Marcus Matics und Zdenek Dytrt stehen in einem kleinen Raum des Zuse-Computermuseums in Hoyerswerda und sehen sich in einem Spiegel. In dem Raum haben zu Corona-Zeiten fünf bis sechs Menschen Platz. Wer aus dem Fenster schaut, sieht durch die dünne Folie auf den Parkplatz des Foucault-Gymnasiums.
Matics löscht das Licht und der Spiegel wird lebendig. Eine Figur wie aus einem Science-Fiction-Film erscheint. Rundherum ist alles dunkel. Es ist „Memo“, die neue Errungenschaft des Zuse-Computermuseums. „Hallo, wie geht’s?“, fragt „Memo“ in die Runde. „Mit diesem Programm ist es möglich, vor Ort Erinnerungen zu speichern“, sagt Matics, der stellvertretende Museumsleiter.

„Memo“ sammelt in Hoyerswerda Erinnerungen

Jeder Gast, der diesen Raum betritt, kann eine seiner Erinnerungen in das große Gehirn des „Memo“ platzieren und ist damit Teil des Teilgebiets „Digitale Kunst“. Es gibt mehrere Kategorien: Beziehung, Gesellschaft, Erlebnisse, Biografie. Das kann eine Erinnerung an ein Lieblingsessen sein, an die erste große Liebe, an seine Schulzeit, an den Beruf, an ein Hobby – es ist fast alles möglich. Alle Erinnerungen werden gespeichert und bilden im Laufe der Zeit einen großen Erinnerungsspeicher. Wer will, kann sich seine Erinnerung auch selbst aufs Smartphone laden – per QR-Code.
„Memo“ gehört zum Projekt „Zuse schaut über die Grenzen“. Es ist ein deutsch-tschechisches Projekt, an dem zwei Schulen beteiligt sind: das Hoyerswerdaer Léon-Foucault-Gymnasium und eine Berufsschule in Chomutov. Die Stadt liegt rund 40 Kilometer von Seiffen entfernt.
Seit 2017 arbeiten tschechische und deutsche Schüler gemeinsam mit den Museumsmitarbeitern daran, einen Teil der Dauerausstellung im Zuse-Computermuseum zu gestalten. Die Förderung beträgt über drei Jahre rund 430 000 Euro. Zdenek Dytrt ist der Projektverantwortliche. Zum Vorhaben gehört die geplante Erweiterung des Museums-Audioguides „HörZuse“ sowie des Raumes „Memory“, der sich mit Speichern von Daten, Speicher-, aber auch Abhörtechniken beschäftigt. Die Ausstellungsstücke stammen vom Museum, die Texte haben die Schülerinnen und Schüler maßgeblich mitgestaltet. Sie sind in deutsch, englisch und tschechisch verfügbar.

Cottbus

Eine Besonderheit in der Abteilung „Memory“: die Puppe „Cayla“. Sie hatte im Jahr 2017 deutschlandweit für Aufsehen gesorgt, weil die Bundesnetzagentur sie für eine „versteckte, sendefähige Anlage“ hielt und Eltern wie Kindern empfohlen hat, sie zu entsorgen. Denn: „Cayla“ könnte Kinderzimmer ausspähen. Im Zuse-Computermuseum kann sie hingegen keinen Schaden anrichten: „Wir sind verpflichtet worden, die Technik auszubauen“, sagt Marcus Matics. Diese wird neben der Puppe gezeigt. Dahinter ist der Raum, in dem der „gläserne Mensch“ Erinnerungen speichert.

Der „gläserne Mensch“ war erst eine Puppe aus Folie

Zunächst war das Projekt „Gläserner Mensch“ ganz anders angedacht, sagt Zdenek Dytrt. Er geht nach nebenan und holt die erste Version des gläsernen Menschen. Es ist eine durchsichtige Figur aus Folie und Klebeband. Eine Frau hatte sich dafür in Folie einpacken lassen. In dieses Modell jeder bunte Chips einwerfen können, die – je nach Kategorie – direkt aus einem 3D-Drucker kommen. Das Problem: Es hätte zu lange gedauert, diese Chips formgerecht auszudrucken.
Also ist die deutsch-tschechische Gruppe auf die Digital-Variante umgeschwenkt. Dabei gibt es zwei Möglichkeiten: Jeder kann seine Erinnerung geschrieben oder gezeichnet im „Memo“ hinterlassen. Gesagt, getan: Anfang der Woche hat eine Dresdner Firma die Anwendung im Zuse-Computermuseum installiert. Alle Gäste, die jetzt das Museum besuchen, sind jetzt aufgerufen, per „Memo“ eine Erinnerung zu hinterlassen.

Deutsch-tschechisches Projekt läuft bis 2021

Auch die beteiligten Schüler aus Hoyerswerda und Chomutov haben noch die Chance, sich mit einer Erinnerung zu verewigen. Im Herbst soll es das jährliche gemeinsame Treffen im Computermuseum geben. Durch Corona haben die Jugendlichen sogar mehr Zeit als gedacht: „Wegen Corona ist das Projekt bis 2021 verlängert worden“, sagt Zdenek Dytrt. Das bedeutet: Es ist noch ausreichend Zeit für eine Top-Erinnerung.
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Zuse-Computermuseum


Das Zuse-Computermuseum ist im Januar 2017 am neuen Standort im Elfgeschosser in der Dietrich-Bonhoeffer-Straße eröffnet worden. Es wird getragen von der ZCOM-Stiftung, die ihren Sitz in Hoyerswerda hat. Hauptstifter sind die Wohnungsgesellschaft Hoyerswerda und der Verein „Konrad-Zuse-Forum Hoyerswerda“.

Die Ausstellung zeigt die Entwicklung der Rechen- und Computertechnik. Im Fokus steht dabei Konrad Zuse, der in den 1920er-Jahren in Hoyerswerda Abitur gemacht hat. Im Jahr 1995 ist Konrad Zuse Ehrenbürger Hoyerswerdas geworden. Hoyerswerda nennt sich seitdem „Konrad-Zuse-Stadt“.

Über Zuses Rechenmaschinen hinaus sind auch Modelle von IBM, Apple, Nixdorf und Robotron zu sehen. In Hoyerswerda sind unter anderem Computer-Bildschirme und Radios gebaut worden.

Zudem bietet das Computermuseum mit dem „Zuse-Archiv“ einen Anlaufpunkt zu Fragen der Entwicklungsgeschichte des Computers.

Im Jahr 2019 hat das Zuse-Computermuseum etwa 10 000 Gäste begrüßen können.