Als die Mauer fiel, war Thomas Mietk im Bett. Der Leiter des Kreisarchives Dahme-Spreewald war damals im Kindergartenalter. Einige Bilder seiner frühen Jahre hat er noch vor Augen. Ob diese jedoch vor oder nach der Wende einzuordnen sind, weiß der 1984-Geborene nicht.

Für seinen Vortrag, „Luckau im letzten Jahr der DDR“, muss er auch nicht auf seine persönliche Geschichte zurückgreifen. Der Archivwissenschaftler arbeitet mit Dokumenten als Quellen. Mietk schließt mit seiner Rede die Vortragsreihe zu dem Buch „Luckau – Von der Hauptstadt der Niederlausitz zur Gartenstadt der Moderne“ ab, zu der jeder Autor eines Kapitels sprach.

Schon das erste Foto des Abends regt das Publikum an. Noch bevor der Vortrag beginnt, ist die Menschenkette von 1989 entlang der Fernverkehrsstraße 96 an die Wand projiziert. „Da steht doch heute Netto“, ist aus dem Publikum zu hören.

Viel Grau im Luckauer Stadtbild

Oft wird die DDR mit der Farbe Grau in Verbindung gebracht. Und tatsächlich verstärkt das, was Mietk verkündet, diesen trostlosen Eindruck zunächst. Bis auf einige Prestigeobjekte war da schon viel Grau im Luckauer Stadtbild. Und viel Leerstand. 69 leerstehende Wohnungen 1989. Saniert werden konnte nicht, da kein Material zu haben war. Auch historische Bausubstanz litt am Ende der Republik. Kein Bauholz aus dem Sägewerk bedeutete keine Sanierung für das Napoleonhäuschen.

Das trostlose Bild wird durch die Luft- und Wasserverschmutzung jener Tage verstärkt. Ungefilterter Qualm der Kraftwerke Lübbenau und Vetschau erreichte Luckau. Eine fehlende Kanalisation sorgte dafür, dass Abwässer in den Stadtgraben flossen. „Der hat wirklich gestunken“, erinnert sich eine Zuhörerin.

SED gab sich unbeeindruckt

Wie konnte eine solche Mangelverwaltung so langanhaltend funktionieren? „Das war möglich, da ein Großteil des Stadthaushaltes in den sozial-kulturellen Teil gegangen ist, wo es den Menschen auch zu Gute kam“, so Mietk. Ob Umwelt oder der Zustand von Gebäuden – Problematisches wurde verschwiegen und Erfolgsmeldungen wurden veröffentlicht. Wenngleich sich die SED noch unbeeindruckt vom Weltgeschehen gab, wurde die Euphorie durch die Grenzöffnung in Ungarn und den Kurswechsel in der Sowjetunion auch in Luckau spürbar.

Spätestens die Maueröffnung am 9. November 1989 wirkte bis nach Luckau. Am 13. November 1989 kam es zum friedlichen Protest auf dem Marktplatz in Luckau. Die geschätzt 3000 bis 5000 Menschen wären im Oktober 1989 noch nicht auf die Straße gegangen, ist sich Mietk sicher. Euphorie lag in der Luft. Der Runde Tisch wurde gegründet und damit kam es auch zu Überlegungen, wie mit dem Ministerium für Staatssicherheit umgegangen wird.

Harry Müller im Visier der Stasi

Obwohl der Staatssicherheitsdienst im Vortrag von Mietk eher nebensächlich verhandelt wird, wird er auch nach dem Vortrag besprochen. Der ehemalige, 1990 gewählte Bürgermeister von Luckau Harry Müller erinnert sich: „Meine Familie und ich haben in Luckau ein verstecktes Dasein geführt. Wir waren umso mehr überrascht, dass wir konzentrierte Beobachtungssubjekte der Stasi waren.“

Auch Harry Müller, ehemaliger Bürgermeister, geriet ins Visier der Stasi. Harry Müller, ehemaliger Bürgermeister der Berstestadt
© Foto: Foto: Henry Berner

Während der Luckauer Heinz Rothe von seiner 1000  Seiten umfassenden Stasi-Akte spricht, ist Müllers Akte bisher nicht gefunden worden. Müllers Wissen entspringt einem Bericht eines Stasi-Mannes, der sein Gewissen kurz vor seinem Ableben erleichtern wollte. „Er hat mir glaubhaft versichert, dass ich  auf einer Liste für Internierung stand“, so Müller.

Kreisarchivar Mietk merkt, dass das Thema um den Staatssicherheitsdienst der DDR noch lange nicht final erzählt ist. Für die drei Altkreise Lübben, Luckau, und Königs Wusterhausen gibt es noch keine zufriedenstellende Aufarbeitung, schätzt er ein. „Jeder weiß ein bisschen was, aber eine sehr lokale Aufarbeitung fehlt“, so der Archivar.

Diese müsste nach seinem Geschmack nüchtern-analytisch daherkommen – Es sollte nicht darum gehen Tarnnamen aufzudecken. Vielleicht genau die richtige Aufgabe für seine Generation, die sich dem Thema nüchtern annähern kann, da sie nicht involviert war.

Zeitzeugen sollen Geschichten aufschreiben

Um auch die emotionalen Aspekte von 1989/1990 genauer nachvollziehen zu können, empfiehlt Mietk, dass  Zeitzeugen jeder Art ihre Lebenserinnerungen aufschreiben oder aufnehmen sollten. Das Interview biete sich als Form besonders an. „Wichtig sind Zeitzeugen, egal ob von Seiten der SED oder Reformer“, so der Leiter des Kreisarchivs.

Den von Mietk aufgearbeiteten Verlauf des letzten DDR-Jahres in Luckau, weiß Heinz Rothe zu würdigen: „Diese Wochen und Monate, das ist eine Sauarbeit mit vielen Quellen die sich wiedersprechen.“