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| 18:08 Uhr

Zinkweiß
Eine Brache voller Erinnerungen

Die Zinkweiß-Industrieruine wird bis September 2019 aus Bernsdorf verschwunden sein.
Die Zinkweiß-Industrieruine wird bis September 2019 aus Bernsdorf verschwunden sein. FOTO: LR / Anja Hummel
Bernsdorf. 150 Jahre Industriegeschichte werden in Bernsdorf weggebaggert. Während die Zinkweißhütte verschwindet, schwelgen Ex-Werksleiter und Prokurist in Erinnerungen. Von Anja Hummel

Dieter Rühlich zückt seine Visitenkarte. Wie üblich stehen darauf Name, Unternehmen, Funktion. Doch abgesehen von seinem Namen ist davon nichts mehr aktuell. „Produktionsleiter Zinkweißhütte Bernsdorf“ ist auf der kleinen weißen und völlig unversehrten Karte vermerkt. Das war einmal – vor gut 25 Jahren. Nun steht Dieter Rühlich neben dem Bagger, der gerade den ehemaligen Fahrradschuppen niedergerissen hat. „Dort stand ganz früher mal ein Kriegerdenkmal“, ruft der 83-Jährige und schaut auf das eingefallene Mauerwerk. Neben ihm steht Walter Bramborg. Er nickt zustimmend, wendet sich Rühlich zu. „Am schlimmsten waren damals die Kündigungen“, sagt er mit wachen Augen. Wie viele er davon nach der Wende aussprechen musste – „zu viele“. Knapp 37 Jahre war Walter Bramborg Werksleiter der Zinkweißhütte in Bernsdorf. Er war dabei, als hier monatlich noch 1500 Tonnen Zinkoxid produziert wurden, als die Grillo-Werke Goslar die Hütte 1990 übernommen haben und auch als der Markt die Bernsdorfer zum Produktionsstopp drängte.

Heute steht er mit seinem Kollegen Rühlich wieder hier. Vor einer Ruine, die bis zum kommenden Jahr vollständig von Bernsdorfs Bildfläche verschwunden sein soll. Ein „Schandfleck“ ist daraus geworden, sagt Bramborg empört. „Es ist entsetzlich, die Menschen sind richtige Ferkel.“ Das riesige Areal ist vermüllt und steckt voller Gefahren. Bernsdorfs Bürgermeister Harry Habel bezeichnet die Brache als „Abenteuerspielplatz“. „Hier kann man sich wirklich das Genick brechen.“ Gullideckel fehlen, Autowracks sind auf dem Gelände verteilt, die Hallen einsturzgefährdet. Traurig, was in all der Zeit entstanden ist, resümiert Habel. „Deswegen haben wir uns als Kommune des Abrisses angenommen“, sagt der Bürgermeister. 2017 gab es den Bescheid vom Freistaat. Nur dank Fördermitteln in Höhe von knapp zwei Millionen Euro kann der Bagger den 150 Jahren Industriegeschichte jetzt zu Leibe rücken.

„Die Windschutzscheibe ist größer als der Rückspiegel“, sagt Sachsens Innenminister Roland Wöller, der mit dem Abriss einem Neustart entgegenblickt. Bei den ersten Abbrucharbeiten ist er vor Ort, lenkt die Baggerschaufel für einen Moment sogar höchstpersönlich. „Wir reduzieren damit nicht nur Gefahrenquellen und Schäden für die Umwelt, sondern werten die Gemeinde erheblich auf und unterstützen die nachhaltige Entwicklung“, so Wöller. Im ganzen Freistaat werden Ruinen wie die Zinkweißhütte mithilfe des Landesbrachenprogrammes beseitigt. Was mit dem Bernsdorfer Areal passieren soll? Habel hofft, dass an dieser Stelle mal ein Industriegebiet entsteht. Aber: „Wir müssen die Altlastensituation klären“, sagt er. Ohne die Hilfe des Freistaates? Unmöglich. Dass Altlasten vorhanden sind, ist bekannt. Das Umweltamt wird die Abrissarbeiten begleiten.

„Es warten sicher einige Überraschungen auf uns“, ist sich Uwe Röllich sicher. Der Projektmanager blickt auf eine Karte, die das Areal farblich in drei Bereiche einteilt. Dort, wo damals die Produktion stattfand, wird unter der Erde die meiste Kontamination vermutet. „Das ist typisch für Gaserzeugungsstandorte. Da fallen Teer und Ammoniakwasser an. Früher wurde das einfach in den Boden zurückgeführt“, erklärt Röllich. Für die Abrissarbeiten bedeutet das: Regelmäßig werden Bodenproben genommen, die vom Umweltamt überprüft werden. Dort, wo sich ein Altlastenverdacht bestätigt, darf in der Tiefe erst einmal nicht weiter entkernt werden.

Die Zinkweiß-Industrieruine wird bis September 2019 aus Bernsdorf verschwunden sein.
Die Zinkweiß-Industrieruine wird bis September 2019 aus Bernsdorf verschwunden sein. FOTO: LR / Anja Hummel

Im Jahr 1870 begann die industrielle Zinkweißproduktion in Bernsdorf. Sie wurde schrittweise ausgebaut und hatte auch in der DDR innerhalb eines volkseigenen Betriebes Bestand. Im Jahr 1993 wurde der Betrieb infolge seiner Privatisierung stillgelegt. Dieter Rühlich und Walter Bramborg könnten mit ihren Erinnerungen Geschichtsbücher füllen. 170 Beschäftigte gab es, das Zinkoxid wurde an die Lackindustrie geliefert, kam aber auch in der Reifen- und Glasproduktion sowie in der Pharmazie zum Einsatz.

Pünktlich morgens um sechs war für Dieter Rühlich Dienstantritt. Der damalige Prokurist aus Bernsdorf verschaffte sich zuallererst einen Überblick. „Was ist an Fertigware da und was wird gebraucht“, so der tägliche Schnellcheck. 70 Prozent des Produktes wurden an die Farbindustrie geliefert, erinnert sich der Rentner. Gemeinsam mit seinem ehemaligen Chef steht er immer noch vor dem eingefallenen Fahrradschuppen, während Verwaltung und Bauunternehmer nur wenige Meter entfernt längst auf den Abbrissstart angestoßen haben. Beide Herren wissen: Der Abriss tut Not. Und trotzdem: Während ein Auge lacht, tränt das andere. Für sie ist das verwilderte Gelände schließlich weitaus mehr als nur eine schändliche Industriebrache voller Gefahren.

Sachsens Innenminister Roland Wöller (2.v.l.) kam zum Startschuss für den Zinkweiß-Abriss nach Bernsdorf.
Sachsens Innenminister Roland Wöller (2.v.l.) kam zum Startschuss für den Zinkweiß-Abriss nach Bernsdorf. FOTO: LR / Anja Hummel

In einem Video auf www.lr-online.de/video erinnert sich Walter Bramborg kurz vor dem Abrissstart an die damalige Zeit als Werksleiter.