Von Andrea Hilscher

Die Liste der Unterschriften ist lang. Fast 40 Firmen und Anwohner rund um das Sachsendorfer Zelt haben unterschrieben, weil sie sich anders nicht zu helfen wissen. Mit ihrer Unterschriftenliste wollen sie bei der Stadt, der Polizei und der Staatsanwaltschaft auf ihre Notlage aufmerksam machen. Denn seit über einem Jahr leiden sie unter quälenden Zuständen: Ein obdachloser Rollstuhlfahrer bedroht und belästigt sie in kaum vorstellbarem Ausmaß.

„Fast täglich finden wir seine Kothaufen vor unseren Ladeneingängen. Er uriniert gegen unsere Schaufenster und bedroht uns und unsere Kunden“, sagt die Inhaberin der Blumengeschäftes in der Bertholt-Brecht-Straße. Marlis Geisler ist, ebenso wie ihre Nachbarn, verzweifelt. „Der Gestank, die permanenten Belästigungen zermürben unsere Nerven.“ Immer wieder rufe er Worte wie „Judensau“, „Kommunistenschwein“ oder „Stasischlampe“.

Die Geschäftsfrau sagt: „Entweder ist der Mann psychisch krank, dann braucht er Hilfe. Oder er ist zurechnungsfähig, dann muss er für sein Handeln auch die Konsequenzen tragen.“ Bei einem Ortsteilrundgang vor einigen Wochen wurde das Problem dem Oberbürgermeister vorgetragen. Sozialamt und Polizei sind ebenfalls informiert, doch eine Lösung des Problems konnten die Behörden bisher nicht anbieten.

Die Polizei kann zwar immer wieder eingreifen, wenn der Mann in Streitereien verwickelt ist. „Was er anstellt, rechtfertigt keine Untersuchungshaft“, sagt Polizeisprecherin Ines Filohn. Die Beamten können zwar immer wieder Anzeigen aufnehmen und auch von Amts wegen stellen. „Aber wirkliche strafrechtliche Relevanz haben seine Aktionen oft nicht.“

Die Justiz kann ebenfalls nicht eingreifen. „Solange der Mann nicht zu einer wirklichen Gefahr für sich oder andere wird, gibt es keinen Grund, seine Freiheit einzuschränken“, heißt es aus dem Amtsgericht.

Die Stadt argumentiert ähnlich. Die Freiheit des Menschen sei ein hohes Gut und durch das Grundgesetz geschützt. Maßnahmen wie etwa eine Zwangseinweisung in die Psychiatrie sind durch sein momentanes Handeln nicht zu rechtfertigen. „Wir wissen, dass die Belästigungen für die Gewerbetreibenden und die Anwohner nur schwer zu ertragen sind“, sagt Stadtsprecher Jan Gloßmann. Leider habe der Mann bisher alle Hilfsangebote ausgeschlagen.

Der Bürgerverein engagiert sich

Jürgen Krebs vom Sachsendorfer Bürgerverein ist seit Monaten mit dem Fall beschäftigt. Er telefoniert mit der Betreuerin des Mannes, mit Sozialbehörden und Ordnungskräften. „Langsam bin ich selbst am Ende meiner Kraft“, sagt der 76-Jährige. „Jeden Tag der Kot überall, die Bänke in den Grünanlagen sind vollgeschmiert und stinken.“

Vor wenigen Tagen gab es einen ersten Hoffnungsschimmer: Die Betreuerin hatte angekündigt, dass sich der Obdachlose in der Psychiatrie untersuchen lassen wolle. Dort ist er allerdings nie aufgetaucht. Stattdessen hat ihn Jürgen Krebs nachts wimmernd in einem Geschäftseingang gefunden – mit einer Platzwunde am Kopf. „Offenbar hat ihn jemand mit einem Stein beworfen“, sagt Krebs.

Die Situation eskaliert

Immer wieder versucht er, die Anwohner zu beruhigen. „Selbstjustiz wäre das schlimmste, was passieren könnte.“ Immerhin hatte er den Verletzten überreden können, sich in der Notaufnahme des Klinikums medizinisch versorgen zu lassen. „Am nächsten Tag war er dann wieder hier“, sagt Krebs.

Der Sozialpsychiatrische Dienst hat ihm nun zugesichert, in den nächsten Tagen Mitarbeiter nach Sachsendorf zu schicken, die den Rollstuhlfahrer zu einer Begutachtung in die Klinik bringen. „Natürlich muss er dem zustimmen und freiwillig mitfahren“, sagt Jürgen Krebs. Er habe aber inzwischen das Gefühl, der Obdachlose sei froh, aus seiner Notlage herauszukommen.

Endlich Hoffnung

Die Sachsendorfer hoffen, dass dem Mann – und damit ihnen – geholfen wird. „Auch wenn er böse ist, er ist ein Mensch“, sagt Marlis Geisler. „Und so wie er sollte niemand leben müssen.“

Lesen Sie dazu auch folgenden Artikel: https://www.lr-online.de/lausitz/spremberg/vorsaetzliche-koerperverletzung-bei-psychisch-krankem-spremberger-nicht-nachgewiesen_aid-7650081