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100 Flüchtlinge sind den Zützenern zu viel

In diese Wohnblöcke in Zützen sollen im Juni Flüchtlinge und Asylbewerber einziehen.
In diese Wohnblöcke in Zützen sollen im Juni Flüchtlinge und Asylbewerber einziehen. FOTO: dsf
Zützen/Schönwalde. In Schönwalde haben sich die Einwohner am Dienstagabend vorsorglich zum Thema Flüchtlinge informiert, obwohl es dort derzeit keine Unterbringungspläne gibt. In Zützen, wo der Landkreis für Juni die Belegung von 26 Wohnungen angekündigt hat, beklagen die Bürger mangelnde Transparenz. Carmen Berg und Ingvil Schirling

Im Golßener Ortsteil Zützen schlagen die Wellen hoch. Von der Absicht des Landkreises, in dem 350 Seelen-Ort zum Frühsommer mehr als 100 Asylbewerber und Flüchtlinge unterzubringen, haben die Zützener Mitte März aus der RUNDSCHAU erfahren. Mit den Einwohnern direkt geredet habe bislang niemand. Die neu gegründete Bürgerinitiative "Pro Zützen - Gemeinsam für ein friedliches Zützen" fordert in einem Schreiben an Landrat Stephan Loge (SPD), die Kreistagsabgeordneten, Unterspreewalds Amtsdirektor Jens-Hermann Kleine (CDU) sowie an den Bürgermeister und die Stadtverordneten von Golßen, das knapp 300 Unterschriften trägt, ein Abrücken von den Unterbringungsplänen. "Zützen ist zu klein, um eine so große Zahl von Asylbewerbern aufzunehmen", heißt es zur Begründung.

"Mit drei oder vier Familien im Ort könnten wir doch alle leben", sagt Jessica Lehmann von der BI gegenüber der RUNDSCHAU. Die Verfasser des Schreibens verweisen auf eine unzureichende Infrastruktur. Im Dorf gebe es keine Einkaufsmöglichkeiten, keine Ärzte, keine Freizeitmöglichkeiten. Sie fürchten, dass es bei der Unterbringung von mehr als 100 Menschen in vier Blöcken zur "Ghettobildung", zu Spannungen und Konflikten kommt.

Vor den Golßener Stadtverordneten am Dienstagabend kündigte Amtsdirektor Kleine für den gestrigen Mittwochabend eine Zusammenkunft mit den Sprechern der Bürgerinitiative an, an der Dahme-Spreewalds Sozialdezernent Carsten Saß (CDU) teilnehmen werde. Eine Einwohnerversammlung, ursprünglich bereits vor Ostern avisiert, soll zu Beginn der kommenden Woche stattfinden. Der Amtsdirektor verwies darauf, dass die Amtsverwaltung nach Bekanntwerden der Absicht des Landkreises die Fraktionsvorsitzenden sowie den Zützener Ortsbeirat in Kenntnis gesetzt habe. Zudem habe "unter Begleitung des Landkreises" ein erster Austausch mit Verantwortungsträgern von Kitas, Schule, Kirche und weiteren Partnern stattgefunden. Mit einer Bürgerversammlung sei bis zur Neuwahl des Bürgermeisters der Stadt Golßen gewartet worden, deren Ortsteil Zützen ist.

Zützener wollten in der Bürgerfragestunde der Stadtverordnetenversammlung wissen, warum nicht alle Haushalte Einladungen zu der Veranstaltung bekommen hätten. Sie witterten, dass einige ausgeschlossen werden sollten. Wie der Amtsdirektor dazu erklärte, würden alle Wahlberechtigten aus Zützen und den Gemeindeteilen Gersdorf und Sagritz eingeladen. Ausstehende Post würde noch kommen. Für die Veranstaltung sei der frühere Gasthof "Golßener Land" gemietet worden, der 300 Plätze bietet. Am Eingang würden die Einladungen kontrolliert. Es solle gesichert werden, dass Diejenigen teilnehmen könnten, die die geplante Flüchtlingsunterbringung unmittelbar angeht. Sollten die 300 Plätze dennoch nicht ausreichen, werde es eine weitere Veranstaltung geben, sagte der Amtsdirektor.

Unterdessen haben sich knapp 50 Schönwalder auf Einladung der Grünen-Intiative Jugend.Familie. Zukunft zum Thema Flüchtlinge und Asylbewerber informiert. In der Gemeinde ist kein Flüchtlingsheim geplant; dort leben Bürgermeister Roland Gefreiter zufolge aber einige Russen, Kubaner, Brasilianer und Samoaner.

Im Haus Kulick referierte Sozialdezernent und Landratskandidat Carsten Saß (CDU), ehe die Einwohner ihre Fragen stellten. Trotz der offiziellen Prognose von 570 Menschen, die in LDS dieses Jahr aufgenommen werden müssen, geht er von bis zu 700 Asylbewerbern aus. Gab es vor genau einem Jahr nur das Flüchtlingsheim in Waßmannsdorf, illustrierte er die rasante Entwicklung, werde nun mit Massow und Zützen der fünfte und sechste Standort vorbereitet. Die frühere Förderschule Luckau kommt als siebter noch dazu.

"Wie verzweifelt muss ein Landkreis sein, um einen Standort wie Massow anzubieten?", fragte Michael Bartz von der Zützener BI und brachte in Schönwalde die Sorgen der Zützener vor: "Mehr als 100 Flüchtlinge auf 350 Einwohner - wie soll da Integration stattfinden?"

Saß gab offen zu, dass das künftige Massower Heim sich keineswegs damit hervorgetan hätte, "dass es infrastrukturell exzellent wäre", sondern "daraus geboren wurde, dass wir eine Unterbringungspflicht haben und es dort ein leeres Objekt gibt". Eingerichtet werde eine Buslinie nach Halbe und Groß Köris mit Umstieg in die Bahn sowie Kinderbetreuungsmöglichkeiten.

Zützen "liegt im Vergleich zu Massow nahezu zentral", sagte Saß mit Augenzwinkern. "Aus unserer Sicht gibt es eine engagierte Bevölkerung. Die Unterschriftenliste sagt ja sehr deutlich, dass dieser an einem friedlichen Miteinander gelegen ist. Das können wir nur begrüßen und unterstützen." Die Nähe zu Golßen sei für die Verwaltung ein Argument.

In der Hauptsache ging es in Schönwalde um Fragen von Ehrenamt und Integration. Nadja Saborowski vom Behandlungszentrum für Folteropfer in Berlin machte die Vielfalt des komplexen Asylrechts deutlich. Zum Thema Ehrenamt sagte Saß, dass vom Landkreis dazu keine strukturellen Vorgaben bestünden. Er zählte viele jetzt schon funktionierende, praktische Beispiele auf und sagte: "Wir wären ohne ehrenamtliche Unterstützung komplett aufgeschmissen. Als Verwaltung haben wir zu regeln, dass es die Leute trocken und warm haben." Auf Nachfrage von Heike Volkmer aus Lübben, Mitarbeiterin des Grünen-Landtagsabgeordneten Benjamin Raschke, was er zum Thema Ehrenamt rate, sagte er: "Einfach machen."