gerade erst geheiratet hatte. Nun war er allein, blickte trotzdem wieder nach vorn. Wie auch später in seinen nunmehr 80 Jahren. Sichtbares Zeichen dafür sind wohl die vielen Bäume, die er in den Jahren pflanzte in seinem Dorf und mit den Kindern hier hegte und pflegte.
1962 hate er wieder geheiratet, er ist Vater von fünf Kindern und inzwischen Großvater von sechs Enkeln. In der CDU engagierte er sich und in der Gemeinde, obwohl er und die Familie wegen der christlichen Überzeugung so manchen Stolperstein vom SED-Staat in den Weg gelegt bekamen.
Kaum etwas in Liedekahle, an dem Alfred Wolf nicht mitgewirkt hat. Für die Sanierung der Kirche hat er sich stark gemacht. 200 000 Mark kostete sie. Spenden haben die Liedekahler gesammelt und selber mitgeholfen. Der Anstoß dazu sei von Marcus Nyikos gekommen, einem renommierten Musiker, der Liedekahle nach der Wende zu seiner Wahlheimat machte, blickt Alfred Wolf zurück. "Den Wunsch hatten wir selbst zwar schon lange, wussten aber nicht wie. . ." Dann rückten die Restauratoren an. Alfred Wolf hat ihnen als Vertreter des Gemeindekirchenrates nicht nur "auf die Finger geschaut", er hat sie auch beherbergt, bewirtet und manches lernen können. Zum Beispiel: "Dass beim Restaurieren weniger mehr sein kann".
Seit über 40 Jahren ist Alfred Wolf in der CDU. Zu DDR-Zeiten gab es Phasen, in denen er sich aus Verdruss zurückgezogen habe. "Aber nach der Wende war ich wieder da", sagt er. Die Görsdorferin Carola Hartfelder, die damals noch am Beginn ihrer Karriere in der Landespolitik gestanden hat, erinnert sich, wie sie beide losgezogen seien, die Leute mobilisiert haben. Ein Jahr lang habe Alfred Wolf gar den Vorsitz in der Ortsgruppe der Stadt Dahme geführt. "70 bin ich schon gewesen, aber es war kein anderer da", meint Alfred Wolf.
Loslassen können
Wenn er heute im schmucken Vereinshaus in Liedekahle seine Gäste empfängt, dann hat er auch diesen Bau mit auf den Weg gebracht. Viel Fleiß und Schweiß der Liedekahler steckt darin. Betreiber ist jetzt der örtliche Heimatverein. "Den haben die Jungen in ihre Hände genommen, und das sehr gut", sagt Alfred Wolf, der nichts schlimmer findet, "als wenn einer im Alter nicht loslassen kann".