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| 16:46 Uhr

LR vor Ort in Lauta
Zwischen Vergangenheit und Zukunft

Der Schmuckhof in Lauta-Nord mit Blick auf das Werk. Die Siedlung ist nach der Wende mit viel Geld saniert worden.
Der Schmuckhof in Lauta-Nord mit Blick auf das Werk. Die Siedlung ist nach der Wende mit viel Geld saniert worden. FOTO: Sascha Klein / Archiv Schluttig
Lauta. Lauta hat ein großes Industrieerbe. Wie viel Traditionspflege ist sinnvoll? Und wie muss sich Lauta heute für morgen positionieren? Von Sascha Klein

Wer im Frühling oder Sommer durch die Straßen der heutigen Gartenstadt in Lauta-Nord schlendert, kann sich womöglich zurückversetzen in die Blütezeit dieser Siedlung vor fast 90 Jahren. Die pittoresken Häuser, die Architektur, die kleinen Gärten. Eine Siedlung, in der Arbeiter und Fabrikdirektoren wohnten. Damals hieß die Siedlung Lautawerk – wie die riesige Aluminium- und Ton­erdefabrik, die nur wenige Hundert Meter weiter stand.

Diese Siedlung hat das Werk inzwischen um mehr als 25 Jahre überlebt. Im Jahr 1990 hatte die Werkssiedlung jedoch sehr viel von ihrem Charme verloren. Verwohnt, kaputt – und den Gestank der nahen Teerteiche immer in der Nase. Und während quasi einen Steinwurf weiter das Alu-Werk Stück für Stück in seine Einzelteile zerlegt wurde und verschwand, erlebte Lauta-Nord zur Jahrtausendwende eine neue Blütezeit. Die Treuhand-Liegenschaftsgesellschaft steckte Millionen Euro in das Areal und sanierte es. Statt Verfall und Abbruch wie nebenan bekam die einstige Wohnsiedlung eine Art Frischzellenkur.

Inzwischen ist diese Werksiedlung, eine der wichtigsten der Industriegeschichte in der gesamten Lausitz, wieder ein Hingucker. Wer auf der B 96 aus Hoyerswerda kommend nach Lauta hineinfährt, dem bietet sich rechts eine Art Entree mit acht Vier-Familien-Häusern, die in einem Halbkreis angeordnet sind. Ebenfalls ein Hingucker: der Anger und die 1924 errichtete Stadtkirche. Dies ist so etwas wie das heutige Zentrum der Siedlung.

Und während auf der einen Seite die Wohnsiedlung erblüht, verblasst auf der anderen Seite nach und nach die Geschichte des Lautawerks, obwohl viele Lautaer im Kraftwerk oder Alu-Werk oftmals jahrzehntelang geschuftet haben. Im Oktober vor 100 Jahren ist das erste Aluminium im Lautawerk geschmolzen worden. Auf dem Gelände steht heute unter anderem eine Müllverbrennungsanlage. Wer nicht weiß, dass dort einmal die größte Aluminiumfabrik Europas gestanden hat, fährt dort im Glauben vorbei, es handele sich um ein beliebiges Industriegebiet. Nur der alte Wasserturm erzählt noch von der einst gewaltigen Historie, die im Jahr 1990 mit der Schließung endete.

Es gibt nur wenige Aktive, die versuchen, die Erinnerungen an dieses Lauta prägende Werk aufrecht zu erhalten. Einer von ihnen ist der Vorsitzende der Seniorenakademie Lauta (Senak), Siegfried Erler. Die Senak pflegt im Lautech-Gebäude in der Lautaer Straße der Freundschaft das Erbe des Lautawerks. Erler und seine Mitstreiter haben viele Einzelstücke rund um Anlagen, Produktionsverfahren und Notgeld zusammengetragen. Doch auch dort, unter dem Dach des Technologieparks, kommt das Erbe des Werks wenig zur Geltung.

Die Senak unter der Leitung der Eheleute Erler ist es jetzt auch, die mehr will. Sie möchte eine Aluminiumstele errichten lassen – aus Anlass des 100. Jahrestags der ersten Alu-Schmelze. Auch ein Buch über die Geschichte von Werk und Werkssiedlung ist in Arbeit. Die Chemikerin Gabriele Schluttig, die selbst Tochter eines der einstigen Betriebsleiter des Chemiewerks ist und in der Werkssiedlung wohnt, wird einige interessante und wissenswerte Episoden erzählen. Sie will sich eher auf Orte und Personen konzentrieren und auch die Geschichte einer Familie erzählen, die in drei Generationen mit dem Werk verbunden war. Zudem ist ein Symposium zum Thema Lautawerk am 9. Juni im Lautaer Technologiepark geplant. In der Kulturkirche Lauta-Stadt soll am 15. Juni das Tino-Eisbrenner-Konzert ein Festwochenende „100 Jahre Gartenstadt“ einläuten.

Mehr denn je steht anlässlich 100 Jahre Lautawerk die Frage: Wie sollten die Stadt Lauta und ihre Bürger mit dem Erbe des Lautawerks umgehen? Immerhin hat das Werk nach der Wende eine Vielzahl an Umweltproblemen hinterlassen, die noch heute spürbar sind. Die Sanierung von Werksgeländen und Teerteichen hat bis zu 60 Millionen Euro gekostet.

FOTO: LR
Das Lautawerk vom „Südpförtner“ aus. Bis zum Zweiten Weltkrieg war es das größte Aluminium- und Tonerdewerk Europas.
Das Lautawerk vom „Südpförtner“ aus. Bis zum Zweiten Weltkrieg war es das größte Aluminium- und Tonerdewerk Europas. FOTO: Sascha Klein / Archiv Schluttig
Für Jahrzehnte ein gewohnter Anblick: Wasserturm und Kraftwerkstürme in Lauta. Inzwischen existiert nur noch der Wasserturm.
Für Jahrzehnte ein gewohnter Anblick: Wasserturm und Kraftwerkstürme in Lauta. Inzwischen existiert nur noch der Wasserturm. FOTO: Sascha Klein / Archiv Schluttig
Die „Waldklause“: Das Gebäude gibt es nicht mehr. Dort ist heute Parkplatz eines Discounters. Links im Bild die heutige Polizeistation.
Die „Waldklause“: Das Gebäude gibt es nicht mehr. Dort ist heute Parkplatz eines Discounters. Links im Bild die heutige Polizeistation. FOTO: Sascha Klein / Archiv Schluttig
Ein Blick vom Kirchturm der evanglischen Kirche in Lauta Nord. Heute ist das Gebäude die Kulturkirche Lauta-Stadt.
Ein Blick vom Kirchturm der evanglischen Kirche in Lauta Nord. Heute ist das Gebäude die Kulturkirche Lauta-Stadt. FOTO: Sascha Klein / Archiv Schluttig