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| 07:01 Uhr

Uraufführung
Zwei Jahrhunderte Lausitzer Geschichte in Bautzen

Schauspieler Marian Bulang probt das Theaterstück „Lausitzer Quartiere oder Der Russe im Keller“ am Bautzener Theater.
Schauspieler Marian Bulang probt das Theaterstück „Lausitzer Quartiere oder Der Russe im Keller“ am Bautzener Theater. FOTO: Uwe Soeder / dpa
Bautzen . Das Deutsch-Sorbische Volkstheater führt am heutigen Freitag zum ersten Mal das Stück „Lausitzer Quartiere oder Der Russe im Keller“ auf. Entstanden ist es auf ungewöhnlichem Wege.

Schwer verletzt klopft der russische Offizier an die Tür der Lausitzer Weberfamilie. Es ist das Jahr 1815. In der Region toben die Napoleonischen Befreiungskriege. Dem jungen Mann im Dienst des Zaren sind die Soldaten des französischen Kaisers auf den Fersen. Die Tochter des Handwerkers kümmert sich um den Mann mit dem glatten Brustschuss. Mit dieser Szene beginnt das Stück “Lausitzer Quartiere oder Der Russe im Keller„. Am heutigen Freitag (9. März) feiert die Inszenierung des Deutsch-Sorbischen Volkstheaters in Bautzen seine Uraufführung.

Im Stück werden zwei Jahrhunderte sorbische und Lausitzer Geschichte zwischen Neiße und Spree verhandelt, an den Wendepunkten 1815/16, 1918, 1945 und 1990. Sein Autor ist der Leipziger Ralph Oehme (*1954). Mit seinem „historischen Bilderbogen“ gewann der Dramatiker den Stücke-Wettbewerb „Lausitzen“. Im Jahr 2016 schrieben den Preis das Bautzener Theater, das Staatstheater Cottbus und die Neue Bühne Senftenberg erstmals bundesweit aus.

Die Idee zu einem solchen Wettbewerb begleitete den Bautzener Theaterintendanten Lutz Hillmann schon länger. „Zum einen gibt es zu wenige Stücke, die sich inhaltlich mit unserer Region auseinandersetzen. Zum anderen wollen wir Autoren unterstützen, deren Situation immer prekärer wird“, sagt er. Denn von knapp 7400 Inszenierungen aller Genres in Deutschland waren nach Angaben des Deutschen Bühnenvereins in der Spielzeit 2015/16 gerade einmal 954 Uraufführungen.

Im Preisträger-Stück führt Hillmann auch Regie. Auf der Bühne sind die napoleonischen Soldaten wieder abgezogen. Die nächste Zäsur kündigt sich an. Den Nachfahren der armen Weberfamilie gehört längst eine Tuchfabrik. Ihre Arbeiter stehen Weihnachten bewaffnet vor den Toren des Werks, wollen die Maschinen stürmen und den Besitzer davonjagen - der Erste Weltkrieg ist zu Ende; mit der Novemberrevolution endet die Monarchie.

„Die Stoffe für Stücke liegen in dieser einmaligen Kulturlandschaft auf der Straße“, sagt Hillmann. In der Begründung der Jury zum Hauptpreis heißt es: „Der große historische Wurf von Ralph Oehme versucht genaue Geschichtsdarstellung und moralisches Bekenntnis zum Besonderen theatergerecht zu verbinden.“

Am Bautzener Theaterhaus selbst ist Oehme kein Unbekannter. Bereits acht Stücke hat er für das Haus verfasst, darunter Stoffe zum Lausitzer Räuberhauptmann Karasek oder zum sorbischen Zauberer Krabat. Auch die Theatersommer-Vorlage „Schwarze Pest und gelbes Elend“ anlässlich des 1000. Stadtjubiläums 2002 stammten aus seiner Feder. „In viele Stücke sind die Lausitz, Bautzen und die Sorben - die Geschichte und die Sagenwelt - als Themen mit eingeflossen“, sagt der 63-Jährige. Mit einem eigenen Text „vom Rand des Literaturbetriebs“ schafft der gebürtige Rochlitzer 1984 seinen ersten Sprung auf eine Theaterbühne.

Mit seinem Preisträgerstück „Lausitzer Quartiere oder Der Russe im Keller“ hat sich Oehme nach Angaben des Theaters gegen 20 andere, renommierte Autoren aus ganz Deutschland durchgesetzt. Die Exposés und Probeszenen wurden für die Jury anonymisiert, zu der unter anderem die Intendanten des Bautzener Theaters, des Staatstheaters Cottbus und der Neuen Bühne Senftenberg, der Autor Jurij Koch und der Verlagsleiter von „Theater der Zeit“, Harald Müller, angehörten Gefördert wurde dieses Projekt durch die Stiftung für das sorbische Volk und das Land Brandenburg.

Auch aufgrund der großen Resonanz soll noch in diesem Jahr der Stücke-Wettbewerb „Lausitzen“ in die zweite Runde gehen. Die nächsten Runde wird das Theater Senftenberg ausrichten und das nächste Stück inszenieren. In der kommenden Spielzeit wird die Bautzener Produktion zudem an der Neuen Bühne Senftenberg und im Staatstheater Cottbus zu sehen sein. In Bautzen wird es nach der Premiere unter anderem gleich noch einmal am Sonnabend gezeigt.

Die Zeiten und die Moden ändern sich auf der Bühne. Die Lausitzer Familie hat sich hinter den Fabrikmauern verschanzt und trennt Hakenkreuze aus roten Fahnen. Wieder rumoren Russen vor der Tür, wieder steht das Leben auf Messers Schneide. „Für mich als Regisseur ist eine solche Uraufführung immer spannend. Das Stück wurde noch nie gezeigt und wir wissen nicht, wie es beim Publikum ankommt“, sagt Hillmann. Autor Oehme indes hat sich wieder an seinem Leipziger Schreibtisch zurückgezogen und sitzt an drei neuen Stück-Ideen – dieses Mal ganz ohne Auftraggeber.

(dpa/bob)