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| 11:43 Uhr

Industriebrache adé
Mammutprojekt Zinkweißhütte Bernsdorf

 Bauamtsleiter der Stadt Bernsdorf Dirk Wuschansky (l.) und Projektleiter Uwe Röllich begutachten die Baustelle, während der 30-Tonner gerade „Frühstückspause“ macht. Fotos: Anja Hummel
Bauamtsleiter der Stadt Bernsdorf Dirk Wuschansky (l.) und Projektleiter Uwe Röllich begutachten die Baustelle, während der 30-Tonner gerade „Frühstückspause“ macht. Fotos: Anja Hummel FOTO: LR / Anja Hummel
Bernsdorf. Die ersten Gebäude der historischen Produktionsstätte liegen in Trümmern. Beim Abriss kommt Müll in allen Variationen zum Vorschein.

Einmal die Abrissbirne schwenken und fertig – so einfach ist die Arbeit von Uwe Röllich längst nicht mehr. „Das ist ein ziemliches Schubladengeschäft geworden.“ Der Diplom-Ingenieur aus Torno schaut sich um. „Alles muss sortiert werden.“ Überall stehen Container, sind Schutthaufen aufgetürmt, Säcke geschnürt. „Hier ist Schrott drin, dort separieren wir Dachpappe, Abbruchholz, Asbest. In den großen weißen Säcken sind Brennstoffe, die unsere Gefahrstoffsanierer mit Atemschutzmaske separat herausfummeln“, erklärt Röllich. Auf der sieben Hektar großen Fläche ist er der Projektleiter. Stolze 30 000 Tonnen Müll werden er und sein Bauteam bis zum kommenden September von der Bildfläche verschwinden lassen. Der Name des Mammutprojektes: Zinkweißhütte Bernsdorf.

Vor zweieinhalb Monaten ist hier – direkt an der Bundesstraße 97 – der erste Baggerschwenk vollzogen worden. Die Industriebrache, in der von 1870 bis 1993 Zinkoxid produziert wurde, besteht aus verschiedensten Bereichen: Werkstätten, Produktionshallen, Verwaltung, Lager, Schaltwerk. Damals wurde das Zinkoxid an die Lackindustrie geliefert, kam aber auch in der Reifen- und Glasproduktion sowie in der Pharmazie zum Einsatz. Vor allem aus Sicherheitsgründen wird die historische Produktionsstätte nun Stück für Stück zurückgebaut. „Wir sind voll im Plan. Keine Vorkommnisse, keine Unfälle, keine Havarien“, sagt Uwe Röllich. Um seinen Hals hängt eine große Kamera. „Ich dokumentiere den Baufortschritt für den Bauherren“, sagt er. Der „Bauherr“ ist die Stadt. Dirk Wuschansky, Bernsdorfs Bauamtsleiter, ist bei der Begehung dabei. Die Männer ziehen vorbei an Baggerschaufeln und Trümmerhaufen – die ersten Gebäude, darunter Garagen, sind abgerissen. „Spätestens ab der übernächsten Woche werden größere Abfuhrmaßnahmen stattfinden“, sagt Röllich. Der alte Müll muss weg – damit es Platz für neuen gibt.

Ein Haus steht allerdings noch auffällig unangetastet inmitten der gigantischen Schutthaufen. „Das ist das ehemalige Verwaltungsgebäude, war früher auch Wohnsitz des Fabrikanten“, weiß Röllich. Aus Denkmalschutzgründen muss das stehenbleiben. Dirk Wuschansky nickt. „Ursprünglich war der Abriss geplant. Aber wir sind in Kontakt mit der Behörde, um wenigstens Teilmaßnahmen durchführen zu können.“ Der „straßenbildprägende Schweißgiebel“ und die „gegliederte Neorenaissancefassade“ haben der Stadt einen Strich durch die Abrisspläne gemacht. Projektleiter Röllich sagt offen: „Der Schein trügt. Innendrin ist dieses Gebäude marode und muss entkernt werden.“ Was nicht nur ihn missmutig stimmt: „Als wir mit unseren Arbeiten angefangen haben, waren die Scheiben alle noch ganz.“ Mittlerweile ist jedes zweite Fenster eingeschlagen. Vandalismus, Abfallablagerung, Brandstiftung – rund um die Zinkweißhütte ist all das keine Seltenheit. „Wir haben hier insgesamt acht Container Haushaltsmüll weggefahren, der war verstreut auf dem gesamten Gelände. Die Leute haben sich ausgemistet“, berichtet Uwe Röllich. Mittlerweile ist das Areal komplett umzäunt. Zwölf Autowracks haben die Bauleute gezählt. Immer noch „verirren“ sich verbotenerweise hin und wieder Neugierige auf dem Gelände. „Manche denken, die könnten hier noch was finden. Aber man kann schnell mal in einen Schacht fallen oder irgendetwas stürzt um“, warnt der Diplom-Ingenieur, während er an abgelegten Baggerschaufeln und Ziegelsteinhaufen vorbeiläuft. Es geht in die riesige Produktionshalle. Dort, wo früher Zink verbrannt und aus der Asche Zinkoxid hergestellt wurde, ist die Entkernung längst abgeschlossen. Im Februar sollen hier Spezialbagger zum Abriss anrücken. Dann wird es staubig und laut, kündigt Röllich an. „Und es wird Erschütterungen geben, die man merkt.“ Danach geht es in die Tiefenenttrümmerung – asphaltierte Verkehrsflächen werden abgetragen und Fundamente herausgeholt. Außerdem werden Bodenproben genommen, um Kontaminationen auszuschließen – oder zu bestätigen. Dass es eine große Kontaminationsfläche unter einer Produktionshalle gibt, ist bereits bekannt. „Das ist aber eine separate Maßnahme, die sich später anschließt“, sagt Bauamtsleiter Wuschansky. Bis Ende September sollen erst einmal alle Abbrucharbeiten erledigt sein. Uwe Röllich ist mit genauen Prognosen aber vorsichtig: „Was wir hier tatsächlich an Altbausubstanz vorfinden, wissen wir erst, wenn wir umgegraben haben.“ Überraschungen nicht ausgeschlossen.

 Das ehemalige Verwaltungsgebäude der Zinkweißhütte ist denkmalgeschützt und darf nicht abgerissen werden.
Das ehemalige Verwaltungsgebäude der Zinkweißhütte ist denkmalgeschützt und darf nicht abgerissen werden. FOTO: LR / Anja Hummel
     Insgesamt zwölf Autowracks wurden auf dem Zinkweiß-Areal "gefunden" und müssen entsorgt werden.
Insgesamt zwölf Autowracks wurden auf dem Zinkweiß-Areal "gefunden" und müssen entsorgt werden. FOTO: LR / Anja Hummel
 Kurios: Ein Baum hat sich seinen Weg geradewegs durchs Dach gebahnt. Die Abrissarbeiten sollen um die Pflanze herum stattfinden - der Baum soll möglichst unbeschädigt davonkommen.
Kurios: Ein Baum hat sich seinen Weg geradewegs durchs Dach gebahnt. Die Abrissarbeiten sollen um die Pflanze herum stattfinden - der Baum soll möglichst unbeschädigt davonkommen. FOTO: LR / Anja Hummel
 In dieser riesigen Halle wurde früher das Zinkoxid hergestellt. Die Abrissarbeiten werden im Februar mit Spezialbaggern durchgeführt.
In dieser riesigen Halle wurde früher das Zinkoxid hergestellt. Die Abrissarbeiten werden im Februar mit Spezialbaggern durchgeführt. FOTO: LR / Anja Hummel