Von Andrea Hilscher

Wer liest, was Kunstkritiker über die Arbeiten von David Lehmann zu sagen haben, der schwebt als laienhafter Bilder-Angucker schnell zwischen Angst und Ehrfurcht. Sie schreiben von  ikonographischen Rekursen und oszillierenden Reflektionen, von psychologische Farbsetzung und Verweisen quer durch alle Epochen. Muss man schlau sein, um Lehmanns Bilder zu verstehen?

Im September ist er als einziger Brandenburger in der großen Ausstellung „Jetzt!“ in Bonn, Wiesbaden, Chemnitz und Hamburg zu sehen, in der sich die 50 besten Nachwuchskünstler Deutschlands präsentieren werden. Eine Überraschung für den Mann aus Cottbus.

„Der Intendant des Bonner Kunstmuseums hatte mich angerufen und mit mir über meine Arbeit gesprochen“, erzählt er. 200 Künstler, die in Deutschland leben, kamen zunächst in eine Vorauswahl, hundert von ihnen wurden in ihren Ateliers besucht, am Ende dann wurden rund 50 Maler für die Ausstellung ausgewählt.

Als Meisterschüler in Berlin

„Wie genau man damals auf mich gekommen ist, weiß ich gar nicht“, sagt David Lehmann. Der gebürtige Luckauer hat in Berlin an der Universität der Künste als Meisterschüler Malerei studiert, ist dann in seine Heimatstadt zurückgekehrt. Er hatte bereits mehrere große Ausstellungen, unter anderem in Berlin, Brüssel und im Landesmuseum für Moderne Kunst am Amtsteich.

Als er im Herbst 2018 erfuhr, dass er tatsächlich den Zuschlag für die Ausstellung „Jetzt!“ bekommen hatte, geriet er in Zeitnot: „Gerade in dem Moment war mir mein Atelier in der Friedrich-Ebert-Straße gekündigt worden. Und im März mussten die Bilder schon fertig sein, weil dann der Katalog für die Schau in Vorbereitung ging.“ Stress pur also.

Heute sitzt David Lehmann in neuen Räumen in der Rudolf-Breitscheid-Straße. Der Boden ist mit Plastikplane abgedeckt, an den Wänden Bilder. Viele Bilder. Große Bilder. Raumbeherrschend: Ein Triptychon mit dem Titel „Halbzeit“, das in wenigen Tagen, zusammen mit einigen anderen Bildern, nach Bonn transportiert wird. 2,20 Meter hoch, 5,40 Meter lang. „In den hohen Ausstellungshallen könnte es winzig wirken“, sagt Lehmann. Er ist gespannt.

Halbkriminelle übernehmen die Macht

„Halbzeit“, das ist ein politisches Statement, eine Momentaufnahme. „Das Spiel ist noch nicht gewonnen, noch nicht verloren“, sagt Lehmann, der findet: Man muss Haltung zeigen. Er beobachtet die politischen Entwicklungen in Europa, besonders Italien mache ihm Sorgen: „Katastrophal, wenn Halbkriminelle die Macht an sich reißen.“ Man müsse sich wehren, gegen Populismus und Rechtsradikale. Die „Donnerstage für Demokratie“, die Außenminister Heiko Maas angeregt hat, findet er wichtig. Wie gesagt: „Das Spiel ist noch nicht gewonnen, noch nicht verloren, gerade hier in Cottbus.“

Politisch ist er also, politisch sind auch seine Bilder. Ironisch, witzig, morbide, böse. Er sei kein Erbe Willi Sittes, eher Pencks oder Immendorfs, sagt er, doch seine Bilder versteht man auch ohne diese Bezüge.

„Halbzeit“, das ist ein AfD-Hitler am Grill, mit durchaus gewollten homoerotischen Anspielungen. Eine Frau an der Macht gibt es, die zunächst einen Namen hatte, im Schaffensprozess dann an Identität verloren hat und nun das Treiben um sie herum beobachtet, ohne wirklich Stellung zu beziehen. Die brennende Branitzer Pyramide hat Lehmann ins Bild gesetzt, dazu einen ratlosen Pückler.

Zu sehen gibt es viel auf Lehmanns Bildern. Doch auch, wer sich mit seinen Inhalten nicht auseinandersetzen mag, findet genügend spannende Details. Das Schwarz zum Beispiel, das in vielen Bildern zentrales Gestaltungselement ist. Tief und satt wirkt es. „Aber es ist gar kein Schwarz“, erklärt der Maler lächelnd. Er habe die Bilder alter Meister studiert, von ihnen gelernt, wie man den Farben ihre Tiefe gibt.

Er nutzt uralte Techniken, grundiert seine Leinwände selbst. „Für das Triptychon habe ich allein dafür vier Tage gebraucht.“ Mit Hasenleim hat er die Leinwände behandelt, nur so könne er mit seinen sehr wässrigen Lasuren arbeiten.

Lehmann setzt neben den bewährten handwerklichen Kniffen seiner Zunft gern auch auf moderne Hilfsmittel. Für seine aktuellen Werke hat er erstmals ein Bildprogramm auf dem Smartphone ausprobiert. Skizzen wurden dafür abfotografiert, auf dem Handy dann ausgearbeitet. „Ich konnte so viel mutiger sein als auf der Leinwand“, sagt er. „Mit Farben experimentieren oder Formen wagen, die ich mich sonst nicht getraut hätte.“

In „Halbzeit“ gibt es die grellrosa Andeutung eines Rades, mittig im Bild. „Um das technisch perfekt hinzukriegen, muss die Leinwand liegen. Aber selbst ich als Zwei-Meter-Mann habe dann Probleme, in der Bildmitte sorgfältig zu arbeiten.“

Der Traum vom Malen einer Gans

Die Kombination aus Tradition und Technik hat funktioniert, beim imposanten Triptychon ebenso wie bei anderen, kleineren Arbeiten für die große Ausstellung. Vielleicht hat der Künstler jetzt Zeit, seinen kleinen persönlichen Traum zu verwirklichen: „Ich möchte eine Gans malen, und dabei alle Maltechniken nutzen, die ich kenne.“ Weil Gänse ihn faszinieren. Und natürlich, weil es für ihn bei der Suche nach Wahrheit ohne die Malerei nun mal nicht geht.