| 02:54 Uhr

Ärztemangel bewegt Dahme-Spreewald

Lübben. Das große Wundern über eklatante Unterschiede zwischen Theorie und Praxis hat am Montag Einzug in den Gesundheitsausschuss des Landkreises Dahme-Spreewald gehalten. Die Fraktion CDU/Bauern will ein Programm auflegen, um den Ärztemangel zu bekämpfen und die medizinische Versorgung zu sichern. Zur Auftaktdiskussion präsentierte die Kassenärztliche Vereinigung allerdings Zahlen, denen zufolge es im Landkreis gar keinen Ärztemangel gibt. Ingvil Schirling

Außer bei den Dermatologen herrscht der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) zufolge überall in Dahme-Spreewald ein Versorgungsgrad von deutlich über 100 Prozent. Bei den Augenärzten liegt er statistisch gesehen bei 116,2 Prozent, in der Orthopädie bei 111 Prozent, der Nervenheilkunde bei 156 Prozent. Ab 110 Prozent spricht der Landesausschuss einen Niederlassungsstopp aus. Dieser gilt in Dahme-Spreewald für fast alle Ärzte außer für Hausärzte im Raum Schönefeld/Königs Wusterhausen und für Dermatologen.

Die nackten Zahlen stehen allerdings im krassen Widerspruch zum Alltag der Spreewälder. Das löste bei den Abgeordneten die blanken Fragen aus. "Wenn ich das höre, frage ich mich: Wo verstecken sich all diese Ärzte?", fragte Jens-Birger Lange (AfD) ironisch-verwundert. Dr. Inis Schönfelder (CDU), Lübbener Kinderärztin und Ausschussmitglied, berichtete aus ihrer Realität, die vielen Spreewäldern vertrauter sein dürfte als die Statistik: Eltern, die auf ihre Empfehlung hin für ihr Kind jetzt einen Termin beim Orthopäden ausmachen, dürfen im Juni oder Juli damit rechnen. "Termine beim HNO-Arzt gibt es erst in zwei, drei Monaten. Wenn die Patienten es ganz eilig haben, fahren sie nach Beeskow oder Berlin. Wir brauchen hier noch mindestens einen HNO-Arzt", sagte sie.

Weiterer Widerspruch

Die Nachfrage von Gesundheitsamts-Chefin Dr. Astrid Schumann zeigte einen weiteren Widerspruch. Der Landesausschuss hatte im jüngsten Ärzteblatt veröffentlicht, dass trotz formaler Niederlassungssperre für Augenärzte und Gynäkologen eine Unterversorgung drohe und Anreize geschaffen werden sollten, dass bestimmte Praxen durch Nachfolger übernommen werden können.

Genau auf solche Anreize zielt der Antrag von CDU/Bauern im Kreistag. Die Fraktion denkt etwa an Investitionshilfen bei Praxisübernahmen oder an die Förderung von Studenten mit der Verpflichtung, mehrere Jahre in Dahme-Spreewald zu arbeiten.

In diese Richtung hat sich der Elbe-Elster-Kreis bereits 2010 auf den Weg gemacht. Per Kreistagsbeschluss werden jährlich fünf Studenten gefördert. Das Geld kommt zu 15 Prozent von der Sparkassenstiftung, den "Rest" teilen sich das dortige Klinikum und der Landkreis. Ähnliche Modelle könnte es auch in Dahme-Spreewald geben, regt die CDU/Bauern-Fraktion in ihrem Antrag an, der am Montag vorberaten wurde.

Zurück zur Statistik. Wer tiefer in die Zahlen der KV schaut, sieht, dass Dahme-Spreewald gar nicht so gut dasteht. 23 Prozent der Ärzte - ebenso viele wie in Elbe-Elster - sind über 60 Jahre alt. Es gibt zwar "erheblich größere Herausforderungen" in OSL und MOL mit über 28 Prozent, wie es Roland Kiesche von der KV bewertete, doch an dritter und vierter Stelle im Landesvergleich folgen LDS und EE.

Während sich im Brandenburg-Durchschnitt 1616 Einwohner einen Hausarzt teilen müssen, sind es in Dahme-Spreewald mit 1692 etwas mehr. Bei den Fachärzten ist der Unterschied noch deutlicher: Auf 1383 Einwohner kommt im Landesdurchschnitt ein Facharzt, in Dahme-Spreewald sind es mit 1710 genau 327 mehr. Die Zahlen sind recht aktuell.

Vorausschauende Politik

Die Reaktionen der Abgeordneten waren zwiespältig. Karin Weber (Die Linke) wies auf die sehr unterschiedliche Bevölkerungsstruktur im Landkreis hin, signalisierte für das Ansinnen grundsätzlich Unterstützung. Frank Selbitz (UBL/Wir für KW) hingegen hielt den Antrag für nicht abstimmungsreif. Michael Wolter (CDU/Bauern) entgegnete ihm, dass dieser zunächst ja nur beinhalte, die Verwaltung mit einem Konzept zur langfristigen Sicherung der medizinischen Versorgung zu beauftragen. Wenn nun klar sei, dass fast 30 Prozent der Ärzte über 60 Jahre alt ist, "sollten wir auch schauen, wie viele über 50 sind. Für mich bedeutet Politik, voraus zu schauen."

Mit fünf Ja-Stimmen und drei Enthaltungen empfahl der Gesundheitsausschuss den Antrag zur Weiterleitung an den Kreistag, der sich in seiner nächsten Sitzung nun damit befassen soll, ob die Verwaltung mit dem Konzept beauftragt wird.

Kommentar zum Artikel: Statistik und Wirklichkeit