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100 Flüchtlinge sind Zützen zu viel

Zahlreich sind die Zützener zur Informationsveranstaltung in den ehemaligen Gasthof "Golßener Land" gekommen.
Zahlreich sind die Zützener zur Informationsveranstaltung in den ehemaligen Gasthof "Golßener Land" gekommen. FOTO: be
Luckau. Mehr als 100 Flüchtlinge und Asylbewerber in ihrem Dorf sind den Zützenern zu viel. Das haben sie während einer Informationsveranstaltung mit Landkreis und Amtsverwaltung am Montagabend deutlich gemacht. Der Kreis aber braucht die Plätze. Carmen Berg

Die Zützener sind in den früheren Gasthof "Golßener Land" mit der Erwartung gekommen, dass der Landkreis von seinen Plänen abrückt. Die sehen in dem rund 350 Seelen zählenden Ortsteil der Stadt Golßen ab Ende Juni, Anfang Juli den schrittweisen Bezug von 24 Wohnungen in vier Blöcken vor, die einem privaten Vermieter gehören. Wie Dahme-Spreewalds Sozialdezernent Carsten Saß (CDU) erklärte, laufen die Mietverhandlungen noch. Der Wohnungsverbund soll über eine Ausschreibung an einen Betreiber vergeben werden. Zwei Sozialarbeiter werden sich um die Flüchtlinge kümmern und Ansprechpartner für die Zützener sein, erklärte er. Weiterhin soll es einen Hausmeister sowie einen Wachschutz geben. Für Sozialarbeiter und Wachschutz miete der Kreis zwei weitere Wohnungen in den Blöcken an. Die Zahl der Flüchtlinge und Asylbewerber bezifferte Carsten Saß auf 100 bis 119.

"Die Blöcke grenzen direkt an unser Grundstück. Mit sechs oder acht Familien könnte ich leben. Aber 120 Leute machen mir Angst", sagte eine Seniorin. Die Zützener, angeführt von einer Bürgerinitiative, fordern einen Verteilerschlüssel nach der Einwohnerzahl, wie er zwar für Länder und Landkreise gilt, aber nicht für die Gemeinden.

Befürchtungen der Bürger

Neben Ängsten vor Konflikten, wenn verschiedene Kulturen auf engem Raum zusammenleben, führten Einwohner mangelnde Infrastruktur ins Feld. Zützen habe keine Einkaufsmöglichkeiten, noch fehle ein Radweg nach Golßen an der stark befahrenen Bundesstraße 96. Zudem sei die örtliche Kita ausgelastet. Mathias Robur befürchtete, dass Zützener Kinder künftig nach Golßen oder Kasel-Golzig müssten. Laut Unterspreewalds Amtsdirektor Jens-Hermann Kleine (CDU wird kein Kind, das bereits in der Kita ist, wegen der Neuankömmlinge umgesetzt. Bei Neuanmeldungen gelte für alle Kinder das Gleiche: Es gebe keine Garantie auf Unterbringung in einer bestimmten Einrichtung. Maßgeblich seien Anmeldezeitpunkt und sachliche Gründe, wenn beispielsweise schon Geschwisterkinder in der Kita sind.

In der rund dreistündigen emotionsgeladenen Debatte sahen sich Vertreter von Kreis und Amtsverwaltung mit Vorwürfen der "Arroganz und Ignoranz" konfrontiert. Ein Redner verwies auf Namenslisten von Verantwortungsträgern, wie sie im Internet kursieren, und drohte offen, dass es zu solchen Dingen auch in Zützen kommen könnte.

Vizelandrat Carl-Heinz Klinkmüller (CDU) bot erfolglos die Vermittlung von Gesprächen mit Görlsdorfern an. In dem Luckauer Ortsteil habe es zu Beginn der 1990er-Jahre ähnliche Ängste wie in Zützen gegeben, die sich nicht bewahrheiteten. Er vertrat Landrat Stephan Loge (SPD), der wegen einer Demonstration in Königs Wusterhausen den Termin in Zützen abgesagt hatte.

Pfarrer Martin Nikolitsch mahnte an, es sei wichtig, eine vernünftige Willkommenskultur unter Mitwirkung von Bürgern und Politik hinzubekommen. Dazu sei Bereitschaft zur Antwort auf offene Fragen nötig. Kernfrage sei doch, ob es Möglichkeiten gebe, die Menge der Flüchtlinge in Zützen zu reduzieren, sagte er. Vorgeschlagen wurde die Unterbringung in Wohnungen in den 34 Orten des Amtes Unterspreewald. Auch die alte Schule in Golßen wurde genannt. Laut Bürgermeister Hartmut Laubisch (SPD) ist das Haus zwar von außen saniert, innen jedoch nicht. Dort könnte schon aus Brandschutzgründen niemand wohnen.

Kreis sieht keine Alternative

Carsten Saß räumte ein, mehr als 100 Flüchtlinge seien "ein ordentlicher Karwenzmann in Bezug auf die Einwohnerzahl". Doch er könne den Bürgern nicht zusichern, dass es weniger werden. Rund 720 Flüchtlinge und Asylbewerber muss der Landkreis in diesem Jahr unterbringen. "Die Kapazitäten sind bis an den obersten Rand voll", sagte er. Es gehe darum, Obdachlosigkeit zu vermeiden. Deshalb werde in Notfallplänen schon über Turnhallen nachgedacht. "Wir werden uns mit einer solchen Entscheidung nicht zufriedengeben und weiterkämpfen", kündigte Christoph Berndt von der Bürgerinitiative an.