Von Rita Seyfert

Wehmütig betrachtet Sonja Probst (35) ihre alten Schwarz-Weiß-Fotos. Damals gewann sie mit ihrer Akrobatik-Nummer sogar Preise. Doch seit ihrem schweren Unfall hing sie nie wieder am Seil. Während einer Vorstellung in Meerbusch bei Düsseldorf war die Fußschlaufe gerissen. Die 15-Jährige stürzte neun Meter tief. Danach wurde es dunkel.

„Nur an den Tag davor erinnere ich mich“, sagt sie. „Ich hatte gerade ein neues Kostüm probiert und war stolz wie Oskar.“ Dann geschah das fürchterliche Drama. Ihre Schwester Stephanie (32) sieht es noch vor sich. Als die Musik plötzlich stoppte, ahnte sie nichts Gutes. Panisch rannte sie in die Manege und sah ihre Schwester bewegungslos auf dem Boden liegen.

Dass ihr die Gehirnmasse aus den Augen, Ohren und der Nase lief, weiß Sonja Probst nur von Erzählungen. Vier Wochen verbrachte sie in tiefer Bewusstlosigkeit. Ein Hubschrauber flog die junge Artistin ins Krankenhaus. Der damals zweitbeste Gehirnchirurg der Welt flickte sie wieder zusammen. 13 Stunden dauerte der Eingriff.

Nach dem Koma musste das tapfere Mädchen alles erst wieder lernen, ihre Muskeln aufbauen, laufen, auch sprechen. Ein langer Weg folgte. „Im September war der Unfall, Ende Februar durfte ich aus der Reha“, sagt sie. Danach folgte ein medizinischer Eingriff nach dem nächsten. Ihr Gesicht musste wieder hergestellt werden. Insgesamt 30 Operationen hat sie hinter sich, 2015 die vorerst letzte.

Das Leben ging weiter. „Zwischenzeitlich war ich auch mal Clown“, erzählt sie. Die Sehnsucht nach der Manege war geblieben. Und in der Arbeit als Kasper sah sie die Chance, dort anzuknüpfen, wo sie aufhören musste. Sie wollte andere zum Lachen bringen, obwohl ihr selbst zum Weinen war. Eine Milchmädchen-Rechnung, die am Ende natürlich nicht aufgehen konnte.

Zwar habe sie inzwischen durchaus schwarzen Humor. Doch für den Narrenjob müsse man geboren sein. „Mit einer Luftakrobatin hat das Publikum Verständnis, wenn mal etwas nicht klappt“, erzählt sie. Doch mit dem Komiker kennen die Zuschauer keine Gnade. Das bekam sie bitter zu spüren.

Nach fast zehn Jahren hängte sie ihre Rolle als Spaßmacher an den Nagel. Wie ein Befreiungsschlag sei das gewesen. „Tief in meiner Seele werde ich immer eine Artistin bleiben“, sagt sie. Heute arbeitet Sonja Probst nur noch hinter den Kulissen, organisiert die Tournee, kümmert sich um die Werbung oder stärkt der Kompanie den Rücken.

Eins ist sicher, ohne den Zusammenhalt der ganzen Mannschaft hätte der Zirkus Probst seine Höhen und Tiefen nie überstehen können. In der größten Krise, als Vater Reinhard Probst (63) krank vor Sorge am Bett seiner bewusstlosen Tochter saß, zogen alle an einem Strang. Ob Mongolen-Truppe, Raubtier-Leute oder die ukrainischen Artisten, der Laden lief weiter.

So ist es bis heute. Erst diese Woche schlugen die 60 Mitarbeiter des Familienunternehmens ihr Zelt auf dem Zirkusplatz am Gondelteich in Hoyerswerda auf. Und während Sonja Probst die Presse kontaktiert, trainiert ihre jüngere Schwester Stephanie neben den Zebras, Dromedaren und Kamelen vor allem die Pferde.

Auch Töchterchen Celina (5) hatte schon ihr Debüt. Gemeinsam neben den Eltern übernimmt das Kind einen Part in der Ziegen-Nummer. „Nur zum Reinschnuppern“, erklärt ihre Mutter. Dabei lässt sich kaum mehr leugnen, dass in ihren jungen Adern das Blut einer Artistin fließt.

Fast täglich übt das Mädchen mit der Moskauer Trapezkünstlerin Spagat und Brücke. Dass sie unbedingt mal eine Tuchnummer in der Luft machen möchte, gefällt ihrer Mutter eigentlich nicht. „Ich möchte lieber, dass sie mit den Füßen auf dem Boden bleibt“, sagt Stephanie Probst. Wenn sie es aber unbedingt will, werde sie es nicht verhindern können. Patentante Sonja sagt zu den Ambitionen ihrer Nichte: „So komisch es klingen mag, ich würde es unterstützen, dass sie in die Luft steigt“, sagt sie. Beim Zirkus Probst geht es schließlich immer weiter.